Berlin - Die Namen der Schauspieler laufen in Brailleschrift über den dunklen Bildschirm, eine blinde Frau gerät in einen Raubüberfall. „Müssen wir die jetzt auch erschießen?“, fragt die Räuberin ihren Kompagnon. Der Auftakt des Mainzer „Tatorts“ ist vielversprechend. Doch nach zwei Minuten erscheint Heike Makatsch als Kommissarin Ellen Berlinger an der Tankstelle und schiebt sich sofort in den Mittelpunkt. „Ich bin alleinerziehend. Meine Tochter müsste ins Waisenhaus“, erklärt sie völlig unvermittelt einem Streifenpolizisten.

Diese unangenehme Egozentrik ist leider das Kennzeichen der SWR-„Tatorte“ mit Heike Makatsch. Vor fünf Jahren lief ihr erster Auftritt, damals noch in Freiburg, als „Tatort“-Special – wahrscheinlich weil Makatsch eine schwangere Kommissarin spielte und selbst schwanger war. Schon damals wurden die Probleme der Kommissarin mit ihrer Mutterschaft breit ausgestellt: Sie hatte ihre erste Tochter von ihrer Mutter aufziehen lassen. Das Thema setzte sich fort im zweiten Auftritt 2018, nunmehr in Mainz. Doch dieser Krimi lief vor dreieinhalb Jahren. Wer kann das alles noch wissen – und vor allem: Wer will das alles noch wissen? Diesmal taucht der Kindsvater ihrer Tochter auf, ein englischer Top-Musiker, und Ellen Berlinger redet mit ihm englisch, was die Zuschauer womöglich daran erinnern soll, dass Makatsch mal mit Daniel Craig liiert war.

Die Kommissare bleiben blass

Dabei wäre der eigentliche Fall um die blinde Tatzeugin es wert gewesen, komplett im Zentrum zu stehen. Die Geschichte einer jungen Frau, die vehement um einen Ausbruch aus der allzu behütet-spießigen Obhut ihrer Eltern kämpft, dank ihrer geschärften Sinne die Täter erstaunlich gut beschreiben kann, sich sogar vor die Räuberin stellt und sich zu ihr hingezogen fühlt, das hätte großes Kino werden können – wenn sich Buch und Regie ganz auf sie und ihre Perspektive konzentriert hätten.

Die gebürtige Berlinerin Henriette Nagel, bislang im Fernsehen kaum aufgefallen, gibt hier eine ebenso berührende wie beeindruckende Vorstellung. Dagegen bleiben die Figuren der Kommissare blass. Auch Sebastian Blomberg darf seine unbestrittene Klasse nur andeuten. Sein Kommissar Rascher fällt eher mit seltsamen Szenen auf. So tappt er mit geschlossenen Augen durchs Polizeirevier, rennt eine Kollegin samt heißem Kaffeebecher um und nennt das Ganze auch noch „Ermittlungsarbeit“. So blind muss man erst mal sein.

Wertung: 3 von 5

Tatort: Blind Date, Sonntag, 24. 10., 20.15 Uhr, ARD

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