Kino International

Abseits des üblichen Kinogängerverkehrs ein paar halbe Treppen rauf, dann durch eine Tür, die – Vorsicht, Kopf einziehen! – mehr eine Luke ist, und schon steht man in einem fensterlosen Verschlag, wo Kinomitarbeiter schwarze Großbuchstaben zu Wörtern, Sätzen, Filmtiteln vorbauen. Später hängen sie im Leuchtkasten an der Außenfassade. Zu Beginn des ersten Lockdowns stand da: „TAKE CARE OF EACH OTHER.“ Zurzeit: nichts.

Der Buchstabenverschlag im Kino International, das wie ein Retroradiowecker mit Überbiss auf die Karl-Marx-Allee guckt, ist nicht gerade das, was Architekt Josef Kaiser meinte, als er von einem „Ort festlicher Zusammenkunft für eine erlebnisbereite Gemeinschaft“ sprach. Das gilt vor allem für die zweitbeste Panoramabar der Stadt, in der die Ostsechziger so überzeugend stehengeblieben sind, dass hier regelmäßig gedreht wird.

Aus der Panoramabar machten die Macher der Miniserie „The Queen‘s Gambit“ zuletzt ein Hotelrestaurant. So konnte man während der Pandemie Netflix schauen und sich zumindest einbilden, im Kino zu sein. Dabei saß man nur auf der Couch, dem Ort flauschiger Einsamkeit und erlebnisbefreiter Isolation. Nach der Pandemie beginnt hoffentlich das alte Leben. Wird der Wecker neu gestellt. Paul Linke

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Illuminiert: Das Kino International

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Kosmetiksalon Babette

Ein Kleinod im wahrsten Sinne des Wortes ist der Pavillon auf der Karl-Marx-Allee. Gegenüber befindet sich das Kino International und in direkter Nachbarschaft das Café Moskau.

In dem filigranen Glaskubus war zu DDR-Zeiten der Kosmetiksalon Babette beheimatet, nach der Wende wurde der Pavillon, der von Josef Kaiser und Horst Bauer entworfen wurde, von der Treuhand verwaltet und 2008 von der TLG Immobilien an die Nicolas Berggruen Holdings verkauft. Davor war die Bar Babette ein paar Jahre lang the place to be. Der Raum mit der schwebenden Treppe gibt freie Sicht auf die wunderbare Karl-Marx-Allee und das Kino International, das wie die Babette und das Café Moskau zum selben Ensemble gehört.

Ein Abend in dem Glaskubus fühlte sich schon aufgrund der Bauweise wunderbar urban an, man saß drinnen, ohne sich eingeschlossen zu fühlen, Partys wurden gefeiert, internationales Publikum kam nach den Filmpremieren im Kino International herüber, um zu trinken. Die Bar Babette war ein Ort, der in den 2000er-Jahren so sophisticated war, dass er bis heute in bald jeder Erzählung auftaucht, die sich mit der Dekade beschäftigt, in der Berlin-Mitte zum Synonym für urbane Hipness wurde.
Marcus Weingärtner

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Filigran, fein, ach, im ganzen einfach wunderbar: Der Kosmetiksalon Babette auf der Karl-Marx-Allee.

Sony Center

Hier kommt ein Geheimtipp: Wer einmal Besuch von außerhalb bekommt, sollte mit diesem in den Fahrstuhl vom Kino Arsenal steigen. Doch statt die „-2“ für das Kino, drückt man die „9“ und schaut durch die Glaswand dabei zu, wie der Boden sich immer weiter entfernt. Dann in den neunten Stock und dort einfach so tun, als sei man ein Student der Deutschen  Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) oder gleich ein Filmstar. 

Die Belohnung ist ein fantastischer Blick von der Terrasse des Cafés der DFFB. Man kann die Füße auf dem Geländer parken, sich zurücklehnen, sehr lange Gespräche führen und dabei eine der schönsten Architektur-Wunderwerke von oben betrachten. Eröffnet wurde das Sony Center im Jahr 2000, im Sommer. Die runde Glaskuppel mit dem Loch in der Mitte, sie erregte erst Aufsehen und wurde über die Jahre einesr der hübschesten Hüte auf der Skyline dieser Stadt. 

Helmut Jahn hat es entworfen und damit ein Stück Japan nach Berlin gebracht. Denn ursprünglich soll das Gebäude an den heiligen Berg Fuji erinnern und somit den Mitarbeitern des Elektronik-Herstellers täglich etwas Heimatgefühle wecken. Dass es wie die Neonlichter im japanischen Rotlichtviertel im Minutentakt die Farbe wechseln muss, kann deswegen nicht verwundern.  Lila und Blau stehen dem Haus am Besten. 

Etwas schade ist, dass der Mietvertrag des Kinos Cinestar nicht verlängert wurde. Von der Terrasse des DFFB-Cafés aus hatte man immer einen schönen Blick auf den riesigen aufblasbaren Spiderman, der sich bei neuen Marvelfilmen immer an der Fassade herunterließ. Sören Kittel 

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Prägend: Die Kuppel des Sony Centers, entworfen von Helmut Jahn.

Philosophisches Institut an der Freien Universität Berlin

Die Gebäude der Architekten Hinrich und Inken Baller sind in Berlin hoch umstritten. Die einen lieben ihre filigranen 1980er-Jahre-Bauten, die anderen spüren beim Anblick der Baller-Architektur nur Ekel und Hass (etwa Berliner-Zeitung-am-Wochenende-Redakteur Marcus Weingärtner, Anm. d. Red.). Die einen denken an Leichtigkeit und türkisen Hundertwasser-Charme, die anderen sehen in der Architektur die kitschig dahingeworfene Spießigkeit eines als Punk camouflagierten West-Berlins, in dem jeder Stein den Odem des Kalten Kriegs verströmt. Die Ballers haben ihre Duftnoten in der ganzen West-Stadt verteilt. Gemeint sind das Wohnhaus am Winterfeldtplatz, der Gebäudekomplex an der Admiralbrücke, der Kindergarten in Schöneberg und noch viel mehr. 

Mein Lieblingsgebäude der Ballers ist allerdings der Neubau des Philosophischen Instituts an der Freien Universität Berlin. Während die Rost- und Silberlaube an der FU Berlin in Dahlem wie ein schlechter Scherz der US-Amerikaner daherkommt (in den Gängen des Gebäudes kann man sich so leicht verirren, als wäre es Absicht), ist das Baller-Gebäude der Philosophen klein, luftig, keck. Innen drin wirkt das Haus wie ein Hippie-Palast eines Frank Lloyd Wright mit viel Holz, geschwungenen Treppen, breiten Fenstern und einer hervorragenden Licht-Ökonomie. Hier kann der Geist denken. Gerne mehr davon! Tomasz Kurianowicz

Der Neubau des Philosophischen Instituts an der Freien Universität Berlin

Der Rüdesheimer Platz

Die Kosmetikerin mit dem 20-Jahre-Jubiläumsschild im Fenster wässert den Rhododendron in ihrem Vorgarten. Am Rüdesheimer Platz bestaunt eine Kitagruppe gesittet die Enten am „Siegfriedbrunnen“, der Polizist an der Bushaltestelle sagt ein paar nette Worte über meinen Hund. Hoppla, kann das Berlin sein?

Der Kiez heißt Rheinisches Viertel und liegt im südlichen Wilmersdorf, doch in den Straßen zwischen Südwestkorso und Rüdesheimer Platz fühlt man sich eher wie in einem deutschen Traum von England. „Inspector Barnaby“ meets Stefan Zweig, dazu eine Extraportion Gärtnerglück mit Rosenspalieren und zu Rieseneiern formgeschnittenen Eiben. Die „ideale Zusammenfassung von Großstadt und Dorfcharakter“ (so 1912 die Bauzeitung für Württemberg-Baden-Hessen-Elsass-Lothringen) charmiert mit dunkelgelben Putzfassaden unter steilen Giebeln, Erkern, Sprossenfenstern und jenem pointiert gesetzten grafischen Stuck, der uns unbedingt sympathischer sein muss als Jugendstilgeranke. Zwischen 1905 und dem 1. Weltkrieg wurden hier Mehrfamilienhäuser in jenem Look gebaut, der bis dahin für Riesenvillen von Muthesius & Co. reserviert war. Wer nach dem Tagwerk hierher heimkommt, hat was davon: Über schräge „Gartenterrassen“ geht es hoch zur trutzigen Haustür unter Windfang-Loggia mit Mosaik und Säule. Da wünscht man sich doch einen Abend mit ordentlich Regen und Sturm.

Spielplatz, Lebensmittelläden, Florist, Reinigung: Der Rüdesheimer Platz bietet eine komplette Alltagsfolie, mal nicht für die ökonomischen Extreme der Gesellschaft (als Sozialsiedlung oder Gated Community) geplant, sondern für deren obere Mitte, für Angestellte, Anwälte und Ärzte, erfolgreiche Künstler und andere Freiberufler. Und wem haben wir dieses Ensemble planerischer Exzellenz zu verdanken? Einem jüdischen Gentleman namens Georg Haberland, der mit seiner Terrain-Gesellschaft Berlin-Südwest als Bauträger fungierte und dabei auf den jungen Architekten Paul Jatzow setzte. Haberland „optimierte“ seine Investorenrendite nicht bis zu fünften Nachkommastelle, sondern setzte auf ästhetische Qualität und Kohärenz. Und damit auf echte Nachhaltigkeit, wie wir 115 Jahre später feststellen. Vielleicht machen die Anzugmänner von Vonovia und Deutsche Wohnen ja mal einen Ausflug mit der U3 zum Rüdesheimer Platz. Reisen bildet, gerade das innerhalb von Berlin. Margit J. Mayer

Stephan Meyer
Da will man hin: Wohnhäuser am Rüdesheimer Platz.

Welche Gebäude lieben Sie? Welche würden Sie gerne abreißen? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.