Berlin - Eine Tätigkeit, die ich nicht so gut finde, heißt Warten. Wobei: Ist es überhaupt eine Tätigkeit? Im Wörterbuch von Oxford Languages wird „warten“ so beschrieben: „Dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint.“ Ich sehe also dem Eintritt eines Ereignisses entgegen und die Zeit vergeht besonders langsam. Ich warte. So wie gerade das ganze Land, die ganze Welt. Zustand der Erde? Im Wartesaal. Ich warte auf einen Impftermin, auf ein Schnelltest-Ergebnis, auf den nächsten Lockdown, auf eine Perspektive, auf die Außengastronomie, auf den zweiten Corona- Sommer, eine Umarmung unter Freunden, einen Drink in der Bar, vor allem aber: auf ein Ende. Darauf, dass das Virus sagt: Tschüss, Leute! War schön gewesen.

Manchmal, während ich warte, denke ich mir, ähnlich wie Armin Laschet, neue Lockdown- Namen aus. Lockdown-Quattro-Stagioni. Lockdown-to-go. Lockdown-nach-Hausfrauenart. Wellenbrecher-Würfelbecher-Kupferstecher-Lockdown. Wollt-ihr-den-totalen-Lockdown? Ist-dein-Bock-down-Lockdown. Lockdown-super-hart-wie-zu-lang-gekochtes-Ei. Der Lockdown-zum-letzten-Gefecht. Showdown-Lockdown. Manchmal, während ich warte, stelle ich mir vor, wie es wohl sein wird, wenn die Pandemie vorbei ist. Wird es eine große Feier geben? Einen Tag der Befreiung? Werden die Menschen auf den Straßen tanzen und Hüte in die Luft werfen, wie nach dem Ende eines Weltkrieges? Gut, es gibt heute nicht mehr so viele Hutträger. Aber einfach zur „Normalität“ zurückkehren, wäre das nicht ein bisschen öde? Irgendwie: unangemessen? Manchmal, während ich warte, denke ich daran, wann ich das letzte Mal ähnlich lange auf etwas gewartet habe. Vermutlich war es die Liebe. Selbst in der Liebe, die ihrem Wesen nach unvorhersehbar und willkürlich ist, hatte ich – anders als jetzt – aber immer das Gefühl: Ein bisschen was kannst du schon tun, für die Liebe. Du bist nicht völlig machtlos. Ein Freund, der heute zweimal geschieden ist, gab mir damals oft den unendlich weisen Liebes-Ratschlag: Wer ficken will, muss nett sein. Was soll ich sagen? Covid muss nicht mal nett sein, um uns zu ficken.

Manchmal, während ich warte, denke ich an andere Menschen, die auch warten. Ich finde das tröstend, die Erkenntnis: Du bist nicht allein. Nur ein Wartender unter Millionen. Meine Eltern sind 87 und 84 Jahre alt, und sie warten darauf, wieder in ihrem Senioren-Chor singen zu dürfen. Mein Vater sagt traurig: Ich weiß nicht, ob es den Chor dann überhaupt noch gibt, nach all der Zeit. Wenn man alt ist, wird Warten existenziell. Warten frisst die kostbaren Lebenstage. In Sao Paulo sitzt Angelina, die brasilianische Großtante meiner Frau, in einer kleinen Wohnung im 9. Stock und wartet darauf, ein letztes Mal zu uns nach Berlin reisen zu können. Ihr großer Traum. Sie ist 94 Jahre alt. Brasilianer dürfen wegen Corona zurzeit nicht nach Deutschland einreisen. Ich weiß nicht, ob sie noch mal kommen wird. Manchmal, während ich warte, und mürbe und völlig (lock)down bin, höre ich ein Lied über das Warten. Von der Band Blumentopf. Die Wartezeit wird dadurch nicht kürzer. Aber schöner.

„Wir tun’s bei Regen und bei Sonnenschein,
Wir tun’s im Kindergarten und im Seniorenheim.
Wir tun’s vor Mikrowellen, Achterbahnen und vorm Weihnachtsbaum,
Unter Vordächern vor Fachgeschäften und Bettdecken voll weicher Daun.
Wir tun’s vor Fensterscheiben und hinter der Tür,
Und beim Arzt gibt es sogar ein eigenes Zimmer dafür.
Jo, wir warten.
Ständig irgendwo und verschwenden so viel Zeit.
Wir warten. Fragen uns, wann ist es endlich so weit.
Und wir warten.“


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo