Berlin - Als Mareice Kaiser versuchte, ihr zweites Buch an einen Verlag zu bringen, bekam sie erst mal eine Absage. Die Zielgruppe habe zu wenig Zeit und greife ja sowieso eher nicht zum Buch, hieß es darin. Umso schöner, dass „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ nun ein Bestseller geworden ist. Heißt es doch, dass die Zielgruppe eines poetisch politischen Buchs zum Thema Mutterschaft doch nicht so spitz ist, wie der eine oder andere Verlag vermuten mag.

Spätestens die Corona-Pandemie hat mehr Menschen klargemacht, dass es tatsächlich so nicht weitergeht. Arbeiten, erziehen, pflegen und leben zugleich: Es geht nicht. Zumindest nicht, ohne dabei ein Unbehagen zu spüren. Darüber, dass in der Organisation unserer Gesellschaft irgendwas nicht richtig läuft. Umso ehrlicher ist es, dass die Journalistin und Autorin in ihrem Buch gar nicht erst vorgibt, dass Kind und Familie vereinbar wären, wenn man sich nur viel Mühe gäbe oder die Betreuung outsourcte. Sie erklärt lieber das Problem mit dem Begriff „working mum“ – und warum eine 20-Stunden-Woche für alle gut wäre.

Rowohlt Polaris
Das Cover des Sachbuchs „Das Unwohlsein der modernen Mutter“

Damit beschreibt Kaiser keine neuen Phänomene. Mental Load, Gender Pay Gap, Bodyshaming, all das ist längst Teil des Diskurses der Mutter-Blase und auch darüber hinaus. Kaiser zitiert wichtige Autorinnen in ihrem Text, die beschreiben, wie sie zwischen der Doppelbelastung zerrieben werden oder wegen ihres Geschlechts weniger verdienen. Aber, und das ist der vielleicht schönste Aspekt dieses Buches, es richtet sich nicht an die Bubble. Kaiser schreibt niedrigschwellig und nimmt Leser und Leserin an die Hand.

Sie schreibt auch nicht von „strukturell“, wenn sie nicht mehr weiterweiß, sondern beschreibt feinfühlig ihr Empfinden, ihr ganz persönliches Erleben. Über ihre Mutter, über ihren Sex, über Armut bei Alleinerziehenden, die fast immer Mütter sind. Über Masturbation und Körper und Kunst. All das wird ergänzt durch Statistiken, Studien. Auch durch Forderungen und Vorschläge, wie es allen besser gehen könnte. Und dabei schaukeln ihre Sätze die Lesenden wie Eltern ihre kleinen Kinder.

Es könnte sein, dass es dieses Buch tatsächlich schafft, ein paar Nicht-Eltern oder Väter zu erreichen. Denn wie schreibt Kaiser: Neuen Vätern fehle es nicht an Vorbildern, es gebe sie ja, es seien die Mütter. Und das meint sie gar nicht besserwisserisch. Sie formuliert eher, was sich die meisten Mütter wünschen: Unterstützung. Weil sie eben nicht alles besser machen wollen, sondern ganz einfach nur nicht allein.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.