Berlin - Wie definiert man Dazugehörigkeit, wenn die alte Heimat verloren ist, man aber nie ganz in der neuen Heimat ankommt? Wana, die Protagonistin in Mariam T. Azimis „Tanz zwischen zwei Welten“, wurde in Afghanistan geboren, lebt aber seit ihrer Kindheit in Deutschland. Die junge Übersetzerin gerät nach der Beerdigung ihres Vaters in einen schweren Autounfall. Aus dem künstlichen Koma erwacht, muss sie sich den Scherben ihrer Existenz widmen. Die Beziehung zum Vater ihres Sohnes zerbricht, sie stürzt in existenzielle Nöte und ist auf die Hilfe ihrer Familie angewiesen. Dabei hatte sie sich von ihrer Familie und der alten Welt, die sie symbolisiert, losgesagt, um endlich in der neuen Welt anzukommen.

Azimi zeichnet ein einfühlsames Porträt ihrer Protagonistin auf drei Zeitebenen: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter. Bereits an ihrem ersten Schultag muss Wana erkennen, dass sie hier, in Deutschland, nie ganz dazugehören wird. Weil sie die Codes nicht beherrscht, anders aussieht, anders ist. Wana erlebt aber nicht nur in der neuen Heimat ihre Fremdheit. Auch die Traditionen Afghanistans werden ihr wie ein fremdes Kleidungsstück übergestülpt – buchstäblich, denn die Mutter behängt die Tochter mit einem traditionellen Gewand, das sie förmlich zu erdrücken droht. Doch die Traditionen, an die Wanas Mutter sich klammert, sind ihrerseits bereits anachronistisch, da auch Afghanistan sich verändert hat. Für die Mutter aber bleibt das Bild des Landes wie auf einem Foto gebannt.

Die jugendliche Wana rebelliert gegen ihre Mutter, die ihre Tochter bei jeder Gelegenheit wie Vieh auf dem Markt anpreist – so sieht es Wana. Der Teenager wird schwanger, muss die Schwangerschaft der Mutter gestehen, um abtreiben zu können. Danach ist zwischen den beiden nichts wie zuvor.

Alles verändert sich, als ihr alter Schulfreund Niko in das neue Leben Wanas tritt. Dessen demente Mutter hat selbst eine Flucht erlebt. Wanas Mutter empfindet keine Berührungsängste, versteht instinktiv, was Nikos Mutter fehlt. Beide Frauen leben in der Vergangenheit. Man könnte dem Text an dieser Stelle vorwerfen, dass diese Doppelung der Fluchtgeschichten etwas gezwungen wirkt. Zumal es in der deutschen Gegenwart nicht unbedingt die Elterngeneration ist, die Fluchtgeschichten zu erzählen hat. Der Text braucht diese Doppelung aber als Vehikel der Verständigung. Die beiden Fluchtgeschichten sind wie Übersetzungen ein und derselben Erfahrung. Und wenn Wana Nikos Mutter verstehen kann, dann womöglich auch ihre eigene.

Wertung: 4 von 5 Punkten

Mariam T. Azimi: Tanz zwischen zwei Welten. List Verlag, Berlin 2021 256 S., 19,99 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.