Martha, 34: Ich habe meinen Freund kurz vor dem Lockdown kennengelernt. Aber vor rund einem Jahr hat er sich verändert: Er hat angefangen, regelmäßig mit Drogen zu experimentieren, allein zu Hause. Erst war es nur Kiffen, inzwischen ist es oft LSD und irgendetwas Neues aus Südamerika. Er nimmt sich immer ein Wochenende im Monat „frei“, das heißt auch „frei von mir“. Er will dann „ins Labyrinth“, so nennt er das. Den Rest des Monats ist er für mich da, wir treffen Freunde und verreisen, aber mir macht dieses „Labyrinth“ Angst. Soll ich ihn da rausholen?

Liebe Martha, es klingt so, als ob dein Freund wirklich nur einmal im Monat einen geplanten und abgegrenzten Ausflug in dieses „Labyrinth“ unternimmt und ansonsten einen normalen Umgang mit Genussmitteln hat. Das brasilianische Mittel heißt Ayahuasca und wird im Amazonasgebiet wahrscheinlich seit über tausend Jahren für religiöse Zeremonien gebraut. Für diesen Zweck ist die Herstellung und Verabreichung in Brasilien sogar legal. Der darin enthaltene Stoff DMT ist wie LSD ein ordentliches Halluzinogen und in Deutschland verboten. Im besten Fall ist dein Freund hier auf der Suche nach spirituell-religiösen Erfahrungen, die in vielen Religionen gerne mit Unterstützung von Halluzinogenen gemacht werden. Auch im christlichen Weihrauch befindet sich Incensol als angstlösendes Psychopharmakon – allerdings nur in kleinen Mengen. Die Menschheit hat wohl immer schon ein Bedürfnis nach Rausch und Religion. Sie helfen uns, mit dem Unbehagen umzugehen, dass wir am Ende doch nicht wissen können, warum wir auf dieser Welt sind.

So wie du deinen Freund beschreibst, scheint er bisher sein Bedürfnis nach Labyrinth-Erfahrungen und sein weltliches Leben problemlos ausbalancieren zu können. Die spannende Frage bei einer religiösen Suche ist: Will der Suchende seine innere Welt spirituell erweitern oder flüchtet er damit vor etwas in seinem Leben? Das wäre auch die Bruchstelle für dein Handeln. Erlebst du ihn zum Beispiel nach seinen Labyrinth-Besuchen insgesamt eher bereichert, offener und auch glücklicher, auch wenn du es nicht verstehst? Oder hat er danach überwiegend schwere Tage mit sich und der realen Welt? Jetzt bist du mit 34 Jahren an einer Stelle in deinem Leben, an der die meisten anfangen, sich nach einem Partner für Familie und Kinder umzusehen. Von daher empfehle ich dir, sehr genau hinzuschauen und dir gut zu überlegen, ob du so mit ihm „alt werden“ könntest. Sprich mit ihm so lange über deine Ängste, bis du dich wirklich ernst genommen fühlst.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.