Zürich - Es ist Samstagmorgen, draußen regnet es. Ich bin gerade beim zweiten Kaffee, als es klingelt. Ich drücke auf den Summer, ein bisschen nervös. Der Mann, der da gerade die Treppen heraufkommt, ist mir einerseits völlig fremd. Ich bin ihm zweimal flüchtig begegnet, habe nie länger mit ihm gesprochen. Andererseits habe ich das Gefühl, ihn ziemlich gut zu kennen. Das liegt daran, dass sein früherer Ehemann mir vor einigen Monaten recht ausführlich von ihrer Beziehung berichtet hat; Seitensprünge, Zusammenbrüche, Therapiesitzungen und schließlich die Trennung – ich weiß also einiges über ihn.

Aber nicht nur ich. Die Geschichte dieser Beziehung haben unterdessen mehrere Tausend Menschen gehört. Sie heißt „Zwei Amerikaner in Zürich“ – und sie ist Teil eines Podcasts, den ich seit dem Herbst 2019 betreibe. „Breakup – der Podcast übers Schlussmachen“ hat inzwischen 45 Folgen. Man könnte auch sagen: Es ist eine gigantische Selbsthilfegruppe. Mehr als 20.000 Menschen hören auf allen möglichen Plattformen zu, wie mir alle zwei Wochen jemand eine Trennungsgeschichte erzählt.

Das, was jetzt passiert, ist aber auch für mich Neuland. Ben, der nun meine Wohnung betritt, wurde auf der Arbeit auf den Podcast angesprochen. Diese Episode, „Zwei Amerikaner in Zürich“, die klinge ja irgendwie recht ähnlich wie seine Geschichte. Ben heißt in Wirklichkeit anders. Er will eigentlich nicht in der Öffentlichkeit stehen. Aber als er diese Geschichte, seine Geschichte, im Podcast hört, überlegt er es sich anders. Irgendwann bekomme ich eine SMS: Ob ich Interesse daran hätte, die andere Seite dieser Trennung kennenzulernen?

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Ich zögere. Denn auch wenn „Breakup“ ein ziemlich unzensiertes, ungeschnittenes Format ist – jetzt habe ich das Gefühl, mich auf dünnem Eis zu bewegen. Doch Casey, der frühere Ehemann von Ben, hat kein Problem mit dieser Folge. „Ich finde, das Recht sollte er haben“, sagt er. Ihm habe es ja auch gutgetan, seine Version dieser Trennung in ein Mikrofon zu sprechen.

Selbst enge Freunde wissen manchmal nicht weiter

Wenn ich meinen Podcast erkläre, kommen an dieser Stelle immer die meisten Nachfragen. Warum wollen Menschen ihre privaten Katastrophen öffentlich in einem Podcast verhandeln? Was bringt es ihnen, ihren Schmerz mit so vielen anderen zu teilen?

Denn klar: Wer Liebeskummer hat, der möchte damit erst mal nicht in die Öffentlichkeit. Oft erfahren nur die engsten Freunde, wie schlecht es einem oder einer gerade geht. Und auch diese engsten Bezugspersonen sind hin und wieder hilflos. In den Zuschriften, die ich von Hörerinnen und Hörern bekomme, heißt es zum Beispiel: „Meine Freunde fragen sich nur noch, wann ich endlich eine andere Platte auflege. Es ist jetzt zehn Monate her und alle warten darauf, dass ich über sie hinweg bin. Mir tut es gut, zu hören, dass ich nicht alleine bin.“

So ähnlich geht es mir auch. Meine eigene Trennung ist inzwischen drei Jahre her. Als ich die Idee zu „Breakup“ hatte, war dagegen alles noch relativ frisch. Dass sich mein Freund nach vierzehn Jahren von mir getrennt hatte, beschäftigte mich jeden Tag. Obwohl ich wieder verliebt war, in einer neuen Beziehung, die sich viel gesünder anfühlte, war diese Trennung jeden Tag präsent.

Was mir in dieser Zeit am meisten geholfen hat, waren weder die wissenschaftlichen Studien zur Trauerbewältigung noch die Interviews mit Psychologen – obwohl beides seinen Wert hat. Für mich waren die Geschichten von anderen Menschen, die Ähnliches erlebt hatten, die wichtigste Ressource. Zu hören, wie andere mit einer solchen Krise umgegangen sind, wie sie gelitten und gelernt haben. Irgendwie brachte mir dieser Perspektivwechsel die Gewissheit, dass das Leben weitergeht. Nicht nur für andere Menschen, auch für mich. Dass das, was jetzt so unüberwindbar und schrecklich aussieht, in einem Jahr wieder ganz andere Dimensionen haben wird. Doch diese Gespräche mit Freunden waren selten.

Ich hätte gerne mehr solche Geschichten gehört, Im Internet, in Zeitungen, in Podcasts fand ich aber nur wenige. Im Sommer 2019 hatte ich plötzlich viel Zeit. Mein Liebeskummer war nicht mehr ganz so schlimm. Und: Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Bis zu dem Zeitpunkt war meine journalistische Arbeit vor allem aufs Schreiben, aufs Berichten beschränkt gewesen. Ich kaufte mir ein Mikrofon und las mich in ein paar Foren ein. Ich überredete einen meiner besten Freunde (einen Radioprofi obendrein), mit mir ein Wochenende in die Provinz zu fahren und über das Scheitern der Liebe zu sprechen.

Der Trennungsschmerz verschwand – fast augenblicklich

Es endete damit, dass er einige Teile aus „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von Roland Barthes vorlas. Und ich die Geschichte meiner Trennung erzählte. Es ist eine ziemlich hässliche Geschichte. Wenn es Sie interessiert, können Sie sie gerne anhören, es ist die erste Episode von „Breakup“.

Die Aufregung, als ich einige Wochen später auf „Veröffentlichen“ klickte, spüre ich immer noch. Danach passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Der Trennungsschmerz, der mich bis dahin begleitet hatte, verschwand, fast augenblicklich.

Auch meine Podcast-Gäste sagen das hin und wieder: Nachdem sie ihre Geschichte öffentlich erzählt hatten, ging es ihnen plötzlich deutlich besser. „Es war, als hätte ich diese Sache damit losgelassen“, sagte mir zum Beispiel Helene, die ihre Geschichte im September live vor einigen Hundert Leuten bei der Breakup Podcast Night in Zürich erzählt hatte.

Als ich den Podcast vor anderthalb Jahren startete, war es nicht einfach, Gäste zu finden. Ich fragte Freundinnen und Bekannte, ich sprach zwei Männer an, die in einer Bar über ihre Scheidungen sprachen. Ich schrieb eine geschiedene Pastorin auf Instagram an – und fuhr viele hundert Kilometer in den Norden, um sie in ihrer Kirche zu interviewen. Inzwischen arbeite ich etwas anders. Fast jeden Tag schreibt mir eine Hörerin oder ein Hörer, viele wollen ihre Geschichte erzählen. Seit Corona mache ich viele Aufnahmen übers Internet. Es gibt für mich bis heute keine Abnutzung, keine Geschichte, bei der ich dachte: Jetzt wiederholt es sich langsam.

Das liegt vielleicht daran, dass jede unglückliche Beziehung auf ihre eigene Art unglücklich ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass es bis heute nicht allzu viele ehrliche Geschichten über die Liebe gibt.

Anders als in manch anderen Beziehungspodcasts – von denen ich viele wirklich gerne höre – habe ich nie das Gefühl, nach Themen suchen zu müssen. Jede Trennung steht für sich. Und jede einzelne Geschichte hat mir etwas Neues beigebracht. Etwa, welche Muster es in toxischen Beziehungen gibt. Oder warum manche Menschen so lange in unglücklichen Ehen verharren. Ich weiß heute einiges über die Rechte von geschiedenen Vätern – und darüber, welchen Einfluss psychische Krankheiten auf eine Beziehung haben können.

Ich erinnere mich noch gut an die Geschichte von Karl, der mit 68 Jahren verlassen wurde. An die von Felix, der mehr im Spaß eine Kamera in der Wohnung installiert hatte – und dann bei der Auswertung der Aufnahmen einen Schock bekam, von dem sich seine Beziehung nicht mehr erholte. An Maren, die zwar getrennt ist, aber immer noch mit ihrem Mann zusammen lebt. Und Nina und Christian, die es nach ihrer Beziehung tatsächlich geschafft haben, beste Freunde zu bleiben.

Trennungen sind kein Werbe-Hit

Inzwischen treffe ich meine Hörerinnen und Hörer einmal im Monat virtuell – und habe eine kleine Community, die den Podcast finanziell unterstützt. Den Schnitt übernimmt unterdessen eine Produzentin. So kann ich den Podcast auch ohne große Sponsoren weiter betreiben. Für die Werbe-Kunden, mit deren Hilfe viele Podcaster ihre Sendungen finanzieren, sind Trennungen eher kein Marketing-Hit.

Zu Unrecht, wie ich finde: Für mich ist „Breakup“ kein trauriger Podcast. Im Gegenteil. Es ist eine Plattform für Menschen, die sich trauen, auch von schmerzhaften Erlebnissen zu berichten. Die weiterleben, die frei genug sind, sich verletzlich zu zeigen. Viele tun das, weil sie hoffen, anderen helfen zu können.

Und Ben? Der junge Amerikaner, der an diesem Sonnabend in meiner Wohnung sitzt und einen Kaffee nach dem anderen trinkt, ist vor allem nervös. Er will, dass es gerecht zugeht, dass auch er gehört wird. Und tatsächlich: Obwohl Ben von der gleichen Beziehung erzählt, höre ich jetzt eine völlig andere Geschichte.

Wir unterhalten uns auf Englisch, die Folge wird viel länger als üblich. Es geht nicht nur um seine Trennung, sondern auch um den Tod seiner Mutter, um seine Familie in Vietnam, seine Liebe zu Schweden. Für mich ist das der größte Luxus am Podcasten: Es ist okay, abzuschweifen, auszuholen und am Schluss fast zwei Stunden Gespräch auf Band zu haben. Wer eine so persönliche Geschichte teilt, soll auch den Raum bekommen, von sich zu erzählen.

Drei Tage später schreibt mir Ben. Nach der Aufnahme habe er sich erst „komisch“ gefühlt, dann „kathartisch erleichtert“.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.