Berlin - Es gibt zwei gute Gründe, auch jetzt draußen Sport zu machen. Erstens: Ansteckungen im Freien finden so gut wie gar nicht statt. Das sagen führende Wissenschaftler, darunter der Präsident der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF). In einem offenen Brief an die Bundesregierung heißt es: „Die Übertragung der Sars-CoV-2-Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt.“ Und zweitens: Ein bisschen mehr Bewegung könnte dabei helfen, das Coronapolster loszuwerden. Denn laut einer Umfrage des RBB hat fast die Hälfte aller Berliner und Brandenburger während der Pandemie zugenommen, im Durchschnitt um 5,5 Kilogramm. Wir finden, das sollte reichen als Motivation, um wieder sportlicher werden. Die Sommertage am Müggel- oder Liepnitzsee sind ja nur noch wenige Wochen entfernt. Und wo bringt man sich am besten in shape, wenn Fitnessstudios geschlossen sind? Wir haben vier Orte in Berlin gefunden, wo Körper und Geist gefahrenlos ins Schwitzen kommen. Beginnen wir gleich mit dem Aufwärmprogramm.

Microdosing in Lichtenberg

Ewige Weisheit erlangen, wer will das nicht? Aber wo? Im Landschaftspark Herzberge zum Beispiel. Und wie? So: „Machen Sie Fäuste, winkeln Sie die Unterarme mit Kraft an und legen Sie die Fäuste vorn an die Schultern. Atmen Sie gleichzeitig tief durch die Nase ein.“ Und, klappt schon? Nein? Dann Phase zwei: „Mit Spannung und Kraft strecken Sie die Arme nach vorn und atmen mit einem lauten Pppphhhh durch den Mund aus.“ Und jetzt? Hm.

Der Landschaftspark Herzberge in Lichtenberg ist vor allem für seine Tiere bekannt: für die Rauhwolligen Pommerschen Landschafe, die sich hier auf knapp einhundert Hektar als Biorasenmäääher betätigen und gerade erst Nachwuchs bekommen haben; was Kitagruppen im Umkreis von mehreren Kilometern in Aufregung versetzt. Und für den African Catfish, der hier in Wassertanks gezüchtet wird; auf dem Gelände des ehemaligen VEG Gartenbau Berlin, der sich nach der Wende „schnell an die neue Situation“ habe anpassen müssen, wie auf einer Infotafel steht. „Daran scheiterte es.“ So knapp lässt sich Geschichte auch erzählen.

Weniger bekannt ist der parkeigene Natur- und Gesundheitspfad, der an fünfzehn „Kraftorten“ nicht nur „ewige Weisheit“ verspricht, sondern auch „Entspannung“, „Leichtigkeit“ oder „innere Ausrichtung“. Für pandemiegeschundene Körper und Seelen ist das ein verlockendes Angebot, das allerdings von den Lichtenbergern kaum bis gar nicht wahrgenommen wird. Das ist nicht nur schade. Es ist die vollkommene Missachtung der heilsamen Geomantie. Der was?

Geomanten bezeichnen sich als ganzheitliche Erfahrungswissenschaftler und widmen sich der engen Beziehung zwischen Erde und Mensch, Stadt und Natur. Sie wollen etwa in Kontakt treten „mit der weiblichen göttlichen Polarität“. Blasphemischer formuliert ist Geomantie ein Form des Hellsehens. Ein Erkennen und Erspüren von besonderen Orten, die durch Muster oder Steine im Boden markiert werden. Man benötigt dazu „baubiologisches Wissen“. Vielleicht auch Erfahrung mit Microdosing.

Gehen wir lieber weiter. Station Nummer sechs heißt „Feuerdrache“ und ist mit dem „Feuerelement“ verbunden. „Das bedeutet, man fühlt sich dort sofort zentriert, klar im Kopf und gut gelaunt.“ Bei Nummer sieben, „Begegnung“, soll man die Augen schließen, Empfindungen zulassen. Dann: „Atmen Sie lang und tief in den Bauchraum hinein.“ Und: „Nehmen sie innerlich Kontakt zur Weide auf.“ Die ist nach einem Blitzeinschlag nicht mehr als ein Stück Rinde. Doch aus ihr wachsen bereits neue Ruten. Ach, wie schön ist das Leben. So zwischen Pppphhhh und Määäh. Paul Linke

Inlineskaten auf der Ost-Krone

Irgendwann im März hatte meine Freundin keine Lust mehr, andauernd zu Hause auf das Ende des mal weichen, mal harten Lockdowns zu warten und organisierte sich zu meiner Überraschung ein paar Inlineskates. Weitaus anmutiger als erwartet glitt sie schließlich, nach immerhin 20 Jahren Pause, auf den Rollschuhen, die in den späten Neunzigern in keiner Familie fehlen durften, durch die eher mittelmäßig gepflasterten Straßen unserer Nachbarschaft und tat es dabei zahlreichen anderen Frauen, Männern und Kindern gleich, die ihre Leidenschaft im Lockdown zuletzt (wieder-)entdeckt haben. All ihnen sei die Ost-Krone empfohlen, die ihrem namensgebenden Pendant im Grunewald, dem Kronprinzessinenweg, alle Ehre macht.

Die 6,7 Kilometer lange Strecke an der Bezirksgrenze zwischen Treptow und Neukölln führt vom Britzer Verbindungskanal zum Ernst-Ruska-Ufer die gesamte Zeit am Teltowkanal entlang und ist darüber hinaus ganz hervorragend asphaltiert. Auch wenn Radfahrer die Ost-Krone ebenfalls gerne als Ausflugsstrecke nutzen, ist der Weg breit genug, um ihn sich ohne große Mühe – und vor allem ohne Gefahr! – zu teilen. Profis, die die Leidenschaft für das Inlineskaten nie verloren haben und sich mittlerweile gar auf hochmodernen Speed-Skates bewegen, trifft man hier ebenso wie umfangreich mit Schutzkleidung gepolsterte Anfänger, die noch nie zuvor auf Rollen unterwegs waren und die zahlreichen Bänke und Sitzgelegenheiten am Wegesrand gerne für eine Pause nutzen.

Einzig das etwas abrupte Ende der Strecke, kurz hinter der Autobahnauffahrt Adlershof, trübt die Freude. Daher noch ein persönlicher Geheimtipp: Wer am nicht zu übersehenden Audi Zentrum Berlin links abbiegt, findet sich in höchstens fünf Minuten im Landschaftspark Adlershof wieder und kann dort in Gesellschaft von Schafen (schon wieder Schafe!), allerdings auch auf etwas schlechterem Belag, noch weiterfahren oder den Tag einfach bei einem Picknick ausklingen lassen. Ganz wagemutige Skater finden hier sogar einen kleinen Skatepark mit Bodenwellen und Rampen. Alles in allem bietet die Ost-Krone also perfekte Bedingungen für einen schönen Ausflug auf Inlineskates. Es wäre kaum verwunderlich, wenn die über die Pandemie hinaus ein echtes Revival feiern würden. Meine Freundin hat sie jetzt jedenfalls immer im Kofferraum dabei, falls sie irgendwo eine schöne Strecke sieht. Max Ohlert

Parkour im Anton-Saefkow-Park

Parkour ist eine etwas eigenartige Sportart. Enthusiasten sehen im nahtlos fließenden und wettkampflosen Überqueren unterschiedlichster Hindernisse und Höhen so etwas wie ein lebenslanges Training für körperliche und geistige Stärke, das in den Achtzigern vom Franzosen Georges Hébert zunächst noch als „Méthode naturelle“ gelehrt wurde. Zuschauer sehen indes oft nur ein paar Verrückte, die mit Salti von meterhohen Betonmauern springen und sich nur mit allergrößtem Glück nicht den Hals brechen.

Wie auch immer man zu diesem Sport, der in den frühen Nullerjahren durch Videospiele wie „Assassins Creed“ besonders populär wurde, steht, ist doch nicht zu bestreiten, dass es Spaß macht, ihn auszuüben. Trainingsmöglichkeiten gibt es einige in Berlin, auch wenn populäre Parkour-Parks wie der Zick-Zack-Zwingli in Moabit zuletzt eher vermüllt als genutzt wurden. Umso erfrischender ist es, dass im neu gestalteten Anton-Saefkow-Park in Prenzlauer Berg im Januar 2020 auch ein komplett neues Parkour-Gelände eröffnet wurde. An der Planung waren Profis vom Verein Parkour One Berlin beteiligt, der außerhalb der Pandemie Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene aller Altersgruppen anbietet – und das sieht man. Es gibt Elemente aus Steinen, Elemente aus Holz und Metallstangen, die sich alle drei wunderbar verbinden oder einfach einzeln nutzen lassen. Erfahrung benötigt man dafür nicht unbedingt, wohl aber Kreativität. Anfängern sei gesagt: Es reicht völlig aus, Bewegungen und Sprünge zu versuchen, die man sich zutraut. Keiner muss gleich mit einem doppelten Salto von einer Betonmauer springen. Im Ernst, überhaupt sollte das keiner tun! Weniger suizidale Anregungen gibt dafür es reichlich auf YouTube und Instagram und weil der Boden aus gummierten Fallschutzplatten besteht, sind kleinere Stürze nicht ganz so schmerzhaft, wie sie anmuten.

Wer möchte, kann sich danach dann im Park bei einem kühlen Getränk noch ein wenig die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Das wäre zumindest meine Form von Training körperlicher und geistiger Stärke. Max Ohlert

Hipster-Pumpen im Monbijou-Park

Wo formen die Hipster und Start-up-Mitarbeiter (die meisten davon werden vom Spielgeld einer Handvoll von Händler- und Kaffeedynastien finanziert) von Berlin-Mitte ihre jungen Körper? Im Monbijou-Park direkt am Spreeufer! Oder besser gesagt, in dem Teil, der davon nach dem Abriss des gleichnamigen Schlosses am Spreeufer nach 1959 noch übrig geblieben ist. Taucht man wochentags, frühmorgens um sieben Uhr, vor der Arbeit in die Szenerie des Freeletics Ground (Freeletics ist eine Fitness-App) ein, erstreckt sich vor einem ein riesiges Wimmelbild moderner Urbanität – einer Form von Urbanität, in der weniger Politik, Literatur und Kultur eine Rolle spielen als der Traum von definierter Muskelmasse. Muskeln, die, so glaubt der alleinstehende Mann in Mitte heute, neben einer Mercedes-Benz-G-Klasse und einer Moncler-Jacke essenziell für das Anwerben einer Partnerin und das berufliche Fortkommen sind.

Zum Beat von billig produzierter Elektromusik baumeln hier auf einem Karee von 20 mal 20 Metern rund 60 junge Menschen (viele ganz in Schwarz gekleidet mit oder ohne PartnerIn und Personal TrainerIn) an glatten Stahlstangen, hüpfen eifrig aus der Hocke in den Strecksprung, stemmen kleine Betonquader, machen abschüssige Liegestütze (Push-ups mit decline sorgen für eine definierte Brust!) oder kriechen wie Echsen (der Lizard Walk ist eine besonders anstrengende Übung mit Strahlkraft) über das Tartan auf Erdölbasis.

An einer ähnlichen Fitness-Station (die Muckibuden haben ja leider wegen Corona geschlossen) in Reinickendorf oder Köpenick würden die Akteure wahrscheinlich in möglichst kurzer Zeit besonders viele Gewichte stemmen. Hier auf dem Freeletics Ground ist das anders. Schließlich prankt das Motto „Become your best version“ (Google übersetzt das mit: Werde Deine beste Version.) hier in großen Lettern über den Geräten. Und so nimmt man sich hier auch morgens Zeit. Das Sehen und Gesehenwerden sind hier wichtiger als das reine Workout. Und so kann man hier auch schon mal einem kleinen Plausch belauschen. Meistens geht es um Food Bowls, Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Dogecoin oder eben um das neueste Elektroauto von Elon Musk („Ich bin echt so bullisch auf einen Tesla.“). Na Bravo!

Wer an solch einer Aufführung keinen Spaß hat, der konzentriert sich auf seine eigenen Übungen (Sport ist gesund!) oder schaut hier den wenigen echten Sportlern zu: Das sind zwei kleine durchtrainierte Asiaten und ein älterer Herr mit Rauschebart. Sie hängen manchmal kopfüber an einer der Stangen und machen Einhand-Klimmzüge. Und der Höhepunkt? Jeden Morgen um drei Minuten nach acht Uhr werden vor der Hausnummer 2 der Monbijoustraße zwei plastisch geliftete Manager (das neue Berlin!) von ihren dickbäuchigen Chauffeuren abgeholt. Man wüsste gerne, wo sie hinfahren. Wer sich traut, sollte vielleicht einfach mal fragen. Jesko zu Dohna

Diese Texte sind in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.