Berlin - Diesen Sonnabend feiert Erich Kästners „Fabian oder: Der Gang vor die Hunde“ am Berliner Ensemble Premiere. Was kann schon schiefgehen? Frank Castorf führt Regie, es spielen unter anderem Frank Büttner, Sina Martens, Marc Hosemann, Margarita Breitkreiz und Andreas Döhler, die allesamt mit Castorfs Arbeitsweise vertraut sind. Ebenso das Team, das der ehemalige Volksbühnenintendant mitbringt. Aber alles ist anders diesmal. Die Produktion ist ein Opfer der Pandemie. Zweimal schon gab es einen offiziellen Premierentermin, intern noch weitere. Jedes Mal musste die Notbremse gezogen werden. Wie geht man als Schauspielerin damit um? Wir fragen Sina Martens, wenige Tage bevor erneut die Wiederaufnahmeproben beginnen und die Schauspielerin vollends in der „Fabian“-Welt verschwindet.

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„Hier bin ich richtig“

Geboren 1988 in Köln ist Martens in der norddeutschen Kleinstadt Bad Bramstedt aufgewachsen. Ihre Mutter ist Zahnarzthelferin, der Vater Lehrer und Fußballtrainer. Sie wollte Psychologie studieren, zum Glück war sie bei den Abiturklausuren 2007 sehr aufgeregt, ihr Notendurchschnitt sackte auf 1,5 ab. Das bedeutete Wartesemester, in denen sie in Kontakt mit einer freien Theatergruppe kam. „Ich habe viel ausprobiert, Ballett getanzt und Fußball gespielt, aber der Theaterraum war der erste, an dem ich das Gefühl hatte, hier bin ich richtig.“ Sie studiert und spielt daraufhin in Leipzig, gastiert in Hannover, Oberhausen und Bonn, bevor Oliver Reese sie in seiner letzten Spielzeit in Frankfurt am Main engagiert und sie 2017 mit ihm nach Berlin kommt. Auf ihrem Weg begegnet sie sehr unterschiedlichen Regisseuren wie Sebastian Hartmann, Ulrich Rasche, Alexander Eisenach, Michael Thalheimer, Robert Borgmann oder auch dem Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger.

Sina Martens hat offensichtlich keine Lust, sich auf nur einen Inszenierungs- und Spielstil festzulegen. Ob nun eher an der Sprache oder am Inhalt gefeilt wird oder ob es eher um das Bild oder den Ausbruch geht – Martens sucht die Intensität und Genauigkeit des Augenblicks und sehnt sich nach dem Fluss, in dem alles Eingeübte, alles Kontrollierte in den Hintergrund tritt und sich die Gegenwart des gemeinsamen Spiels verwirklicht. Darin öffnet sich die Tür zum Alltag, da erweitert sich die Welt. Gerade während der Pandemie, wo man einander nicht ohne Vorbehalt und Kontrolle begegnen darf, fehlt das Theater, wo alles Kunst und Spiel ist, weil man geschützt ist vor den Folgen. Aber manchmal kann selbst das Theater der Realität nicht entkommen.

Ein Rückblick: Mitte März 2020 haben die Proben im großen Saal im Bühnenbild des Berliner Ensembles angefangen. Sina Martens erzählt: „Das ist immer ein großer Schritt für eine Produktion, ein bisschen auch ein Moment der Wahrheit, in dem sich Versatzstücke zusammenfügen. Jetzt beginnt das Spiel zu leben: Die Instinkte springen an, meine Kolleginnen und Kollegen überraschen mich, aber auch meine eigenen Reaktionen. Dafür liebe ich das Theater.“ Das Team sei voll und ganz eingestiegen, das Ensemble zu Hochtouren aufgelaufen. „Ich kriege in diesen Phasen viel mehr Text viel tiefer ins Gehirn und in den Körper. Der Zweifel läuft nebenher, aber auch meine Castorf-Erfahrung, dass es schon irgendwie geht. Ich frage mich lieber nicht, ob ich es schaffe, ich muss es einfach nur machen.“

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
„Wir sind nicht mehr im Training. Aber keine Angst, wir werden es schon machen.“ Sina Martens hinter einer Absperrung.

Im Schutzraum der Probe

Wenn sie so tief in der Arbeit steckt, lässt sie die Corona-Nachrichten kaum an sich heran, nicht einmal wirklich, als der Publikumsverkehr verboten und der Premierentermin abgesagt wird. „Ich dachte, dann proben wir das Ding eben erst einmal zu Ende und kommen ein bisschen später im Frühling damit raus.“ Am 15. März, ein paar Tage später, sitzt sie textlernend in der Frühlingssonne, als der Intendant anruft und ihr sagt, dass nun auch der Probenbetrieb eingestellt wird. Sie hat ihn am Ohr und das Textbuch auf den Knien. Ein seltsamer Moment. „Es fühlte sich an, als hätte jemand irgendwo ein Ventil geöffnet und Luft würde entweichen. Der Energieabfall kam so abrupt, dass ich mich kurz sammeln musste, um das Textbuch zuzuschlagen.“

Der Frühling ging, die Spielzeitpause kam. Nach dem Sommer, als die erste Welle überstanden war, als die Häuser längst Hygienekonzepte erstellt hatten, begann das Spiel von vorn. Ein zweiter „Fabian“-Premierentermin wurde mit etwas zeitlichem Sicherheitsabstand im Spätherbst angesetzt, im November begannen die Wiederaufnahme- und Endproben. Sina Martens, die extra aus ihrer WG ausgezogen ist, um Ansteckungsmöglichkeiten aus dem Weg zu gehen, genießt diese zehn Tage im Rausch mit getestetem Ensemble im Schutzraum der Probe. Endlich wieder unverstellter Blick- und Körperkontakt ohne Zoom oder Sicherheitsabstand. Dann aber rollt die zweite Welle heran, wieder heißt es: Lockdown – Premierenverschiebung auf unbekannt. Weihnachten, Frühling, dritte Welle. Doch jetzt gibt es wieder Hoffnung.

Man sucht ja immer auch etwas Positives, Lehren aus der Pandemie: die Entschleunigung, der solidarische Umgang, die Gelegenheit zu Reflexion – das wird vielleicht alles nicht ganz so hinhauen wie anfangs erwartet. Aber kann es nicht wenigstens sein, dass wir dank der vielen Proben nun die routinierteste Premiere der Castorf-Geschichte sehen werden? Sina Martens denkt laut darüber nach: „Ich habe so lange nicht mehr auf der großen Bühne vor Publikum gestanden. Meine letzte Premiere ist anderthalb Jahre her. Wenn ich das sage, werde ich gleich noch aufgeregter.“ Routiniert klingt das nicht gerade. „Ich habe begonnen, Stimmübungen zu machen. Wir sind nicht mehr im Training. Wir haben vier Tage, um die Texte und Szenen hochzuholen. Mal sehen, ob wir was umschmeißen. Am Freitag ist Generalprobe, am Sonnabend Premiere. Aber keine Angst, wir werden es schon machen.“

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Vorbildlich! Die Füße der Schauspielerin auf den Corona-Wegemarkierungen im BE-Foyer.

Und inhaltlich? Schließlich ist ein Jahr ins Land gegangen, in dem sich die Welt weitergedreht hat – eine Theaterinszenierung altert schnell. „Diese nicht“, sagt Sina Martens. „Ich habe vor Beginn der Proben nicht gleich gesehen, was ‚Fabian‘ genau mit unserer Zeit zu tun haben sollte. Schon klar, es geht um einen Tanz auf dem Vulkan. Es fallen die Regeln, die Menschen kämpfen um ihre Existenz, sie vereinzeln, werden einander feind. Man konnte diese Entwicklungen auch schon vor der Pandemie wiedererkennen, aber durch das Brennglas Corona erscheinen sie nun viel schärfer. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass gleich was hochgeht. Wenn ich nun den Text wieder zur Hand nehme, klingen die Sätze anders. So als hätten sie sich geöffnet und wären mit dem, was uns und der Welt gerade passiert, aufgeladen worden.“ Sina Martens ist sich im letzten Jahr ihrer Liebe zum Spielen noch sicherer geworden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.