Berlin - Berlin im Spätfrühling: der Anfang vom Ende der Pandemie. Mit einem Lächeln auf den Lippen holt Emma Czerny alias Magic Island mich an einem sonnigen Sonnabend in Neukölln mit ihrer Vespa ab. Wir sind verabredet, um über ihr neues Album zu sprechen: „So Wrong“. Czerny reicht mir einen Helm: „Bist du bereit?“

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
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Auf dem Rücksitz erinnere ich mich an Czernys frühere Live-Performances. Daran, wie durchdringend ihre Stimme war, wie ich am ganzen Körper Gänsehaut davon bekam. Czerny lässt komplexe Emotionen in ihre Musik einfließen . Sie wirkt sphärisch, skizziert wabernde Klanglandschaften, ist dabei beatlastig und von der verzückten Tiefe ihrer Stimme erfüllt – ein Sound, der sich prinzipiell schwer in Genre-Begriffen fassen lässt: Dream-Pop mit Soul und R’n’B, wie eine Verneigung vor den Möglichkeiten der elektronischen Musik. Und das, obwohl viele ihrer Songs ursprünglich am Piano entstehen. Czerny bedient sich an Popsongs, um dichte Klangwelten zu spinnen. Stärke und Fragilität leuchten darin abwechselnd auf, wie neonfarbene Lichtkegel im Nebel.

Von Kanada nach Neukölln

Czernys musikalische Karriere begann früh. Als die gebürtige Kanadierin mit 13 das Album „Purple Haze“ des Rappers Cam’ron hörte, war sie sofort von den Hooklines fasziniert. Sie fand heraus, dass es sich bei den Rap-Refrains eigentlich um Samples älterer Soul- und Motown-Klassiker handelte. Klassiker von Künstlerinnen wie Aretha Franklin und Minnie Riperton, die noch heute zu Czernys großen Vorbildern gehören. Im Jahr 2012 kam Czerny nach Berlin. Magic Island, das ist die englische Übersetzung einer mittlerweile geschlossenen Bar auf der Sonnenallee, der Zauberinsel, die sie zu ihrem musikalischen Pseudonym inspirierte.

Im neuen Album „So Wrong“ machen sich Czernys Pop- und R’n’B-Einflüsse schon auf dem Cover bemerkbar, wo sie – weichgezeichnet, mit glitzerndem Haarschmuck – wie eine weiße Nachfolgerin von Donna Summer oder Tina Turner inszeniert ist. Das Album wurde im Studio in der Weichselstraße in Neukölln aufgenommen, zusammen mit dem Produzenten Phong, der sonst Instrumentals und Beats für Neuköllner Underground-Rapper bastelt. Zwischen Phong und Czerny hat es musikalisch sofort geklickt, erzählt sie. In diesem Studio hat früher der berüchtigte Berliner Rapper Massaka gerappt. In den Wänden sind aus dieser Zeit noch heute Einschusslöcher erkennbar.

Max Zimmermann
Die Musikerin Emma Czerny mit ihrer Vespa.

Im letzten Jahr wurden Czernys Konzerte und Tourneen abgesagt oder verschoben. Covid-19 war für sie eine Zwangspause. Sie habe viel Zeit auf den Straßen Neuköllns verbracht, erinnert sie sich: „Wenn deine Welt plötzlich so viel kleiner wird, treten neue Dinge hervor, die du vorher nicht wahrgenommen hast.“ Sie begeistert die Vielseitigkeit ihrer Nachbarschaft: „Hier treffen Kulturen aufeinander: Queers, Expats, türkische und arabische Communitys. Irgendwie schaffen es ganz verschiedene Menschen, hier zusammenzuleben.“ So eine Symbiose wie hier habe sie zuvor noch nirgends erlebt.

Die multiplen Facetten des Viertels spiegeln sich in ihren Stücken: Die handeln von Liebe und existenziellen Krisen. Früher hätte Czerny zur Veröffentlichung des neuen Albums sofort eine Tour gespielt. Diesmal hingegen schickt sie ihr Publikum selbst auf Tour. Dafür hat sie in Neukölln an 17 Stationen QR-Codes platziert. Die Musikerin markiert ein Revier: zwischen dem S-Bahnhof Hermannstraße und der außerhalb des Rings liegenden Zigrastraße, bis hoch zum Hermannplatz und zum Kottbusser Tor. Die Codes lassen sich übers Smartphone scannen und verweisen so auf Arbeiten, die Berliner Künstlerinnen und Künstler – inspiriert von Czernys neuen Songs – entworfen haben. 

Den QR-Spaziergang mit der Vespa abfahren

Auf der Vespa fahren Czerny und ich die Stationen der QR-Tour jetzt gemeinsam ab: Am Estrel-Hotel gucken wir ein Musikvideo zum Titeltrack „So Wrong“. An der Sonnenallee folgen wir dem M41er-Bus zum Hertzbergplatz. Am Traum-Eck hören wir mit Pommes in der Hand den Titel „Closer“, auf dem Smartphone erscheint parallel dazu ein Ölgemälde von Ellen Antico, das ineinander verschlungene Menschen zeigt, die wirken, als würden sie eins werden. Manche dieser Arbeiten werden am Ende versteigert. Der Erlös geht an Give Something Back To Berlin, eine Berliner Organisation, die sich für interkulturellen Dialog einsetzt. Auch exklusives Merchandise wird für diesen Zweck versteigert: Shirts von Filip Samuel Berg, Unterwäsche von Lou De Betoly, Schmuck von Christin Rothe.

Wir fahren zur Weichselstraße, zurück zum Studio. „Dies ist eine meiner Lieblingsstraßen“, sagt Czerny, zu jedem Geschäft zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße habe sie eine persönliche Geschichte zu erzählen. Die will sie sich aber fürs nächste Mal aufsparen. Mit „So Wrong“ in den Ohren spaziere ich weiter durch Neukölln, um das Magic-Island-Gebiet nun selbst zu erkunden und dabei noch etwas Frühlingssonne zu genießen.

Magic Island: „So Wrong“, erschienen bei Mansions and Millions, 18 Euro auf Vinyl. Die Beiträge des QR-Spaziergangs sind auf der Homepage https://magicis.land einsehbar. Wer gut Ausschau hält, wird im Kiez noch QR-Codes finden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.