Nach fast anderthalb Jahren coronabedingter Besinnung aufs Wesentliche wird es Zeit, mit ein paar liebgewonnenen, betonharten Vorurteilen aufzuräumen. Auch in der Mode. So zum Beispiel mit der Behauptung, dass Männer für die Arbeit im Büro in langen Hosen zu erscheinen haben. Alles andere sei angeblich unseriös und unterminiere die ach so viel beschworene männliche Autorität. Das ist altbackener Unsinn, und die aktuelle Saison belegt das Gegenteil. Bermudas, für Frauen längst ein urbaner Klassiker, gelten mittlerweile als so seriös, dass sie auch von den Herren am Schreibtisch getragen werden können. Aber es gibt ein paar konkrete Aspekte zu beachten: Material, Form, Länge und die Kombination nach oben wie nach unten, sprich: Schuhwerk. Sind diese Parameter stimmig, werden Shorts zu einem Kleidungsstück, das sich nicht mehr auf Grillabenden, Tennisplätzen oder in sonstigen Freizeitreservaten verstecken muss.

Moncler
Gewinner bei den Damen: Die Paperbag-Shorts mit hoher Taille von Moncler für 280 Euro.

Shorts als Zeichen der männlichen Unreife

Bei den Ladys ist das alles längst im Kleiderschrank fester Bestandteil der Sommergarderobe. Mit dem Siegeszug des Minirocks kamen für Frauen (später auch für Männer) die Hotpants, dann Bermudas und Hosenröcke. Eine Frau, die zur Arbeit in Shorts erscheint ist sicherlich seit Jahrzehnten kein Aufreger mehr. Aber woher stammt eigentlich das Gerücht, dass Männern nur im langen Beinkleid ein scharfer Verstand zugesprochen werden kann? Wohl noch aus der Zeit, als nur die Buben kurze Hosen trugen. Noch bis in die 50er-Jahre hielt sich dieser Brauch, bei kaltem Wetter mit Kniestrümpfen. „Die Kurzen“ waren einfach günstiger in der Fertigung, da sie logischerweise weniger Stoff benötigten. Die bloß knielange Hose galt als Zeichen der Unreife, erst im langen Beinkleid wurde der Knabe gesellschaftlich zum Mann.

Imago
Längst nicht mehr nur auf dem Green ein respektables Kleidungsstück: Shorts, hier indes in nicht sehr vorteilhafter Länge.

Heute stecken ihren männlichen Nachwuchs vor allem die britische und Teile der kontinentaleuropäischen Upperclass in kurze Hosen, etwa bis zum Alter von acht Jahren. So verbrachten beispielsweise Prinz Philip, sein Sohn Charles, dessen Söhne und Enkel  ihre Kindheit mit freien Knien. 

Berliner Verlag
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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
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In anderen Teilen der Welt wiederum gelten Bermuda-Shorts sowohl als geschäfts- als auch als salonfähig. Auf den namengebenden Inselgruppe Bermuda gehören sie ans Männerbein, die Polizei trägt sie dort ebenso wie der Banker, was wohl den subtropischen Temperaturen des britischen Überseegebiets geschuldet ist. Dazu gibt es allerdings eisern Business-Shirt, Krawatte und Kniestrümpfe.

Gerade bei Temperaturen wie jetzt kann sie auch hierzulande eigentlich jeder tragen. Denn die Shorts sind ein basisdemokratisches Kleidungsstück, solange man ein paar Regeln befolgt.

1.   Die Länge

The bigger the better gilt hier ausnahmsweise nicht. Männer sollten Shorts tragen, die maximal fünf Zentimeter über dem Knie enden. Sind die Bermudas länger, verkürzt das optisch die Beine, was auch für den Gentleman proportional wenig wünschenswert ist; sind sie wesentlich kürzer, sieht man schnell aus wie ein in die Jahre gekommener Sugar-Daddy im zweiten Frühling. Nur für wirklich junge Männer mit wohlgeformten Beinen kann das funktionieren, wie die Modelle von Ferrari und Comme des Garçons zeigen. Letztere auf dem Foto oben links wurden vom chinesischen Starkünstler Yue Minjun gestaltet, dessen Markenzeichen die befremdlich „lachenden Gesichter“ sind, die Shorts und Shirt des Labels zieren. 

Ferrari
Macht neuerdings auch in rasanter Oberbekleidung: Der Sportwagen-Hersteller Ferrari schickt Shorts im Pyjama-Look über den Laufsteg.

Die Proportion macht es also. Gute Modelle für die Herren kommen wie immer von den Schweden Arket und COS. Wer’s hipper, also weiter mag, wird bei Acne fündig, und für das große Geschenk, mit dem man sich selbst belohnt, geht’s zu Gucci. Denn preislich gibt es auch auf dem Shortsmarkt eine enorme Spanne: Arket startet bei rund 40 Euro, Gucci liegt zwischen 650 und 2800 Euro. Großzügig geschnitten sind indes die Modelle bei allen Labels. Dies gilt aktuell für alle Geschlechter, bei den Damen sind die Gewinner der Saison die sandfarbenen und hübsch kurzen Paperbag-Shorts mit schön streckender hoher Taille von Moncler (rund 280 Euro). Besonders fancy und augenzwinkernd sind Retro-Modelle der in den Neunzigern so beliebten Radlerhose. Am coolsten sehen die hautengen Cycling-Shorts mit einem richtig geräumigen Oversize-Jackett darüber aus. Man denke nur an die britische Stilikone Yazz („The only way is up!“).

2.   Der Schnitt

Gehen wir es auch hier bitte lässig an in diesem Sommer! Egal ob seriös oder sportlich, der Schnitt muss locker sein, die Oberschenkel umspielend und nicht fest umschließend, außer natürlich bei den erwähnten Radlershorts. Ganz besonders schick kommen weiter geschnittene Modelle mit einer Bügelfalte daher, die fast an Hosenröcke erinnern und auch von den Herren getragen werden können. Dazu gehört ein wenig modischer Wagemut, aber wir haben ja nun auch lang genug in Sack und Asche und Sweatpants im Homeoffice gehockt.

Comme des Garçons
Comme des Garçons hat Shorts und Hemd vom Künstler Yue Minjun gestalten lassen. 

3.   Obenrum, untenrum

Bitte zu den Shorts keine Hawaiihemden oder andere modische Kalauer tragen. Halten Sie es klassisch, wobei es nicht zwingend der Blazer sein muss: Ein locker über den Bund fallendes Hemd, ein weiter geschnittenes Sweatshirt, und der Look ist perfekt. Preppy, aber nicht zu bieder, so lautet die Devise für die warmen Sommertage 2021. Wichtig ist dann allerdings das richtige Schuhwerk. Zu den Paperbags von Moncler tragen clevere Frauen gern Ballerinas oder flache Schuhe aus Segeltuch. Die Herren kombinieren die neue Beinfreiheit mit Bootsschuhen aus Leder, gerne auch in der Variante mit der gröberen Sohle. Was natürlich auch immer funktioniert, sind festere Mokassins, Loafer oder Sneaker. Und ja, wir haben es nicht vergessen: Falls Sie Sandalen tragen, dann achten Sie bitte auf gepflegte Füße. Das Augenmerk sollte ja auf Ihren neuen Shorts liegen und nicht auf missratener Pediküre. Die ideale leichte Bräune für die Beine kommt dann wie von selbst.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.