New York - Der 17-jährige Steve (Kelvin Harrison Jr.) ist ein vorbildlicher Teenager. Intelligent und „woke“ wächst der hübsche Schüler im New Yorker Stadtteil Harlem da auf, wo die Black Community und die weiße Bevölkerung sich längst zusammengefunden haben im Lifestyle der Mittelklasse. Der Naturholz-Küchentisch ist gewachst, das Gemüse bio, Papa macht was mit Design oder Werbung und die Mama weist den Nachwuchs mit Nachdruck auf die nahenden College-Prüfungen hin.

Steve will Filmemacher werden, ist das erste Mal verliebt und umso größer ist der Schock, als ihm vorgeworfen wird, bei einem Raubüberfall einen Ladenbesitzer umgebracht zu haben. Steve, obwohl minderjährig, findet sich getreu dem amerikanischen Rechtssystem im Gefängnis wieder, denn er ist schwarz und somit so lange a priori schuldig, bis er schuldig gesprochen wird. Da gibt es kein Vertun, die Staatsanwaltschaft hat ihr Urteil allein durch den Anblick des vermeintlichen Delinquenten gefällt: „Monster? Monster!“.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
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Ein netter Typ geht in den Knast

Anthony Mandlers Film wirkt zwar, als basierte er auf einer wahren Begebenheit, beruht aber auf einem Roman von Walter Dean Myers und könnte so jeden Tag in den Vereinigten Staaten passieren. Das scheint Mandler nur zu gut zu wissen und gibt sich gar keine große Mühe, irgendeine Art von Twist zu konstruieren, sondern folgt seinem Protagonisten brav und unglaublich bieder inszeniert durch die Verhandlung bis zum Urteil, unterbrochen von Rückblicken und tagebuchartigen Passsagen. Die Bilder sind malerisch, die Spätherbstsonne scheint milde auf alles: auf die erste Liebe, auf Harlem, auf den Raubüberfall.

Warum Netflix diesen Film von 2018 eingekauft hat, bleibt ungeklärt. Wahrscheinlich dachte man sich, in Zeiten, in denen in den USA die schlimmsten Polizeiverbrechen an Schwarzen passieren, irgendwie auf der Höhe der Zeit sein zu müssen, was grundsätzlich kein dummer Gedanke ist. Doch „Monster? Monster!“ ist ein Film wie ein HipHop-Video, die Mandler tatsächlich auch schon gedreht hat. ASAP Rocky spielt einen Gangster, die Schwarzen spielen Basketball und sagen ständig „Yo, Bro, was geht?“. Alles erinnert an eine Folge C.S.I. New York und hat so viel Tiefgang wie ein Suppenteller.

Dass man trotzdem weiterschaut, liegt schlicht in der Tatsache begründet, dass man einfach wissen will, wie die Geschichte ausgeht, und dass Kelvin Harrison Jr. es schafft, seinen Mittelklasse-Charakter so zu gestalten, dass man trotz des elenden Drehbuchs Empathie für Steve empfindet: Es darf einfach nicht sein, dass so ein netter Typ in den Knast geht, wo übrigens auch nur Schwarze inhaftiert sind. Die 90 Minuten davor kann man sich eigentlich getrost sparen.

Wertung: 2 von 5 Punkten

Monster? Monster! läuft bei Netflix.

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