Würden Sie lieber neben einem Dieb oder einem Tierschänder wohnen? Folgt man dem deutschen Recht, sollte man den Tierschänder wählen. Während Diebstahl eine Straftat ist, stellt Sex mit Tieren bloß eine Ordnungswidrigkeit dar. Viele denken vermutlich andersherum: Wer möchte schon jemanden mit einer „abartigen“ Neigung als Nachbarn haben?

Das Beispiel zeigt, dass Kategorien wie Reinheit und Natürlichkeit eine moralische Dimension haben. Sie sind besonders stark im traditionalistischen Denken zu finden: in Religionen, bei stramm Konservativen und Rechtsradikalen. Menschen, die besonderen Wert auf Reinheit legen, finden Abtreibung unnatürlich, Homosexualität abstoßend und Fremde auf dem eigenen Territorium bedrohlich und infektiös.

Wer allerdings meint, Reinheitsgedanken tauchen nur im rechten Lager auf, der irrt, denn seit einiger Zeit entdeckt man sie auch in progressiven, also linksliberalen Kreisen. Beispiele aus den letzten Jahren: Ein Kind durfte die Waldorfschule nicht besuchen, weil der Vater in der AfD ist. Der Fischer-Verlag trennte sich von Monika Maron, weil einer ihrer Texte in einem Kleinverlag erschienen ist, dessen Bücher nicht nur von Amazon, sondern auch von dem neurechten Verlag Antaios vertrieben werden. Der Geschäftsführer einer Filmförderung musste seinen Posten räumen, weil er mit einem AfD-Politiker zu Mittag gegessen hatte. Der Sponsor Check24 distanziert sich vom Sportkommentator Marcel Reif, nachdem er den hochsprachlichen Ausdruck „Jungtürken“ verwendet hatte, den einige Twitter-Nutzer als „rassistisch“ fehlgedeutet haben.

Wer Speiseregeln gewissenhaft befolgt, ist weniger Keimen ausgeliefert

Im progressiven Lager gelten einige Menschen durch Verwandtschaft oder bloße Nähe zum Bösen gleichsam als infiziert und werden in eine soziale Quarantäne versetzt. Gerechtfertigt wird dieses Reinheitsstreben mit dem edlen Ziel, die Marginalisierten und Unterdrückten zu schützen und Diskriminierung zu bekämpfen. Gefährlich ist der Ansatz trotzdem, denn er entspringt unbewussten moralischen Affekten und widerspricht einer universellen Ethik, in der Kontaktschuld oder Sippenhaft keinen Platz haben sollten.

Das zeigt unter anderem die Forschung zu moralischen Gefühlen. So halten Traditionalisten das „Reine“ und „Natürliche“ für besonders schützenswert, was man aus Religionen kennt: Die Jungfrau Maria hatte eine „unbefleckte“ Empfängnis, gläubige Juden ernähren sich „koscher“ und vor dem muslimischen Gebet muss man sich die Hände, Füße und das Gesicht waschen. Entsprungen sind diese Vorstellungen und Bräuche, so vermuten Moralpsychologen, aus einem archaischen Infektionsschutz, der uns instinktiv von Viren, Bakterien und Parasiten fernhält. Wer Speiseregeln gewissenhaft befolgt, nach einer strengen Sexualmoral lebt und fremde Menschen meidet, ist weniger Keimen ausgeliefert.

Religiöses Denken und moralisches Reinheitsstreben

Oft ist dabei jedoch mystisches Denken im Spiel, vor allem Vorstellungen von „Kontaktmagie“: Hatte eine Person einmal Kontakt mit einem Gegenstand, bleibt die Verbindung ewig bestehen. Dieses Denken motiviert nicht nur Autogrammjäger und Kunstsammler, es liegt auch Vorstellungen über moralische Verunreinigung zugrunde. In einer Befragung etwa gaben Testpersonen an, sie würden niemals eine Bluttransfusion von einem pädophilen Spender annehmen. In anderen Versuchen fanden Probanden es genauso abstoßend, einen von Hitler getragenen Pullover anzuziehen wie einen Pullover zu tragen, an dem Hundekot klebt.

Obwohl progressive Menschen Religionen und Traditionen oftmals kritisieren, finden sich unter ihnen immer mehr Beispiele für Reinheitsbestrebungen, allerdings nicht als Schutz vor biologischer, sondern vor moralischer Infektion. So wollten Rowohlt-Autoren vor einiger Zeit verhindern, dass ihr Verlag Woody Allens Biografie veröffentlicht, nachdem in den USA der jahrzehntealte Vorwurf des Kindesmissbrauchs erneut aufgekommen war. (Allens Adoptivtochter Dylan Farrow behauptet bis heute, von ihm als Siebenjährige sexuell missbraucht worden zu sein. Allerdings wurde Allen schon 1993 von dem Vorwurf gerichtlich freigesprochen, unter anderem weil Augenzeugen dem von der Anklägerin Mia Farrow beschriebenen Ablauf widersprachen. Im Jahr 2018 widersprach auch Moses Farrow, Dylans Bruder, der damals als Vierzehnjähriger im Haus war und der heute seiner Mutter jahrelange Manipulation ihrer Kinder vorwirft.)

Physische und geistige Nähe

Auch die Störung von Bernd Luckes Vorlesung an der Universität Hamburg im Herbst 2019 folgte der Logik der Reinheit, nach der der AfD-Gründer doppelt unrein ist. Erstens, weil er durch die Gründung in „ewigem Kontakt“ mit der heute in Teilen rechtsradikalen Partei steht – da hilft auch nicht, dass er 2015 ausgetreten ist. Zweitens hat Lucke in einem für Studenten heiligen Bezirk gesprochen: der Universität. Seine Vorträge außerhalb dieses Hoheitsgebiets haben die Studenten nicht verhindert. Und Eugen Gomringers umstrittenes Gedicht „Avenidas“ sollte nicht in allen möglichen Büchern übermalt werden, sondern nur an der Fassade einer Hochschule in Berlin.

Die Parallele zum kulturellen Reinheitsdenken liegt auf der Hand. Rechtsextreme attackieren Menschen aus Nordafrika nicht in ihren Herkunftsländern, sondern erst dann, wenn sie als „Fremde“ das heimische Territorium betreten. Was dem Rassisten die kulturelle Infektion ist, ist einigen progressiven Aktivisten die moralische. Sie wollen den Kontakt zum Gegner oder zu seinen moralisch falschen (oder als falsch markierten) Ideen und Taten unterbinden. Die physische Nähe im Vorlesungssaal, auf einer Lesebühne oder im Verlagsprogramm kann da schon ausreichen.

Das Reinheitsdenken ist weitverbreitet

Manchmal steckt hinter extremen Reinheitsbekundungen vor allem Eigen-PR: Wenn sich Leute als besonders sensibilisiert inszenieren und als besonders engagiert im Kampf gegen Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt, etwa indem sie anregen, Straßennamen zu „entmilitarisieren“, weil Namensgeber wie Hans von Obentraut, den heute so gut wie niemand mehr kennt, im Dreißigjährigen Krieg vor 400 Jahren als General gekämpft haben.

Aber diese Inszenierung funktioniert nur, weil das Reinheitsdenken inzwischen weitverbreitet und akzeptiert ist und weil jede Kritik an der übertriebenen Inszenierung raffiniert als Kritik am moralischen Auftrag umgedeutet wird, der natürlich immer gerechtfertigt ist. Wer ist nicht gegen Rassismus, Militarismus und Machtmissbrauch?

Die Anzahl der Straftaten sinkt

Und so erzählen die Reinheitsfanatiker die Woody-Allen-Angelegenheit, die Lucke-Geschichte und all die anderen Fälle, indem sie einen Schadenszusammenhang konstruieren, etwa die Entstehung einer rechten Partei. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass Luckes kausaler Beitrag zur heutigen Partei vielleicht sogar gering ausfällt und dass er für die Radikalisierung nach seinem Austritt im Jahr 2015 ohnehin nicht verantwortlich ist. Bei Einzeltaten wie einem Mittagessen mit AfD-Politikern sind Normverletzungen kaum erkennbar. Auch der Vorwurf der „Normalisierung“ des rechten Gedankenguts ist fraglich. Die AfD hat es vor allem deshalb mit populistischen Themen in den Bundestag geschafft, weil sie die tendenziell rechten Nichtwähler für sich gewinnen konnte. Seitdem liegen die Zustimmungswerte der Partei konstant bei etwa 10 Prozent. Und die Zahl rechtsextremer Gewalttaten stieg in den Jahren 2015 und 2016 zwar zweitweise etwas, fiel dann aber wieder auf ein konstantes Niveau.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten nachweislich weltoffener und friedliebender geworden. Der Anteil der Deutschen mit fremdenfeindlichen Einstellungen zum Beispiel ist laut Mitte-Studie in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen: von 26,9 auf 4,5 Prozent. Die Befürwortung von Rassismus, Antisemitismus und Homophobie hat sich im selben Zeitraum jeweils fast halbiert. Auch die Zahl der Tötungsdelikte ist laut BKA von 1993 bis heute von über 5000 auf unter 2500 Fälle jährlich gesunken. Deutschland wird nicht nur jedes Jahr progressiver, man unterschätzt auch die Autonomie der Menschen, wenn man annimmt, sie seien durch satirische Pointen von Comedians, durch die falschen Bücher im Regal einer Buchhandlung oder durch die Latrinenparolen einiger Rechtspopulisten beliebig verführbar.

Auch „kulturelle Aneignung“ gilt als Problem

Die Rede von „Rechten keine Bühne geben“, zum Beispiel auf ein paar Quadratmetern Ausstellungsfläche der Frankfurter Buchmesse, ist ebenfalls oft eine Scheinrationalisierung des eigenen Reinheitsdenkens. Die Rechten bespielen in den sozialen Medien längst die neuen Bühnen der Welt und gewinnen in Deutschland trotzdem keinen Boden hinzu, weil die meisten Menschen eben aufgeklärt und moralisch gefestigt genug sind, diesen halbgaren Unfug zu durchschauen. Und so mutet es sonderbar an, wenn Aktivisten immer wieder demonstrativ aus allen Wolken fallen, wenn herauskommt, dass in den ganz rechten Nischen der Gesellschaft Extremisten lungern. Das ist ein wenig so, als würde man jedes Jahr hocherschrocken auf die Polizeistatistik blicken, weil es schon wieder mehr als 2000 Tötungsdelikte gab. Überraschenderweise twittert niemand: „Wie kann es sein, dass es im Jahr 2021 immer noch Menschen gibt, die andere töten?“

Das Reinheitsstreben äußert sich auch im Vorwurf der „kulturellen Aneignung“, also in der Annahme, es sei moralisch falsch, wenn die Mehrheitsgesellschaft Kleidungsstile, Frisuren oder Speisen von Minderheiten übernimmt. Dass dieser kulturelle Austausch den liberalen Gegenentwurf zu rechten Fantasien kultureller Segregation darstellt, scheinen die Kritiker dabei nicht zu sehen. Das Reinheitsstreben motiviert auch Museen, die „problematische“ Bilder abhängen, und Aufführungshäuser, etwa wenn das Berliner Staatsballett Tschaikowskys „Nussknacker“ aus dem Spielplan streicht, weil die Intendantin den Chinesischen Tanz in diesem Ballett für rassistisch hält.

Selbst die Strafe für Mord ist irgendwann verbüßt

Das Reinheitsstreben verstärkt vor allem den Drang nach moralischer Vereindeutigung: die Welt klar in Gut und Böse einzuteilen, ohne die Graustufen zu sehen. Zusammen mit Stammesdenken geht diese Vereindeutigung eine, nun ja, unheilige Allianz ein, weil sie den Gruppenzwang erhöht und die Angst, für die falschen Kontakte gebrandmarkt zu werden. So zeigt eine aktuelle amerikanische Studie, dass nicht die strenggläubigen Konservativen den stärksten Konformitätsdruck im eigenen Lager verspüren, sondern die „progressiven Aktivisten“ ganz links im politischen Spektrum.

In den USA können kleine moralische Verfehlungen, ungeschickte Bemerkungen und harmlose Tweets zu Jobverlust führen und Karrieren beenden, selbst Unschuldige wurden schon gefeuert. Solche „Strafen“ von Online-Mobs mit Reinheitsidealen stehen in keinem Verhältnis zum Vergehen. Das kann man von der Rechtsprechung lernen. Die Schuld eines Täters fair zu beurteilen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, was man schon daran sieht, dass eine Richterin bis zur Verbeamtung eine gut zehnjährige Berufsausbildung durchläuft. Selbst die Strafe für Mord ist irgendwann verbüßt. Und sogar die meisten Religionen kennen Vergebung. Das übertriebene progressive Reinheitsstreben in den sozialen Medien jedoch findet weder das richtige Maß noch kennt es Vergebung. Darin ähnelt es mehr dem Täterstrafrecht als dem Tatstrafrecht, das zentral für das Moral- und Rechtsverständnis in Demokratien ist.

Weniger Selbstdarstellung und mehr Unreinheit wagen

Weil in den sozialen Medien die Signale zuerst für die eigene Gruppe bestimmt sind, überbieten sich einige progressive Akteure mit immer höheren Reinheitsstandards und damit immer schärferen Taktiken der sozialen Ausgrenzung, die übrigens mehrheitlich Abweichler im eigenen Lager treffen und selten die eigentlichen Feinde der offenen Gesellschaft. Das Verrückte ist nun, dass diese Methode der Twitter-Archäologie inzwischen von allen anderen kopiert wird, von Bürgerlichen, Konservativen und von den Rechten sowieso, indem man teils jahrzehntealte Tweets, Likes und Videoschnipsel von Linken oder öffentlichen Personen mit Migrationsgeschichte ausgräbt und ohne Kontext oder wohlwollende Interpretation als Schuldbeweis präsentiert – wie das bei Sarah-Lee Heinrich und Nemi El-Hassan der Fall war.

Die öffentliche Diskussion, in der es notwendig ist, moralische und politische Fragen auszuhandeln, wird durch Dauerempörung, Stigmatisierung und Ausgrenzung nicht differenzierter. Wer Vorlesungen verhindert oder darauf drängt, dass Moderatorinnen ihren Job verlieren oder provokante Comedians von Lesungen ausgeladen werden, signalisiert seiner Gruppe zwar die richtige Gesinnung, beweist aber keine moralische Überlegenheit, denn dafür braucht es gute Argumente, und die schärft man vor allem im verbalen Duell. Wer die inhaltliche Konfrontation meidet, selbst wenn er oder sie im Recht ist, überzeugt außerdem nicht die Unentschiedenen und schon gar nicht die Gegner. Die Maxime für eine neue Öffentlichkeit lautet daher: Weniger Selbstdarstellung und mehr Unreinheit wagen.

Zum Autor: Philipp Hübl ist Philosoph und Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Werte prägen und die Polarisierung verstärken“ (C. Bertelsmann, 2019). www.philipphuebl.com

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