Yangon - Seit wenigen Tagen herrscht lähmende Stille in den Straßen von Yangon, der mit sieben Millionen Einwohnern größten Stadt in Myanmar. Dafür geht es turbulent zu in den sozialen Netzwerken des Landes – zumindest solange das Internet erreichbar ist. Viele Einwohner nutzen Telegram, weil dort ihre Nachricht nach einer Stunde automatisch gelöscht wird. Auf Facebook, Instagram, Twitter und Snapchat werden Fotografien und Illustrationen gepostet, die immer wieder eine Geste zeigen: eine Hand, die den Zeige-, Mittel- und Ringfinger in die Luft streckt. Davor kreuzen sich Daumen und kleiner Finger.

In dem Film „Hunger Games“ hat Jennifer Lawrence diese Geste immer wieder in Richtung Kamera gemacht. Es ist eine Geste, die sich über die Proteste im Nachbarland Thailand auch in Myanmar verbreitet hat. In diesem Land mit 54 Millionen Einwohnern und einer komplizierten Geschichte nach der Kolonialzeit, ist dieses Zeichen zum Symbol geworden – für eine Abkehr vom Militärstaat und der Forderung nach mehr Demokratie. Erst das vergangene Wochenende markierte den Höhepunkt der Gewaltorgie: 114 Menschen wurden von den Militärs erschossen, darunter sieben Kinder. Wie konnte es dazu kommen, dass die Proteste, die so friedlich begannen, so eskaliert sind?

Der UN-Sicherheitsrat sollte eine Katastrophe im Herzen Asiens verhindern. 

Christine Schraner Burgener, UN-Sondergesandte für Myanmar

Seit Februar dieses Jahres schwillt der Lärm jeden Tag weiter an. Nach Einbruch der Dunkelheit beginnen die Menschen auf den Fußgängerwegen, in den Vorgärten, auf ihren Balkons und sogar auf den Dächern Töpfe und Pfannen aneinander zu schlagen. Autos, Fahrräder, knatternde Motorräder, Busse, LKW fahren laut hupend durch die Städte, längst nicht nur in Yangon. Von Tag zu Tag kommen mehr Demonstranten auf den Straßen zusammen, zu Millionen sammeln sie sich in größeren und kleineren Städten und Dörfern und fordern die Anerkennung des Wahlergebnisses der Wahl vom 8. November 2020, als die Demokratische Partei (NLP) haushoch gewann: also 82 Prozent der Stimmen. Die Protestbewegung zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Mit dem ohrenbetäubenden Lärm schaffen sie den Soundtrack einer Bewegung, verschaffen einer Wut von Tausenden Einwohnern über die Inhaftierung von NLP-Abgeordneten Gehör.

Die UN-Sondergesandte für Myanmar, Christine Schraner Burgener, hat in dieser Woche den Sicherheitsrat angerufen und vor einem weiteren „Blutbad“ gewarnt, das unmittelbar bevorstehe. Angesichts des immer härteren Vorgehens der Militärjunta gegen die Demonstranten drohe ein Bürgerkrieg. Sie rief den UN-Sicherheitsrat an, „eine Katastrophe im Herzen Asiens zu verhindern“. Nur darauf zu warten, dass die Militärs reden wollen, reiche nicht aus. Der Sicherheitsrat solle alle zur Verfügung stehenden Mittel ergreifen.

Um aber zu verstehen, wie die Proteste eskalierten, muss man zunächst die zwei früheren Militärputsche verstehen. Putsch #1 fand im Jahr 1962 statt: 14 Jahre nach der Unabhängigkeit Myanmars von der britischen Kolonialherrschaft putschte sich das Militär unter Führung von General Ne Win zum ersten Mal an die Macht. Das Land wurde zentralisiert und auf den „burmesischen Weg des Sozialismus“ gebracht. Während ein Ein-Parteien-System regierte, wurde die Bevölkerung zu einer der ärmsten weltweit.

Putsch #2 im Jahr 1988 richtet sich gegen die „8888 Aufstände“. General Saw Maung schlägt die zahlreichen Bürgeraufstände gewalttätig nieder. Tausende Menschen werden ermordet oder fliehen in den Dschungel. Die neue Militärregierung beraumt Wahlen für Mai 1990 an, in der die demokratische Partei NLD die große Mehrheit der Sitze in der Regierungskammer gewinnt. Das Militär aber weigert sich die Macht an die Demokraten abzugeben. Im Zuge dessen wird die Führerin der NLD, Aung San Suu Kyi, zur Ikone. Sie muss in Hausarrest – wo sie ein Jahr später in Abwesenheit den Friedensnobelpreis verliehen bekommt.

In der Verfassung ist festgelegt, dass wichtige Ministerposten von militärischen Führern besetzt werden: Verteidigung, Auswärtiges und Innere Angelegenheiten.

Bis heute gilt Suu Kyi in der Welt als eine Art weiblicher Nelson Mandela Asiens. Sie erduldete den Hausarrest, begann in den Jahren nach 2011 eine politische Karriere als De-facto-Ministerpräsidentin – und fiel international in Ungnade, als herauskam, dass sie die Angriffe auf die Minderheit der Rohingya nicht so verdammen wollte, wie es die Internationale Gemeinschaft tat. Rund eine Million Menschen dieser muslimischen Minderheit flohen in Richtung Bangladesch – und leben jetzt im weltweit größten Flüchtlingslager. 

Putsch #3: Im Jahr 2005 lässt die Militärregierung eine neue Hauptstadt im Zentrum des Landes errichten, sie heißt Naypyidaw, übersetzt: „Heimstatt der Könige“. Dieser Umzug erweckt den Eindruck, das Militär wolle sich abkapseln. Um dem entgegenzuwirken, setzt es eine neue Verfassung auf. Das beste Zeichen dafür sollen die ersten demokratischen Wahlen im Jahr 2015 sein. Aung San Suu Kyis Partei gewinnt mehrheitlich, kann aber dennoch nicht frei regieren, da die vom Militär aufgesetzte Verfassung von 2008 ein Viertel der Sitze im Parlament für das Militär reserviert hat – ungeachtet des Wahlergebnisses. In der Verfassung ist weiterhin festgelegt, dass wichtige Ministerposten von militärischen Führern besetzt werden: Verteidigung, Auswärtiges und Innere Angelegenheiten.

Der große Bruch beginnt im November 2020 als die NLD die Wahlen mit 82 Prozent der Stimmen gewinnt. Am 1. Februar 2021, dem ersten Sitzungstag des neu gewählten Parlaments, werden in den frühen Morgenstunden ranghohe Parteimitglieder und ihre Anwälte festgesetzt. Doch im Unterschied zu früheren Putschen gibt es jetzt das Internet und es gibt unabhängige Medien, die zum Teil von Burmesen im Ausland mit Nachrichten gefüllt werden.

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In Rangun demonstrieren auch am Freitag wieder Burmese für einen Föderalstaat und eine Armee. Sie benutzen Englisch und nicht Burmesisch, zum einen, weil sie international verstanden werden wollen – und weil nicht alle Einwohner Burmesisch als Erstsprache benutzen. 

Die ersten, die demonstrieren, sind Staatsbedienstete, viele ethnische Burmesen: Ärzte und Lehrer. Später auch Ingenieure, Fabrikarbeiter, Anwälte, Banker, Studierende, Künstler, Geistliche. Am Ende demonstrieren auch Kinder auf den Straßen. Zunächst bleibt alles friedlich. Die Bewegung ist vielfältig, bunt, divers und sehr erfinderisch. Von Sonnenauf- bis zum Sonnenuntergang sitzen sie am Straßenrand, veranstalten Konzerte, tanzen Breakdance und häkeln Protestschals. Restaurants verteilen Getränke und Essen an die Demonstrierenden. Anfangs auch an die Polizisten.

Die Demonstrierenden blockieren wichtige Straßen, indem sie sich vor ihre Autos stellen und ihre Motorhauben öffnen – als gäbe es etwas zu reparieren. Nachts sitzen sie in einem Meer aus Kerzen auf den Straßen und singen Protest-Lieder. Von den ersten Tagen gehen beeindruckende Aufnahmen um die Welt. Nicht nur aus Yangon, sondern auch von ländlichen Straßen, auf denen riesige, weiße Schriftzüge mit Parolen in die Luft gehalten werden. Darauf steht auf Englisch „Demokratie für Myanmar“. Sie benutzen Englisch, weil sie von der ganzen Welt verstanden werden wollen. Die Bilder erzählen in den ersten Wochen von einer kraftvollen, friedlichen Massenbewegung, die sich ein selbstbestimmtes Leben wünscht: eine Verfassung, die die Grundrechte der Menschen schützt, freie Meinungsäußerung, Gewaltenteilung.

Da ist eine junge Generation auf der Straße. Unterstützt wird sie von den erfahrenen Älteren der „8888er“-Aufstände, die in den vergangenen zehn Jahren von der zögerlichen, wenn auch untiefen demokratischen Öffnung profitiert hat. Auch das Internet hat dazu beigetragen, dass sich die Bevölkerung – nicht nur die Jungen – weltweit austauscht und  eine Perspektive für eine friedliche Zukunft im eigenen Land entwickelt. Schließlich hatte sich Myanmar seit 2011 geöffnet für Einflüsse aus dem Ausland. Oder hatte sich die Welt geöffnet für Myanmar? Ein zaghafter Tourismus blühte auf – bis 2017 die Rohingya-Krise das Image des Landes stark beschädigte.

Das erste Todesopfer von Myanmars Protestbewegung erliegt am 9. Februar seinen Verletzungen: eine 20-jährige Demonstrantin. Ihr wird gezielt durch ihren Helm hindurch in den Kopf geschossen. Sie stirbt später im Krankenhaus. Am 12. Februar erlässt das Militär unter der Führung von Min Aung Hlaing eine Amnestie. 23.000 Strafgefangene werden aus Gefängnissen entlassen, auch Gewalttäter. Auch deshalb wächst die Gewalt in allen Landesteilen von Tag zu Tag. Nachts werden Bürgerrechtler, Anwälte, Journalisten, Schriftsteller und viele andere zu Hause abgeholt und inhaftiert. In den Bezirken gründen sich kleine Bürgerwehren, die mit Töpfen und Pfannen Alarm schlagen, sobald sich die Polizei den Wohnhäusern nähert.

Trotz dieser drohenden Gewalt gehen die Demonstrationen unvermindert weiter. Die Polizei und das Militär nutzen Wasserwerfer, Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition. Demonstranten errichten Straßenbarrikaden, in einzelnen Bezirken von Yangon ruft das Militär das Kriegsrecht aus. Ähnlich wie bei unseren Corona-Regeln werden auf Plakaten auch für Demonstranten Regeln in Bildern zusammengefasst: Kopfbedeckung, Mund- und Nasenschutz, Wasser und festes Schuhwerk. Seit Neuestem gelten diese Regeln: Schutzschilde mit der Aufschrift „Bürger“, feste Helme, Gasmasken, Anleitungen zum schnellen Löschen aller Handydaten im Fall einer Festnahme und Notversorgung von Verletzten.

Laut dem Wahlergebnis vom 8. November 2020 bildet die NLD gemeinsam mit anderen demokratischen Parteien die Mehrheit der Stimmen. Mit Hilfe ihrer Netzwerkarbeit haben die demokratischen Kräfte überall im Land ihre Zusammenarbeit beschleunigt und formulieren gemeinsame Ziele. Insbesondere die ethnischen Burmesen, die in der Vergangenheit weniger das Ziel für Attacken seitens des Militärs waren, solidarisieren sich mit den Minderheiten, da sie nun selbst Gewalt erfahren. Die Bemühung um eine föderale Demokratie hat großen Aufwind in diesen Tagen. Das Komitee zur Errichtung einer zivilen Regierung (CRPH) mit einer demokratischen Verfassung hat sich seit Tag fünf nach dem Militärputsch parallel im Exil organisiert.

Sie können alle Blumen abschneiden, aber sie können den Frühling nicht verhindern.

Spruch von Pablo Neruda, der jetzt auf Transparenten steht

Die Bewegung, die sich als Alternativregierung zu Min Aung Hlaings Junta versteht, hat Minister ernannt und ihren eigenen Abgeordneten, Dr. Sa Sa, als Vertreter Myanmars für die UN vorgeschlagen. Aktuell hat die Exilregierung die erste Version der Verfassung für die Föderale Demokratie Myanmars veröffentlicht. Darin wird genauer zu lesen sein, wie sich diese Alternativregierung die Verteilung der Macht vorstellt. Ähnlich wie in der Bundesrepublik sollen politische Aufgaben zwischen dem Bund und den Mitgliedsländern aufgeteilt werden. An der Verfassung haben vier Gruppen gearbeitet: vom Volk gewählte Parlamentsmitglieder, politische Parteien, das Streikkomitee, das die Proteste organisiert, Frauen- und Jugendgruppen und Vertreter der Bewaffneten Ethnischen Gruppen.

Gleichzeitig bündeln die einzelnen Regionen Myanmars ihre regionalen militärischen Kräfte zu einer Föderalen Armee. Gemeinsam wollen sie das Militär von Min Aung Hlaing besiegen. Dies kann nur gelingen, wenn einfache Soldaten aus der Junta desertieren und sich der Föderalen Armee anschließen. Die Zeichen stehen demnach wirklich auf einem Bürgerkrieg – zumal die Gewaltspirale seit Monaten mehr Opfer fordert. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es an diesem Wochenende wieder ein Gewaltexzess folgt.

Die Straßen der Städte gleichen seit Mitte März einem Schlachtfeld: Gummireifen brennen, Barrikaden aus Müll, Holzbrettern, Sandsäcken und allem Unrat, der sich finden lässt, werden errichtet. Immer häufiger kommt es zu willkürlichen und gewalttätigen Angriffen auf die zivile Bevölkerung. Unzählige Handyaufnahmen, gefilmt aus Verstecken oder hinter Gardinen, zeugen von der beispiellosen Gewalt.

Der Grund warum es vergangene Woche zu diesem Blutbad kam, liegt am Feiertag, der am 27. März gefeiert wird in Myanmar. Es ist der große Tag des Militärs, das sich normalerweise mit einer großen Parade in der Hauptstadt Naypiydaw machtvoll präsentiert. General Min Aung Hlaing wollte aus diesem Grund die Protestbewegung bis zum 27. März 2021 auflösen. Jetzt geht dieser Tag mit 114 Todesopfern als blutigster Tag der Proteste in die Geschichte ein. Die Opposition ruft den 27. März als „Tag der Schande“ aus.

So wie hier in Dawei, Myanmar, zeigen viele Einwohner in Myanmar gerade die Drei-Finger-Geste. Wie im Film „Hunger Games“ bedeutet sie: Wir kämpfen weiter, egal, ob ihr auf uns schießt.  

Zu hoffen bleibt, dass die Bevölkerung trotz der Gewalterfahrung den Ansatz einer humaneren Gesellschaft behält und das der „Burmesische Frühling“ weiterhin friedlich bleibt. Weiter halten die Demonstranten drei Finger in die Höhe und rufen dabei Pablo Nerudas Spruch: „Sie können alle Blumen abschneiden, aber sie können den Frühling nicht verhindern.“ An einer Bevölkerung, die sich Frieden und einen Rechtsstaat wünscht, mangelt es nicht.