Gibt es einen Trans-Hype?

Die Anzahl von Personen, die ihren amtlichen Geschlechtseintrag ändern wollen, steigt seit Jahren an. Einige Kinderpsychiater wie Alexander Korte meinen einen „Hype“ zu erkennen, vor allem die Anzahl von Mädchen, die sich geschlechtlich falsch einsortiert fühlen, steige rasant. Wollten im Jahr 2000 noch rund 500 Personen bundesweit ihren Geschlechtseintrag ändern, waren es 2019 schon mehr als 2500 Personen. Die Hamburger Psychologin Cornelia Kost weist allerdings darauf hin, dass im gleichen Zeitraum auch der Anteil derer stark gewachsen ist, die sich als LGBTI geoutet haben. Genauso wie Schwule, Lesben oder Bisexuelle bekannten sich mehr und mehr trans Personen zu ihrer Identität, statt sie zu verschweigen.

Plant die Bundesregierung ein Transsexuellengesetz?

Bereits seit 40 Jahren existiert das in Teilen verfassungswidrige Transsexuellengesetz (TSG). Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien außer der AfD haben sich für dessen Reform bzw. Abschaffung ausgesprochen. Grüne und FDP hatten im Jahr 2020 Gesetzentwürfe für ein weitreichendes Selbstbestimmungsgesetz vorgelegt. Danach sollen Personen sich per Willensbekundung vor dem Standesamt einem anderen Geschlecht zuzuordnen können. Die Berliner Zeitung berichtete im Februar über einen Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums, der eine teilweise Selbstbestimmung für erwachsene trans Personen vorsah. Für die Verfahren sollten weiterhin die Gerichte zuständig sein, Minderjährige müssten sich weiterhin begutachten lassen.

Wie viele trans/inter-Menschen gibt es?

Die genaue Zahl ist selbst unter Experten umstritten und die Schätzungen variieren stark. Das Bundesjustizministerium hat zwischen 1981 und 2019 rund 30.000 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz (TSG) verzeichnet. Verbände sagen, dass einige Gerichte Verfahren unvollständig gemeldet haben, die Zahlen könnten also höher liegen. Die Zahlen derer, die sich als transident verstehen, schwanken je nach Umfrage zwischen 0,6 und 2,1 Prozent. Experten schätzen den Anteil von Intersexuellen an der Bevölkerung zwischen 0,007 und 0,2 Prozent.

Gibt es Rückkehrer, die ihre Transition rückgängig machen wollen?

Knapp 1 Prozent von trans Personen entscheiden sich, eine begonnene Transition zu unterbrechen. Studien ergaben, dass etwa jede dritte dieser Personen die Transition zu einem späteren Zeitpunkt weiterführt. Andere brechen aus unterschiedlichen Gründen eine Hormontherapie ab, wollen geschlechtsangleichende Operationen wieder rückgängig machen. Das TSG sieht die Möglichkeit vor, nach einer Personenstandsänderung in den vorherigen Stand zurückzukehren.

Werden transidenten Kindern leichtfertig Pubertätsblocker verschrieben?

Die überwiegende Mehrzahl von mit trans Kindern befassten Psychologen und Ärzten verneint dies. Die Mainzer Psychotherapeutin Sabine Maur nennt aber die „Effekte von Pubertätsblockern erst einmal reversibel“. Verweigere man Jugendlichen mit sicher diagnostizierter Geschlechtsdysphorie eine adäquate Behandlung, laufen diese laut Maur Gefahr, schwere Depressionen zu erleiden – bis hin zum Suizid.

Müssen sich trans Personen einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen?

Das TSG setzt in §8 Abs.4 bei der antragstellenden Person voraus, dass sie „sich einem ihre äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen hat“. Diese Forderung wurde vom Bundesverfassungsgericht erst 2011 gekippt. Es steht jeder trans Person frei, sich für oder gegen geschlechtsangleichende Maßnahmen zu entscheiden. Die Kliniken, die entsprechende Eingriffe vornehmen, haben teils jahrelange Wartelisten.

Werden trans Personen in allen Bundesländern gleich behandelt?

Für jede Person in Deutschland, die ihren Personenstand und Vornamen ändern möchte, gilt dasselbe Bundesrecht. Welche Willkür in der Praxis herrscht, weiß Petra Weitzel, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti). „In Leipzig hat eine Amtsrichter in jedem Fall rechtswidrig drei Gutachten verlangt und konnte mehrere Jahre lang davon nicht abgehalten werden.“ Lediglich in Berlin und Bayern werde berücksichtigt, wenn sich Antragstellende für bestimmte Begutachtende entscheiden. „In anderen Bundesländern wird nur ein oder gar kein Vorschlag akzeptiert.“ Das führe beispielsweise dazu, „dass antragstellende Jugendliche aus Baden-Württemberg bei Herrn Korte in München landen“ – ein Gutachter, der mehrfach öffentlich vor einem angeblichen „Trans-Hype“ gewarnt hatte. Trans Jugendliche in Bayern, Hamburg und Rheinland-Pfalz haben es Petra Weitzel zufolge auch besonders schwer, medizinische Leistungen ihrer Krankenkasse einzufordern. Anträge auf geschlechtsangleichende Behandlungen würden vom Medizinischen Dienst der Krankenkasse (MDK) pauschal abgelehnt – trotz bundesweit einheitlicher Richtlinien.

Seit wann sind trans Personen in Deutschland rechtlich anerkannt?

Erst seit dem Jahre 1981 ist in (West-) Deutschland gesetzlich geregelt, wie trans Personen Geschlechtseintrag und Vornamen ändern können. In Schweden konnte man das schon neun Jahre zuvor, Italien (1982), Niederlande (1985) oder Türkei (1988) brauchten noch länger für diese Änderung im Gesetzbuch. Erst seit dem Jahr 2013 ist es legal möglich, sich weder männlich noch weiblich zuzuordnen, sondern die Frage offen zu lassen. 2017 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass man sich auch „divers“ zuordnen können..

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.