Berlin - Die fertigen Leinwände sind stumm. Umgedreht lehnen sie an den Wänden des Ateliers. Es wirkt, als wollte Atusa Jafari nicht, dass ihr die Porträtierten auf die Finger schauen, wenn sie sie Schicht für Schicht ‚lebendig malt‘. „Ich male nicht und dann ist das Bild einfach da. Es ist ein Kampf – ich schäle aus dem Motiv den Kern heraus“, sagt sie. Und beim Kämpfen will sie keine Beobachter.

Die Malerin empfängt mich in dicker Jacke. Hier im Erdgeschoss, in einem Hinterhof in Prenzlauer Berg, ist es eisig, zu jeder Jahreszeit. Andere mit Farbflecken versehene Winterjacken liegen für alle Fälle bereit. Hat Jafari einmal angefangen mit einem Bild, muss es in einem Rutsch fertig werden. „Ich bin sehr ungeduldig“, sagt sie und lacht. Sie weiß, dass man bei Ölmalerei ewig aufs Trocknen einer Farbschicht warten muss, bis es endlich weitergeht.

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Ohne männlichen Blick, in ungenierter Natürlichkeit

Die Ungeduld liegt auch in dem begründet, was sie malt. Jafari porträtiert junge Menschen in intimer Umgebung. Zu Hause im Schlafzimmer, im Bad, auf dem Bett. Die Figuren posieren, ohne wirklich zu posieren. Wer sich Jafaris verträumt-ausdrucksvolle Bilder anschaut, wird an fotografische Schnappschüsse voll Freiheit und subtiler Nähe erinnert. Aufnahmen von Momenten, die verschwinden, wenn man nicht schnell genug den Auslöser drückt. Da ist dann dieser flüchtige Strich Jafaris, der möglichst viel erzählen und auf dem Weg dahin nichts verlieren will. Vergangenen Herbst wurden Jafaris Arbeiten bei Anahita Contemporary unter dem Titel „A Room of Her Own 2“ gezeigt, basierend auf dem gleichnamigen Titel von Virginia Woolfs Essay von 1929. Die Galeristin Anahita Sadhigi entdeckte Jafari im selben Jahr online und über Freunde.

Miriam Marlene
In einer vom männlichen Blick geprägten Welt wird die weibliche Brustwarze sexualisiert.

In Jafaris Atelier selbst steht nur wenig. Das, was drinsteht, erzählt davon, ständig im Einsatz zu sein. Hier ist keine einzige Fläche, auf der sie ihre Farben nicht mischt. Auf Büchern von der Straße, alten Magazinen, auf einer Holztruhe, auf Tellern. Eine Wand trägt Striche von Hautfarben verschiedener Nuancen. Das zentralste Element in Jafaris Werk ist nackte Haut. Aus ihren Bildern sprechen hüllenlose Körper. Sie suggerieren Nähe und grenzen sich doch ab, lassen ungenierte Blicke zu, kennzeichnen sich aber nie als voyeuristisch. Nacktheit soll in Jafaris Motiven keine sein, die den Körper zum Objekt macht. „Für mich bedeutet Nacktsein, sich selbst ehrlich zu begegnen.“

Wieso die Bilder nur makellose Körper zeigen? Nicht etwa, weil Jafari diejenigen ausschließt, die nicht dem internalisierten Blick vermeintlich perfekter Schönheit entsprechen. Und dennoch kann der Betrachter sich fragen, wieso sich keiner ihrer Körper dem „Ideal“ entzieht. Jafari arbeitet sich in ihrer Arbeit vor allem an ihren engsten Freundinnen ab, gibt ihnen Raum fernab gewohnter Übersexualisierung, beobachtet und malt sie in intimen Momenten, ohne männlichen Blick, in ungenierter Natürlichkeit. Damit stülpt sie als privat deklarierte Momente ins Öffentliche und kehrt die Sehgewohnheit dessen um, was sonst – von Außen – sexualisiert würde.

Bei Jafari wirkt nackte Haut traurigerweise revolutionär

Ihre Malerei könnte man leicht in eine feministische Schiene schreiben: Frau malt Frau. Aber das ist der 21-Jährigen zu simpel. Natürlich liege in ihrer Selbstverständlichkeit, nackte, vor allem weibliche Körper zu zeigen, ein Moment der Befreiung und Selbstermächtigung. Per se seien Frauenkörper ihr vertrauter. Seit ihrer Schulzeit füllt sie Skizzenhefte mit Frauenkörpern. Sie studierte sich selbst und wurde in ihrer Körperlichkeit durch ihre Zwillingsschwester intensiv gespiegelt. Und dennoch: In einer vom männlichen Blick geprägten Welt, wo die weibliche Brustwarze sexualisiert wird, wirkt die nackte Haut in Jafaris Arbeit traurigerweise schnell revolutionär. „Dabei male ich einfach Körper, die stark und schwach sind“, die Menschenseelen beherbergen.

Die Frage sei ohnehin: „Was überhaupt ist männlich, was weiblich?“ Erdachte Label, die das Binäre aufrechterhalten, das die Gesellschaft als von Männern regierte stützt. Spannend findet Jafari den Blick, mit dem auf die Welt und eben auch auf Bilder geschaut werde. „Ich denke, jeder sieht, was er – gerade – sehen muss.“ Das Gesehene sage mehr über die betrachtende Person sowie über ihren inneren Standpunkt aus als über das Bild selbst.

Der inspizierende Blick auf ihre Musen ist immer auch ein bewundernder, sagt sie, „sie alle strahlen“. Jafari fotografiert viele ihrer Freundinnen analog, malt aber nie eins zu eins nach den Abzügen. Es scheint, als studierte sie die Menschen, die sie umgeben, auf verschiedenen Wegen, in all ihrer Vielschichtigkeit und Alltäglichkeit. Sie mischt das Innen mit dem Außen, macht Unsichtbares sichtbar. Es ist das Energetische, nicht eindeutig zu Benennende des Menschen, das sie so glasklar herausarbeitet.

So internalisiert die Künstlerin ungefiltert. Sie saugt auf, was sie scharfsinnig beobachtet, und überträgt es unmittelbar auf die Leinwand. Aber auch vom Zufall lebe sie. Menschen, die sie kaum kennt, die vielleicht noch nicht einmal auffallen und in ihrer Wirkmacht trotzdem so eindrücklich sind, dass sie sie einfach malen muss. All dem spürt Jafari nach. Man könnte fast sagen, die Künstlerin sei ein Medium, das Energien speichert und sie mit dem Pinsel neu visualisiert. Auf der Leinwand landet die erinnerte Essenz einer Person.

Mit Öl arbeitet Jafari inzwischen seit knapp drei Jahren. Es fordere sie extrem heraus. Besonders weil die Farbe sich so eigensinnig verhält. Von den Regeln, die sie kennt, hat sie durch eigene Fehler erfahren. Jafari ist Autodidaktin, war nie auf einer Kunsthochschule und schaut sich auch keine Tutorials online an. Sie finde es spannend, sich dabei zuzusehen, wo es hingeht, wenn sie alleine ist. 

Trotzdem sagen ihr Männer älterer Generationen, die Interesse an ihrer Kunst zeigen und dann enttäuscht erfahren, dass sie keine Kunststudentin ist, gerne mal, wie gut die Uni ihr tun würde. „Vielleicht stimmt’s. Aber wieso verändert ein akademischer Stempel ein Werk so im Wert?“ Natürlich, weiß sie, greifen hier Strukturen ineinander: konservative, elitäre, patriarchale, kapitalistische. Privilegierter Mann erklärt junger Künstlerin, wie es läuft. Das System diktiert: etablierte Ausbildung oder Kind einer Künstlerfamilie. Und Jafari? Nun, sie will einfach malen.

Miriam Marlene
Innenansicht aus Atusa Jafaris Studio in Prenzlauer Berg.

Bisher liegt ihr Fokus auf den Körpern, als Seismografen des Gemüts. Man braucht kein Lächeln, keine Sorgenfalten, um zu deuten, wie es einer Person geht. Ein Lächeln kann täuschen. Vielleicht verrät Körperhaltung sogar noch unmittelbarer, wie eine Person gerade im Leben steht. Vielleicht sagen Körper schneller mehr, denkt Jafari. Unter den Bildern, die sie hier und da umdreht, fällt eins besonders auf: Es ist klein, darauf ist bloß ein Gesicht zu sehen. „Daran versuche ich mich gerade, ein Porträt einer Freundin – es gelingt nicht.“ Sie zeigt auf eine andere Leinwand auf dem Boden, selbe Größe, gleiches Motiv. Aus Frust hat sie sie übermalt, sodass man noch eine Idee vom Gesicht hat. „Ich halte das Scheitern gerade nicht aus, es macht mich wütend.“

Auf ihrem Tisch lag heute ein Brief der Tochter des Atelierbetreibers, die Jafaris Enttäuschung mitbekommen hat. Rührende Worte in mühevoller Schreibschrift, Worte über Geduld, übers Scheitern. Wahre Sätze einer Elfjährigen, die die Welt in ihrer brachialen Realität schon begreift, aber Dinge, die weniger gut gelingen, nicht so ernst nimmt. Das mag kindlich naiv sein. Und Naivität, scheint es, kann man sich nicht leisten. Dabei hat sie doch auch so viel Weiches, Offenes an sich.

Jafari erwähnt oft, wie naiv sie sei. Weil sie eben keinen Masterplan für ihre Karriere hat, weil sie in ihren eigenen Weg vertraut. Manchmal klingt es, als wollte sie sich dafür rechtfertigen, dass sie keine Strategie hat - anders als es vom System erwartet wird. Aber würde sie sich selbst malen, dann wären es wohl genau ihre Integrität, jene Intuition, die zügellose Leidenschaft für ihre Arbeit, aus Öl Lebendiges zu malen, die in einem solchen Bild sichtbar würden.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.