Berlin - Am zehnten Tag der Kämpfe muss Hamza sich entscheiden: Geht er zur Anti-Israel-Demo oder zur Arbeit ins Sushi-Restaurant? Die Demo findet am Alexanderplatz statt, es ist die dritte in einer Woche. Das Restaurant ist in Kreuzberg, es gehört seinem Cousin. Hamza arbeitet hier öfter nach der Schule, Reis frittieren, Essen einpacken. Er ist 17 und geht in die 12. Klasse der Rütli-Schule in Neukölln, aber er kriegt das gut hin, sagt er, Arbeit und Lernen. Nur kommt jetzt eben der „Konflikt“ dazu, und die Demo fällt genau in die Sushi-Schicht: 17 bis 23 Uhr.

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
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Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

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Hamza überlegt, was wichtiger ist: der Befreiungskampf seines Volkes oder der Cousin, der ihn in der Küche braucht, wenn abends die Bestellungen der Kreuzberger eintreffen, die keine Lust zum Kochen haben. Er trägt einen weißen Pullover, graue Jeans, schwarzen Rucksack, schwarze Sneaker und guckt nochmal nach der Einladung, weil er sich nicht mehr so sicher ist, ob die Demo heute oder erst morgen stattfindet. Er wischt über sein Handy, auf Instagram findet er, was er sucht: ein Plakat auf Deutsch und Arabisch, oben weht die palästinensische Fahne, unten stehen eine Frau und ein Kind auf einem Trümmerfeld, schwarz gekleidet, die Arme nach oben gerissen.

Genauso sehen die Plakate der Hamas aus, wenn im Gazastreifen zu Protestaktionen gegen Israel aufgerufen wird. Aber das hier ist kein Hamas-Plakat. Es ist die Einladung „zur Demonstration gegen die israelische Besatzungswillkür und Aggression“ sowie „zur Solidarität mit den würdevollen und standhaften Menschen im Gaza-Streifen“. Treffpunkt: 19 Uhr an der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Der Nahostkonflikt mitten in Berlin. Hamza ist dabei. Vielleicht, vielleicht nicht.

Seine Großeltern kommen aus dem Westjordanland, mussten 1948 im ersten Nahost-Krieg nach Libanon fliehen. Seine Eltern haben sich dort kennengelernt, sind nach Deutschland ausgewandert, leben heute mit ihren fünf Kindern in Kreuzberg. Hamza ist der Drittälteste. Sein Vater arbeitet als Koch in einem italienischen Restaurant auf dem Kurfürstendamm, seine Mutter ist Hausfrau. Die älteste Schwester hat geheiratet und ist gerade ausgezogen.

Hamza kennt den Feind persönlich. Er war selbst schon einmal dort, in Israel, vor zwei Jahren mit einer Gruppe der Rütli-Schule.

Hamza hat die deutsche Staatsbürgerschaft, aber wie für viele der rund 30.000 Palästinenser in Berlin ist Palästina seine Heimat und Israel, die Besatzungsmacht, der Feind. Mit einem Unterschied: Hamza kennt den Feind persönlich. Er war selbst schon einmal dort, in Israel, vor zwei Jahren mit einer Gruppe der Rütli-Schule.

Die Neuköllner Rütli-Schule wurde vor 15 Jahren durch einen Brandbrief bekannt: mehr als 80 Prozent Schüler „nichtdeutscher Herkunft“, „totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes und menschenverachtendes Auftreten“,  Lehrkräfte, die ignoriert und angegriffen werden, altes Schulgebäude, Polizeischutz. Heute ist alles anders: moderne Unterrichtsräume, pädagogische Werkstätten, Lehrer, die ihren Beruf als Leidenschaft begreifen und mit Schülern aus syrischen, afghanischen oder palästinensischen Flüchtlingsfamilien nach Israel und ins Westjordanland zu fliegen, um sich selbst ein Bild vom „Konflikt“ zu machen.  

Sie haben in einer Jugendherberge in Jerusalem übernachtet, sind durch die Gassen der Altstadt gelaufen, haben mit israelischen Schülern getanzt und einen jüdischen und einen palästinensischen Vater getroffen, die beide ihre Söhne im Krieg verloren hatten. Sie waren in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, in Jesus Geburtskirche in Bethlehem, und auf dem Tempelberg waren sie auch. „Dreimal“, sagt Mehmet Can und stöhnt leise. Er ist Lehrer für Geschichte und Politik, 40 Jahre, Israel-Fan, türkischstämmig, nicht religiös. Ihm hätte ein Besuch auf dem Tempelberg gereicht, sagt er, aber seine Schüler gaben keine Ruhe, er musste immer wieder mit. Can lacht und Hamza erzählt stolz, wie er auf dem Tempelberg eine Tüte mit Erde zusammengescharrt hat. Heilige Erde aus der Heimat seines Volkes. Er hat die Tüte mit nach Berlin genommen, seiner Familie gezeigt und in seinem Kleiderschrank versteckt, dem „sichersten Platz“.

Sie sitzen in der Bibliothek der Schule, Hamza, Mehmet Can und Narges, die aus Afghanistan kommt und auch mit in Israel war. Es war genau die gleiche Zeit im Jahr, jene Tage, wenn muslimische und israelische Feiertage zusammenfallen und die Stimmung so angespannt ist, dass es jederzeit einen neuen Krieg geben kann. Wie jetzt.

Hamza sagt, er habe Gänsehaut, wenn er daran denke, an die Reise überhaupt, die er nie vergessen werde, aber auch daran, dass „es auch uns hätte passieren können“. „Deshalb habe ich euch zum Zuckerfest nicht in die Altstadt gelassen“, sagt Can. Dann reden sie darüber, warum es gerade jetzt so eskaliert ist. Hamza gibt den israelischen Soldaten die Schuld, die auf dem Tempelberg die Al-Aqsa-Moschee gestürmt haben. Can wendet ein, ganz so einfach sei es nicht, es sei auch politisches Kalkül von Seiten der Hamas dabei gewesen, die bei den nächsten Wahlen punkten wollen.

„Die Palästinenser gehen ja nicht wählen“, sagt Hamza.

„Du meinst, die israelischen Araber“, sagt Can.

„Sie gehen nicht wählen, weil sie Israel nicht als ihren Staat anerkennen“, redet Hamza weiter. Er verstehe das, denn die Palästinenser seien vertrieben worden. „Ich will auch nicht gerne aus meinem Land vertrieben werden.“ Es geht gleich wieder ums Ganze. Wie so oft.

Es gibt gerade kaum ein anderes Thema.

Mehmet Can, Lehrer für Geschichte und Politik

Mehmet Can versucht dann immer, trotzdem bei der Sache zu bleiben. Er ist Geschichtslehrer, aber auch Nahost-Experte, kennt jeden Krieg, jede Intifada, und die Tiktok-Videos seiner Schüler kennt er auch, weiß, wie dort Stimmung gegen Israel gemacht wird. Zehn von 16 Schülern seiner Geschichtsklasse haben palästinensische Wurzeln, viele gehen auf Anti-Israel-Demos und kommen am nächsten Tag mit Palästinenserschals in die Schule. „Es gibt gerade kaum ein anderes Thema“, sagt Can.

Zum Glück sei ihr Comic schon fertig gewesen, als es begann, sagt er. Die Israel-Fahrt als Bildergeschichte. Monatelang hatten sie daran gearbeitet, um jedes Bild, jedes Wort gerungen. Darf man sagen, was Heba aus Syrien in ihrer Schule über Israel lernte? Dass ein Schüler für die „Juden“ keine Gastgeschenke mitbringen wollte? Wie erklärt man in einer Comic-Blase die sieben Meter hohe Mauer zwischen Jerusalem und Bethlehem? Was hat der Holocaust damit zu tun? Werden Palästinenser für die Verbrechen der Deutschen bestraft?

Berliner Zeitung / Paulus Ponizak 
Die Rütli-Schule in Neukölln wurde 2006 deutschlandweit bekannt, weil die Lehrer einen Brandbrief schrieben. 

Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Aber dass sie überhaupt darüber reden können, sei das Wichtigste, sagt Can, dass sie sich vertrauen, dass Hamza zum Beispiel mit seinem Lehrer darüber sprechen kann, ob er heute zur Arbeit ins Sushi-Restaurant oder zur Demo geht. Am Sonnabend war er „ganz vorne am Wagen“, trug eine palästinensische Fahne und ein T-Shirt: „Free Palestine“. Heute aber, sagt Hamza, werde er wohl nicht gehen, wegen des Cousins, der mit ihm rechne. Dafür hat er eine neue Idee, die er jetzt seinem Lehrer verkündet: eine Schweigeminute für die Opfer im Gazastreifen.

Eine Schweigeminute nur für die Palästinenser?

Ja, sagt Hamza, am besten in der ganzen Schule, das müsse er aber erst noch mit dem Oberstufenleiter besprechen, eine Mail habe er ihm schon geschrieben.

Mehmet Can murmelt etwas von „partikularen Geschichten“, die „schwierig“ seien und von „allen zivilen Opfern“. Später, als seine Schüler in den Unterricht gegangen sind, sagt er: „Wenn ich sowas höre, merke ich, wie schwierig das ist, was wir hier machen. Das ist schon ein dickes Brett, das wir hier bohren.“

Dabei ist sein „Brett“ seit der Israel-Reise längst nicht mehr so dick wie das anderer Lehrer an anderen Schulen, die oft überfordert sind und Angst vor den Diskussionen mit den Schülern haben. Can weiß das, weil er auch Schulberater ist und Lehrer-Fortbildungen zum Umgang mit dem Nahostkonflikt macht, in Zeiten wie diesen fast täglich. Heute um 15 Uhr findet wieder eine statt. 100 Anmeldungen für 50 Plätze gab es innerhalb weniger Stunden. „Müssen wir morgen gleich noch eine nachschieben“, sagt Can.

Zur Demo wird er es wohl nicht schaffen

Er sitzt auf dem Schulhof, es ist große Pause, vor ihm kniet Simon, ein Kollege, der auch schon mit einer Schülergruppe in Israel war und auch an der Fortbildung teilnimmt. Er will kurz besprechen, wie sie das heute am besten machen. Can sagt, er wolle vor allem „einen Raum schaffen“, damit man auch mal die Unsicherheiten zeigen kann. „Das letzte, was wir brauchen, sind eindeutige Äußerungen zu uneindeutigen Situationen.“

Zur Demo am Alexanderplatz will er eigentlich auch noch gehen, „um sich selbst mal ein Bild zu machen“. Wird er wohl nicht schaffen, sagt er. Wegen der Fortbildung und weil er sich abends um seinen kleinen Sohn kümmern muss. Man merkt ihm an, wie ihn das ärgert und begreift, was es heißt, Lehrer zu sein in dieser Zeit, in diesem Bezirk, an dieser Schule.

Zwei Tage später weiß er dann aber trotzdem genau, was passiert ist auf dem Alexanderplatz, steht vor seiner Klasse, projiziert Presseberichte über die Demonstration an die Wand. In einem steht, es sei „friedlich geblieben“, in einem anderen, es habe 53 Festnahmen gegeben, im dritten, Demonstranten hätten „Kindermörder Israel“ geschrien und zur Bombardierung Israels aufgerufen.

„Der Artikel kommt mir so terroristisch vor“, sagt ein Junge.

„Können Sie sich trotzdem vorstellen, dass das gerufen wurde?“, will Can wissen.

Hamza, der ganz vorne am Fenster sitzt, sagt, gehört habe er so etwas nicht, aber gesehen, auf Plakaten. Ein Junge ruft von hinten: „Stimmt doch, bei den Bombardierungen töten sie Kinder! Israelis schrecken vor nichts zurück.“ Andere stimmen zu. Can macht schnell weiter, er hat nur 40 Minuten, und er hat noch viel vor.

Juden als Kindermörder zu bezeichnen gehört zu den ältesten antisemitischen Klischees, aber so direkt sagt der Lehrer das nicht. Weil die Schüler es nicht nur lernen, sondern auch verstehen sollen. Weil es mehr bringt, sie leicht zu irritieren als mit Schlagworten vor den Kopf zu stoßen. Also geht Mehmet Can zu seinem Laptop und wirft Zahlen an die Wand, vergleicht Google-Treffer zu „Kindermörder Israel“ mit „Kindermörder Syrien“, „Kindermörder Afghanistan“ oder „Kindermörder USA“. Das Ergebnis: Bei Israel gibt es 7700 Treffer, bei den anderen Ländern nur zwei, manchmal gar keine. Dabei, auch das hat der Lehrer vorbereitet, sind im Syrien-Krieg mehr als 600 000 Menschen umgekommen, im Irak-Krieg 367 000 und im israelisch-palästinensischen Konflikt von  1948 bis 2011 etwa 14 500.

Berliner Zeitung / Paulus Ponikzak
Mehmet Can und Narges Tavakkoli haben vor zwei Jahren Israel besucht. Jetzt diskutieren Lehrer und Schülerinnen und Schüler wieder über den Nahost-Konflikt.

Warum das so sei, will er wissen, warum gebe es bei Israel so viele Treffer, aber gar nicht so viele Tote? Die Schüler schweigen verdutzt, müssen sich erstmal sammeln. Dann antworten sie: Weil mehr darüber gesprochen wird. Weil Palästinenser eher sagen, was sie denken. Weil viele Familie dort haben. Einer sagt, das glaube er nicht, das seien viel zu wenig Tote. Ein anderer ruft: „Lassen Sie die Toten da raus!“ Hier gehe es um Menschen, die ihr Land verloren hätten.

Darum gehe es jetzt nicht, sagt Can entschieden. Ausgangspunkt der Diskussion sei die Parole mit den Kindern gewesen, warum es da diese Diskrepanz gibt. Die Schüler sehen ihren Lehrer an, ein bisschen ratlos, ein bisschen irritiert. Mehmet Can hat sein Ziel erreicht.

Irgendwann ruft ein Mädchen, die Stunde sei vorbei. Die Schüler nehmen ihre Rucksäcke, es ist Freitag, kurz vor Pfingsten. Seit zehn Stunden herrscht Waffenruhe in Israel und im Gazastreifen.


Die Autorin hat Hamza, Narges und die anderen Schüler vom Neuköllner Rütli-Campus vor zwei Jahren auf ihrer Israel-Reise getroffen und darüber berichtet.

Der Comic über die Israel-Reise der Rütli-Schüler „Mehr als zwei Seiten“ kann hier kostenlos heruntergeladen werden.