Spätestens seit Amazons „disruptiven“ Geschäftspraktiken sind Buchläden heute bekanntlich in ihrer Existenz bedroht. Manche Berliner Buchläden versuchten, der Gefahr ihrer drohenden Nivellierung kreativ zu begegnen. So etwa auch der Neuköllner Buchladen Topics. Die Betreiber, die Israelis Doron Hamburger und Amir Naaman, eröffneten den Laden 2013 mit der Idee, Bücher in obskure Kategorien zu sortieren: „Prostitution“, „Suizidale Schriftsteller“, ja gar „Faschistische Literatur“. Das Topics-Konzept war meistens provokativ, selten erwartbar.

Im März 2017 planten die Topics-Macher ein Event über den Verschwörungstheoretiker Julius Evola. Sie interessierten sich, so schrieben sie, für Evolas Denken, weil Steve Bannon, damals noch Donald Trumps Chefstratege, Evola einmal als Inspiration benannt hatte. Die Buchhändler überrollte ein Shitstorm. Auf Facebook wurden sie als Nazis beschimpft. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Hamburger und Naaman, beide Enkelkinder von Holocaust-Überlebenden, wurden von deutschen Linken angegangen, weil sie angeblich Antisemitismus eine Bühne boten.

Diese Art Buchhaltermentalität findet sich anders auch heute wieder. So konnte man kürzlich etwa auf Twitter verfolgen, wie die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano aufgrund ihres vermeintlichem Antizionismus von sogenannten Antideutschen als „unerträglich“ bezeichnet wurde. Eigentlich unerträglich ist der Unterton solcher Argumente: die Selbstherrlichkeit, mit der manche Deutsche sich herausnehmen, selbst Stimmen Holocaust-Überlebender als illegitim abzustempeln, wenn sie nicht in ihr kleinkariertes Weltbild hineinpassen. Die rhetorische Militanz war in Augen derer, die sie aussprachen, eine logische Folge historischer Verantwortung. An Topics, im Fall Bejarano, wurde deutlich, wie destruktiv diese besondere Interpretation von Verantwortung sein kann.

Im Februar 2021 entfachte wieder eine Debatte, wieder ging es um einen Neuköllner Buchladen. Hätte man den Topics-Eklat als abstraktes Gemälde auf einer Leinwand verewigt, sie auf den Kopf gestellt und von hinten betrachtet – man käme bei der Debatte um den queer-feministischen Buchladen She Said heraus. Diese entzündete sich an einem Instagram-Gespräch zwischen der Künstlerin Moshtari Hilal und dem Geografen Sinthujan Varatharajah. Die BIPoC-Intellektuellen nahmen dabei unter anderem die belastete Familiengeschichte der She-Said-Besitzerin Emilia von Senger in den Blick. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft, forderten sie, müsse anfangen, ihren „Nazihintergrund“ zu verhandeln (ähnlich, wie nichtweißen Deutschen geläufig ein „Migrationshintergrund“ zugeschrieben wird) sowie die materielle Kontinuität, das NS-Erbe.

Anders als Hamburger und Naaman wurde Emilia von Senger also nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Großeltern in die Kritik gerückt. In einer Reaktion auf das Gespräch reagierte von Senger selbstkritisch, auch souverän. Über mehrere Wochen spekulierten daraufhin deutsche Feuilletons – SZ, FAZ, Welt, auch die Berliner Zeitung – über die Frage, ob von Senger nun „Schuld“ treffe; welche Rolle ihr Urgroßvater in der Wehrmacht einnahm; woher das Geld für den Neuköllner Buchladen stammte. Man debattierte auch darüber, ob Hilals und Varatharajahs Kritik fair war. Ob in ihrem von vielen als Angriff gegen von Senger empfundenen Gespräch nicht auch ein Funke deutscher Selbstgerechtigkeit liege.

Der Großteil dieser Fragen ging am Kern der Sache letztlich vorbei. Denn die Leerstelle, die in den Debatten um Topics und She Said hell aufleuchtet – die Wunde, die Hilal und Varatharajah ja zu Recht aufrissen – ist ja nicht, wer hier eine diskursive Kissenschlacht auf Instagram oder Facebook gewinnt, sondern die gesamtgesellschaftliche, viel breiter angelegte Frage nach den Bedingungen einer neuen Auseinandersetzung mit historischer Schuld und Verantwortung in der dritten und vierten Generation. Was bedeutet diese Verantwortung für uns, für nachgeborene Deutsche, über 75 Jahre nach der Shoah? Wie finden wir einen Umgang damit, der nicht zu formelhaften Plattitüden verkommt? Oder philosemitische Saviorism-Fehlleistungen wie die vorab genannten hervorbringt?

„Diese stellvertretende Verantwortung für Dinge, die wir nicht getan haben“, schrieb Hannah Arendt, „ist der Preis, den wir dafür zahlen, dass wir unser Leben nicht allein, sondern unter unseren Gefährten leben.“ So über Verantwortung nachzudenken, wäre selbst heute noch ein radikaler Paradigmenwechsel gegenüber der Vorstellung, die Helmut Kohl einst als „Gnade der späten Geburt“ bezeichnete. Wie können wir so eine Verantwortung heute denken? Dafür Worte zu finden – das hat der Literaturwissenschaftler Michael Rothberg mit dem Begriff der „Implikation“ zu lösen versucht. (Hanno Hauenstein)

Die Rede von „Menschen mit Nazihintergrund“

„Menschen mit Nazihintergrund.“ Mit dieser Formulierung wollten Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah in die deutsche Gegenwart eingreifen, Mitgliedern der deutschen Mehrheitsbevölkerung eine Identität zuschreiben und letztlich das Schweigen über die NS-Verwicklung vieler „normaler“ deutscher Familien brechen. Ihr Ziel war es, die materiellen Kontinuitäten des Nationalsozialismus sichtbar zu machen. Als Kinder Geflüchteter stellten sie eine heikle Frage: wie es sein kann, dass manche Deutsche – Jahrzehnte nach Ende des Naziregimes – noch heute von ihm profitieren.

In ihrem Instagram-Gespräch wählten sie dafür zwei Personen aus: die Besitzerin einer queer-feministischen Buchhandlung in Kreuzberg, Emilia von Senger, und die Kunstsammlerin Julia Stoschek. Auch wenn diese Beispiele nicht gut gewählt waren, legten sie den Finger in die Wunde eines unbequemen Themas: familiäre Kontinuitäten zur NS-Vergangenheit in kulturellen, progressiven Kreisen. Ihr Ziel: den alten Diskurs der Vergangenheitsbewältigung zu erweitern und zu vertiefen.

Hilals und Varatharajahs Provokation – ihr Vorschlag, gewöhnliche Deutsche als „Menschen mit Nazihintergrund“ zu bezeichnen – stieß auf massiven Widerstand und Kritik. Eine der differenzierteren Kritiken stammte von Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank. Als Jude, dessen Familie in der Shoah ermordet und enteignet worden war, sprach Mendel sich für ein „gleichberechtigtes Miteinander und eine Diskussion auf Augenhöhe“ aus, die die post-migrantische Realität in Deutschland mit einbeziehen. Doch Mendel befürchtete auch, dass die Kategorie „Menschen mit Nazihintergrund“ eher zur Segmentierung der deutschen Öffentlichkeit beitragen würde anstatt zu einer offeneren Erinnerungskultur. Die deutsche Verantwortung, so Mendel, ließe sich nicht in Begriffen des biologischen Erbes begreifen.

Hier liegt in meinen Augen das entscheidende Dilemma der Versuche, die rassistische Vergangenheit aufzuarbeiten, und übrigens nicht nur in Deutschland: Wie lässt sich historische Verantwortung für rassistische Verbrechen anerkennen, ohne dass dabei die ethnischen Kategorien reproduziert werden, die ihnen vormals zugrunde lagen? Es ist wichtig, die Verbrechen als das anzuerkennen, was sie waren: Dies erfordert fraglos eine Anerkennung des rassistischen Denkrahmens der Täter. Auf der anderen Seite sollte jede ethisch informierte Antwort auf die Verbrechen mit deren rassistischer Logik brechen.

Meinten Hilal und Varatharajah nun, deutsche Verantwortung werde „biologisch vererbt“? Indem sie, was sie als materielle Kontinuität bezeichnen – die Kontinuität vererbten Kapitals, nicht der Gene – in den Vordergrund stellen, verzichten sie auf eine Begründung ihres Vorstoßes durch ethnische Kategorien. Dennoch steht jetzt die Frage im Raum: Kommt „ethnischen“ Deutschen der Nachkriegszeit eine besondere Verantwortung zu? Widerspricht dies nicht der progressiven Vision einer post-migrantischen Erinnerungskultur? Können wir das Beharren auf der Partikularität von Verantwortung mit dem Bedürfnis nach einer Kultur der Solidarität in eins setzen? Ich persönlich glaube: Ja, können wir. Dies würde allerdings einen komplett neuen Ansatz einer Aufarbeitung von Vergangenheit erfordern. Einen Ansatz, der über das in Deutschland dominante Modell weit hinausgeht.

In meinem Buch „The Implicated Subject“ entwickle ich ein begriffliches Vokabular, um diverse Formen von Schuld und Verantwortung zu diskutieren, die in Hilals und Varatharajahs Vorstoß auf dem Spiel stehen. In Anlehnung an Karl Jaspers und Hannah Arendt führe ich die Konzepte des „implizierten Subjekts“ und der „Implikation“ ein. Damit beschreibe ich Formen indirekter Verantwortung, durch die Menschen Geschichten von Gewalt und Ausbeutung ermöglichen, von ihnen profitieren, ja, sie auch erben. Implizierte Subjekte begehen diese Verbrechen nicht selbst. Aber sie sind dennoch in Fragen historischer und politischer Verantwortung verwickelt.

Die Deutschen nach dem Holocaust sind ein Paradebeispiel dafür, was ich als eine „diachrone Implikation“ verstehe: Sie sind verstrickt in ein Verbrechen, das sie selbst nicht begangen haben, für das sie aber dennoch Verantwortung tragen. Deutschsein bedeutet (und muss bedeuten): an den Holocaust erinnern, sich mit dem Genozid der Nazis auseinandersetzen. Dies bleibt jedoch zu abstrakt, wenn dabei nicht auch die völkische Vorstellung vom Deutschsein infrage gestellt wird, die den Genozid erst ermöglichte. Migranten und ethnische Minderheiten in Deutschland – wie Hilal und Varatharajah – kennen dieses Problem allzu gut. Oft werden sie widersprüchlichen Weisungen ausgesetzt: Um deutsch zu sein, ist man als Migrant angehalten, an den Holocaust zu erinnern. Gleichzeitig wird einem gesagt, dass dies nicht wirklich die eigene Geschichte sei. Um dieses Doppel-Problem zu lösen, müsste die deutsche Identität als solche transformiert werden.

Die „MenschenmitNazihintergrund“-Kategorie deutet indes nicht nur auf das ideologische Erbe, sondern eben auch auf die materiellen Vorteile, die das NS-Regime bis heute überdauert haben. Während alle Deutschen – Hilal und Varatharajah eingeschlossen – Verantwortung tragende „Nachfolger“ sind, kann eine begrenztere Anzahl der Deutschen als „Nutznießer“ des Nationalsozialismus angesehen werden. Letztere versuchten Hilal und Varatharajah in ihrem Instagram-Gespräch zu identifizieren. So eine Identifizierung erschwert zwar den Versuch einer universalistischen Erinnerungskultur. Wenn wir in diesem Kontext aber keine Unterscheidungen mehr machen, verlieren wir die Fähigkeit, das Nutznießer-Problem überhaupt zu thematisieren.

Manche Gesellschaften verzichten gänzlich auf solche Formen einer Konfrontation. In Südafrika etwa befasste sich die Wahrheits- und Versöhnungskommission nach dem Ende der Apartheid ausschließlich mit „groben Menschenrechtsverletzungen“. Die alltäglicheren Beispiele, wie Weiße vom Apartheidregime profitierten, wurden weitestgehend vernachlässigt. Das Problem besteht darin, dass die Gewaltgeschichte natürlich keinen plötzlichen Endpunkt hat, sondern in ideologischen, materiellen, auch psychischen Formen weiterhin fortbesteht.

Ein anderes prominentes Beispiel sind die Nachwehen der transatlantischen Sklaverei, etwa in den USA. Niemand könnte guten Gewissens behaupten, dass die Auswirkungen der Sklaverei nicht mehr nachwirken, wie im tagtäglichen Rassismus und der materiellen Benachteiligung nichtweißer Minderheiten deutlich wird. Nutznießer dieses Systems sind zwar nicht schuld an den Verbrechen, von denen sie profitieren. Dennoch tragen Sie eine Verantwortung, sich mit dem Erbe der Sklaverei auseinanderzusetzen und sich für symbolische – und materielle – Formen der Wiedergutmachung einzusetzen.

Als Nachkomme osteuropäischer Juden, die im frühen 20. Jahrhundert in die USA einwanderten, bin ich selbst nicht schuld an der Sklaverei oder an der massenhaften Enteignung indigener Völker. Genealogisch bin ich nicht in diese Verbrechen verwickelt. Doch als Weißer, der Polizeigewalt viel weniger fürchten muss als andere Minderheiten, profitiere ich heute ideologisch wie materiell vom Gründungsverbrechen der USA. Wie die Deutschen nach dem Holocaust bin auch ich selbst ein impliziertes Subjekt. In diesem Sinne sind Hilal und Varatharajah genauso implizierte Subjekte. Obwohl sie von der NS-Vergangenheit nicht gleichwertig profitieren wie manche Deutsche – und obwohl sie wohl faktisch unter Rassismus leiden –, tragen auch sie eine Verantwortung für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland. Gerade deshalb sollte ihr Vorstoß begrüßt werden: Er stellt genau jene From von Auseinandersetzung dar, die die deutsche Gesellschaft von ihren Minderheiten einfordert, aber nur in den seltensten Fällen wirklich als solche anerkennt.

Die Kategorie „Menschen mit Nazihintergrund“ erzeugt ein Unbehagen. Doch sie bietet gleichzeitig auch eine Gelegenheit, die Grundparadoxie im Herzen der deutschen Gesellschaft zu adressieren: die Notwendigkeit, die partikulare und auch die universelle Dimension der historischen Verantwortung anzuerkennen. Was wir brauchen, ist gesellschaftliche Solidarität, die Gemeinsamkeiten konstruiert – und Unterschiede anerkennt. Eine solche Solidarität könnte die Grundlage einer pluralistischen Kultur sein. Doch sie erfordert, dass wir uns zuallererst mit den bestehenden Macht- und Ungleichheitsverhältnissen auseinandersetzen, die unsere Gegenwart weiterhin prägen. (Michael Rothberg)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.