Berlin - Der deutsche Sparer ist ein seltsames Wesen. Er ist solide, er gibt nicht mehr aus, als er hat, und Kredite kommen für ihn allenfalls im Notfall in Betracht. Wenn er heute ein neues Konto eröffnen will, erlebt er trotzdem immer häufiger eine böse Überraschung. Sein Guthaben bringt nicht nur keine Zinsen, es kostet ihn sogar immer häufiger, sein Erspartes bei der Bank zu hinterlegen. Fast wirkt es so, als wollen die Banken ihn nicht mehr als Kunden haben. Dabei war der kleine Sparer bei den Banken früher sehr beliebt, doch nun wird auch die einstmals heile Welt der Sparkassen und Genossenschaftsbanken durch Negativzinsen erschüttert.

In Ostdeutschland ist das Phänomen besonders ausgeprägt. Der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes Michael Ermrich war sich vor zwei Jahren noch so sicher: Strafzinsen für Kleinsparer in Ostdeutschland hielt er für ausgeschlossen. Gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk verkündete er, bei Bankguthaben bis zu 100.000 Euro müssen sich die Sparer keine Gedanken machen, denn für sie wird es keine Negativzinsen geben. Auch aus der Politik hieß es immer wieder, Negativzinsen für Kleinsparer darf es nicht geben. Sowohl Finanzminister Olaf Scholz (SPD) als auch der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) haben die Banken immer wieder davor gewarnt, Negativzinsen von Sparern zu verlangen. „Wir brauchen ein gesetzliches Verbot in Deutschland, das verhindert, dass Negativzinsen umgelegt werden auf Kleinsparer“, forderte Söder in der Bild. Scholz ließ ein Verbot von Negativzinsen für Verbraucher im Bundesfinanzministerium prüfen.

Warum trifft der Negativzins vor allem Bankkunden im Osten?

Seitdem ist jedoch nichts passiert. Auch von Ermrichs Versprechen bleibt nicht mehr viel übrig. Selbst bei den Guthaben unter 100.000 Euro werden immer häufiger Negativzinsen erhoben. Im Schnitt sind es minus 0,5 Prozent. Wer heute 10.000 Euro auf einem Girokonto mit Negativzinsen parkt, verfügt nach zehn Jahren rein rechnerisch deshalb nur noch über 9511,10 Euro. Das Verbot von Negativzinsen war ohnehin umstritten: Nicht nur Banken kritisierten die Verbotspläne, auch Verbraucherschützer befürchteten, dass die Banken bei einem Verbot ihre Kosten einfach nur auf die Kontoführungsgebühren umlegen würden.

Ostdeutsche Sparer sind von Strafzinsen besonders häufig betroffen, dies hat eine Auswertung des Vergleichsportal Verivox ergeben. De facto verlangt knapp jede zweite Bank in Ostdeutschland von ihren Privatkunden inzwischen Negativzinsen, im Bundesschnitt sind es gerade mal ein Fünftel. 

Doch warum ist das so? Warum trifft der Negativzins vor allem Bankkunden im Osten? Gerade die Solidität des ostdeutschen Sparers wird ihm im Niedrigzinsumfeld zum Verhängnis. Mentalitätsunterschiede mischen sich dabei mit handfesten Faktoren. Im Osten ist man bei der Kreditaufnahme insgesamt deutlich zurückhaltender als im Westen, gleichzeitig ist die Spardisziplin im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen besonders hoch.

Wer mehr verdient, ist an höheren Krediten interessiert

„Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank belastet die Geldhäuser in Ostdeutschland besonders hart. Viele Banken der Region verwahren deutlich mehr Spargelder als sie auf der anderen Seite in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher ausgeben können. Auf einen Teil ihrer überschüssigen Einlagen, die sie bei der Zentralbank parken, müssen die Banken selbst Strafzinsen zahlen“, erläutert Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH, die Situation gegenüber der Berliner Zeitung am Wochenende.

Die Zurückhaltung bei der Kreditaufnahme in Ostdeutschland erklärt sich durch das anhaltende Lohngefälle, denn auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung verdienen ostdeutsche Arbeitnehmer im Schnitt deutlich weniger als ihre westdeutschen Kollegen. Wer im Westen in Vollzeit arbeitet, verfügt über ein mittleres Einkommen in Höhe von 3526 Euro brutto, im Osten waren es hingegen nur 2827 Euro, dies geht aus einer Erhebung des Bundesarbeitsministeriums hervor. „Wer mehr verdient, kann mit seinem Einkommen tendenziell auch höhere Kredite finanzieren. Die Kreditbeträge der ostdeutschen Darlehensnehmer sind deshalb im Durchschnitt fast 1300 Euro niedriger als die Kreditsummen westdeutscher Verbraucher,“ sagt Maier und verweist damit auf die Verbraucherkredite, die über Verivox abgeschlossen werden.

Ältere Menschen haben dabei das Nachsehen

Im Osten ist nicht nur bei Verbrauchern die Nachfrage nach Krediten geringer, auch die ostdeutschen Unternehmen haben einen geringen Kapitalbedarf. Die Folge: Immer mehr Kundengelder landen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Verwahrung. Früher war das noch ein einträgliches Geschäft, denn die Banken erhielten Zinsen auf das eingelagerte Geld. Heute liegt der Leitzins aber bei minus 0,5 Prozent. Wer bei der EZB Geld hinterlegen will, muss nun dafür bezahlen und das ist teuer: Laut Deutscher Bundesbank verloren deutsche Banken im vergangenen Jahr 2,7 Milliarden Euro durch Negativzinsen für ihre Einlagen. Besonders bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken ist das Ungleichgewicht zwischen den eingezahlten Kundengeldern und ausgegebenen Krediten besonders hoch – das solide Filialbankengeschäft gerät so immer mehr unter Druck.

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Schon heute ist für Brancheninsider klar, dass die klassische Bankfiliale keine Zukunft hat. Eine Umfrage des Economist unter Bankmanagern hat ergeben, dass die überwiegende Mehrheit nicht mehr an die Bankfiliale glaubt. Ganze 65 Prozent der Befragten halten es mittlerweile für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, dass filialbasierte Geschäftsmodelle bei den Banken in den kommenden fünf Jahren aussterben werden. Ältere Menschen haben dabei das Nachsehen, denn sie sind weniger mobil und erledigen ihre Bankgeschäfte noch immer bevorzugt in der Filiale vor Ort.

Niedrige Zinsen wecken Begehrlichkeiten

Eine Trendwende ist noch nicht in Sicht, seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 sinken die Zinsen. Die Corona-Krise und der folgende Konjunktureinbruch lassen den Zinsanstieg in noch weitere Ferne rücken.

Der Ökonom und ehemalige Wirtschaftsweise Lars Feld rechnet nicht mit steigenden Zinsen vor 2023. Feld gilt als kundiger Kritiker der europäischen Geldpolitik, dabei äußert er sich in öffentlichen Debatten stets differenziert. „Im Grunde ist es nach der Finanzkrise richtig gewesen, eine lockere Geldpolitik zu betreiben. Eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt wäre schädlich, denn die EU befindet sich wirtschaftlich ja noch immer in der Corona-Krise,“ sagt Feld im Gespräch mit der Berliner Zeitung am Wochenende.

Gleichzeitig betont Feld die Gefahr einer lockeren Geldpolitik, denn die niedrigen Zinsen wecken Begehrlichkeiten. „Die EZB wird zeigen müssen, dass sie nicht von der Fiskalpolitik dominiert ist, indem sie nach der Krise im Zweifelsfall einen Zinsanstieg durchsetzt, um das Ziel der Preisstabilität zu erreichen. In den USA zeigt sich schon ein Zinsanstieg am langen Ende des Marktes. Hoch verschuldete EU-Staaten müssen einen solchen Zinsanstieg fürchten und werden sich daher für eine Fortdauer der Niedrigzinspolitik der EZB stark machen“, erläutert Feld.

Die Geldpolitik der EZB wirkt hier wie ein Rasenmäher

Bei der EZB verweist man hingegen auf die eigene Unabhängigkeit. Die Niedrigzinspolitik habe Arbeitslosigkeit in der Eurozone verhindert. „Ein wesentlicher Beitrag der expansiven Geldpolitik ist der positive Impuls für Wachstum und Beschäftigung und damit für das Einkommen der Menschen“, sagt Tobias Linzert, der bei der EZB als Sektionsleiter für die geldpolitische Strategie zuständig ist. Der Leitzins orientiert sich ohnehin an der allgemeinen Kreditnachfrage und auf die habe man bei der EZB keinen Einfluss. „Niedriges Produktivitätswachstum, demografischer Wandel, die langfristigen Effekte der Globalen Finanzkrise und das damit einhergehende Absinken des natürlichen Zinses stellt die Zentralbank vor Herausforderungen. Um stimulierend auf die Wirtschaft zu wirken, muss die Zentralbank die Realzinsen unter das Niveau des natürlichen Zinses bringen“, sagt Linzert zu den Gründen für die Niedrigzinsphase.

Dass der Anteil an Banken in Deutschland, die Negativzinsen von ihren Kunden verlangen, höher ist als im EU-Durchschnitt, begründet man bei der EZB auch mit der Kostenstruktur der Banken. Bei Geldhäuser in Skandinavien seien die Probleme derzeit kleiner, auch weil man in der Vergangenheit stärker auf digitale Lösungen gesetzt hat. Im Klartext: Die deutschen Banken sind zu teuer. Tatsächlich sind deutsche Unternehmen schon länger überproportional von der Negativzinspolitik betroffen. Während in Deutschland 80 Prozent aller Unternehmensguthaben negativ verzinst werden, sind es im europäischen Schnitt gerade einmal 30 Prozent. Was in den Ländern des Südens eine Kreditklemme verhindert, führt im Norden zu Verlusten. Die Geldpolitik der EZB wirkt hier wie ein Rasenmäher.

Die Lust an neuen Schulden ist vergangen

Für den deutschen Fiskus erweisen sich die niedrigen Zinsen bis jetzt jedoch als segensreich. Seit 2007 hat der deutsche Staat laut Bundesbank 436 Milliarden Euro weniger für seine Schulden aufwenden müssen. Für den Berliner Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) hat die anhaltende Niedrigzinsphase deshalb auch positive Aspekte. „Vor sieben Jahren haben wir noch jedes Jahr zwei Milliarden Euro für Zinsen gezahlt, jetzt ist es nur noch eine Milliarde – die Zinslast für Berlin hat sich durch das niedrige Zinsniveau halbiert. Wir können die niedrigen Zinsen dazu nutzen, unsere Zinslast langfristig zu senken. Unsere Strategie ist, dass wir die niedrigen Zinsen in langfristige Anleihen überführen. Wir zahlen zwar immer noch auf alte Kredite, die mit fünf Prozent verzinst sind, die laufen aber langsam aus.“

Mittlerweile zahlt Berlin im Schnitt nur noch 1,42 Prozent Zinsen. Wäre deshalb jetzt nicht ein guter Zeitpunkt die staatlichen Investitionen massiv anzukurbeln? Kollatz ist skeptisch. „Die Vernunft spricht dagegen, es beliebig auszuweiten. Es gibt keine Garantie, dass die Zinsen so niedrig bleiben, außerdem gilt nach wie vor die Schuldenbremse,“ sagt er. Diese Einschätzung teilen auch die Finanzminister in den anderen Bundesländern. Nach der stark ansteigenden Neuverschuldung in der Corona-Krise ist den meisten von Kollatz‘ Kollegen die Lust auf neue Schulden erstmal vergangen.

Negativzinsen wirken wie ein Brandbeschleuniger

Laut Berechnung der DZ Bank haben die Deutschen 732 Milliarden Euro ihres Geldvermögens seit 2010 durch die Niedrigzinspolitik der EZB verloren. Zwar sparen die Deutschen dafür im Gegenzug auch 353 Milliarden Euro bei den Kreditzinsen, unterm Strich entsteht aber ein Minus von 379 Milliarden Euro. Bei der DZ Bank nennt man das „Zinsschaden“. Viele Sparer versuchen diesen Zinsschaden durch höhere Sparanstrengungen auszugleichen.

Dabei werden Kleinsparer durch die niedrigen Zinsen gleich doppelt bestraft: Das Ersparte bringt keine Zinsen und gleichzeitig werden Vermögenswerte wie das Eigenheim trotz günstiger Kredite immer unerschwinglicher. Die Negativzinsen drücken nicht nur die Rendite beim Sparguthaben, auch Lebensversicherungen und Rentenprodukte wie die Riesterrente werfen kaum noch etwas ab. Wer kann, umgeht die Negativzinsen durch Investitionen in Betongold oder Aktien. Dadurch steigt die Vermögensungleichheit, die Negativzinsen wirken wie ein Brandbeschleuniger. 

Man muss plötzlich selbst aktiv werden

Um ihre Margen zu retten und die Verluste zu begrenzen, gehen die Banken mittlerweile zu drastischen Maßnahmen über. Derzeit erhalten viele Sparer Post von ihrer Hausbank, in denen sie dazu aufgefordert werden, künftig Negativzinsen auf ihr Sparguthaben zu akzeptieren. Die Verbraucherzentrale Berlin registriert dazu derzeit einen erhöhten Beratungsbedarf. Die Bankkunden fragen sich, wie sie reagieren sollen.

Was passiert, wenn man der Aufforderung, die Negativzinsen zu akzeptieren, nicht folgt und sich weigert, die Vertragsanpassung der Hausbank zu unterschreiben? „Die Bank kann das Konto kündigen, wenn man den Negativzinsen nicht zustimmt. Ob sie das tatsächlich tut, ist eine andere Frage. Man muss im Fall des Falles dann aber bereit sein, sich eine andere Bank zu suchen,“ sagt Volker Schmidtke, der als Referent Finanzdienstleistungen für die Berliner Verbraucherzentrale die Entwicklungen auf dem Bankenmarkt genau verfolgt.

Schmidtke rät den Verbrauchern, auch bei scheinbar verlockenden Alternativangeboten der Banken wachsam zu bleiben. „Die Androhung von Negativzinsen wird im Beratungsgespräch gerne zum Verkaufsargument, dem Verbraucher werden dann etwa fondsgebundene Rentenversicherungen vom hauseigenen Versicherer oder die Investition in einen Mischfonds angeboten. Das ist oftmals ein Wechsel vom Regen in die Traufe: Fondsgebundene Rentenversicherungen sind oft viel zu teuer und die Investition in Fonds bergen oft Risiken bei geringer Renditeerwartung. Ein Problem dabei ist, dass die Beratung in der Bank provisionsorientiert ist und sich dadurch vielfach nicht nach den tatsächlichen Bedürfnissen des Verbrauchers ausrichtet“, sagt Schmidtke.

Verbraucher sollten sich genau überlegen, ob alternative Investitionen für sie überhaupt in Frage kommen. „Wir haben seit einiger Zeit vermehrt Verbraucher in der Beratung, die ETFs mit der rosaroten Brille sehen und als sicherere Anlage beschreiben. Aber gerade für ältere Verbraucher, die kurz vor der Rente stehen, ist die Investition in einen ETF nicht immer die richtige Wahl, auch mit Festgeldkonten mit kurzer bis mittlerer Laufzeit lassen sich noch heute Zinsen erzielen“, ergänzt er.

Negativzinsen bringen nicht nur die Bilanzen der Banken durcheinander, sondern sie zwingen Verbraucher auch über Anlageformen nachzudenken, die sie bisher für sich persönlich ausgeschlossen haben. Man muss plötzlich selbst aktiv werden. Für die kleinen Sparer geht so ein Stückchen Freiheit verloren. 

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.