Was tun, wenn der Ehemann, als er seine Zeit im Knast abgesessen hat, spurlos verschwindet? Wenn die einzige Möglichkeit, die Miete für die bescheidene Wohnung in einem Vorort von Istanbul zu stemmen die ist, bei dubiosen Typen zu putzen? Wenn der autistische Sohn in keiner Schule bleiben darf? Und das sind nicht einmal alle Fragen, für die Fatma (Burcu Biricik) Antworten finden muss.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Diese Woche im Blatt: 
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Die für die Serie von Regisseur Özgür Önurme namensgebende Protagonistin kämpft. Und wird dabei zur Mörderin. Immer wieder tötet sie, immer im Affekt, immer sind es Männer, die sie oder ihren verschwundenen Partner Zafer bedroht haben. Den sucht sie erbittert, angetrieben von Hoffnungslosigkeit und Wut, befeuert durch den Tod ihres Sohnes, der bei einem Unfall stirbt. Sie hat nichts mehr zu verlieren.

Die einzige Vertraute, die ihr bleibt, ist ihre Schwester Emine (Hazal Türesan). Die beiden könnten gegensätzlicher nicht dargestellt sein. Die schicke, wohlhabende und laute, jüngere Emine und die unscheinbare Fatma – den Blick stets gesenkt, die Augen so unruhig flatternd, dass man ihren permanentem Alarmzustand selbst fühlt, auch dank des stakkatoartigen Schnitts. Ihre Unsichtbarkeit wird ihre Waffe.

Rückblenden erzählen über die Episoden hinweg, woher Fatmas Wut rührt, woher der tiefe Schmerz kommt, der die beiden ungleichen Schwestern zugleich verbindet und trennt. In albtraumhaften Sequenzen deuten sich Erfahrungen sexualisierter Gewalt an. Wenn sie darüber sprechen, tun sie das in Codes: die Scheune in ihrem Heimatdorf steht für die traumatischen Erlebnisse, vor denen sie sich gegenseitig nicht schützen konnten.

Im Verlauf der Erzählung entdeckt das Publikum gemeinsam mit der Protagonistin, wie trügerisch Erinnerungen sind. Die idealisierte Version von Zafer bröckelt, und ihr unermüdlicher Antrieb, Verantwortliche für ihr Leid zu finden, führen sie schließlich zurück in ihr Dorf. „Fatma“ ist die dramatische Geschichte einer Einzelkämpferin und eine komplexe Charakterisierung einer patriarchalen Umgebung zugleich.

Fatma, sechs Folgen, läuft auf Netflix.

Wertung: 5 von 5 Punkten

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.