Berlin -  Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bemüht man sich seit neuestem um Transparenz. Die Intendanten der öffentlich-rechtlichen ARD haben ihre Grundgehälter für das Jahr 2020 veröffentlicht. Zu den Spitzenverdienern gehört der WDR-Intendant Tom Buhrow mit 404.000 Euro Grundgehalt. Dazu kommen Sachbezüge und zusätzliche Leistungen für Tätigkeiten bei Tochterfirmen der Sender in unbekannter Höhe. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Veröffentlichung ein bemerkenswerter Schritt – immerhin offenbart sich so, dass knapp 2000 Familien jedes Jahr ihre Rundfunkabgabe entrichten, nur um das Gehalt von Tom Buhrow zu finanzieren. Zum Vergleich: Ein Richter am Bundesverfassungsgericht verdient pro Jahr etwa 170.000 Euro.

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Die für den Rundfunk zuständige Finanzkommission KEF hatte die Gehälter bei ARD und ZDF bereits in der Vergangenheit als zu hoch kritisiert. Die ARD bezeichnet die Vergütung hingegen als „marktüblich“. Nicht ganz zu Unrecht wird Diskussionen ums Gehalt der Vorwurf der Neiddebatte entgegengehalten, dabei offenbart sich in der Vergütungsstruktur der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten viel Grundsätzlicheres.

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind in der alten Bundesrepublik hängengeblieben: Frauen und Ostdeutsche verdienen grundsätzlich weniger. Menschen mit Migrationshintergrund gibt es zwar als Aushängeschild in der Tagesschau, aber nicht bei den wirklichen Entscheidungsträgern. Der vielbeschworene Gender-Pay-Gap ist bei der ARD besonders hoch. Die bestbezahlte Intendantin Yvette Gerner (Radio Bremen) verdient mit 280.000 Euro über 30 Prozent weniger als ihr männlicher Kollege Buhrow. Die Abschläge für die ostdeutschen Sendeanstalten MDR und RBB fallen ähnlich aus, dabei fallen auch in den neuen Bundesländern jedes Jahr 210 Euro Rundfunkgebühr pro Haushalt an.

Die finanzielle Not ist doch nicht groß genug

Die konservativen Machtstrukturen innerhalb der ARD passen nicht zum progressiven Auftreten der Sender. Es gibt kaum ein gesellschaftspolitisches Thema, auf das die Sendeanstalten nicht mit großem Elan aufspringen – nur auf die Debatten über die Neugestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reagiert man stets eingeschnappt. Jede Einsparung beim Budget des Gebühren-Leviathan ARD gilt als Anschlag auf die Demokratie.

WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn sprach bei der Einführung der geräteunabhängigen Rundfunkgebühr ganz unironisch von „Demokratieabgabe“. Als sich der Landtag von Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr weigerte, der neusten Gebührenerhöhung zuzustimmen, wähnte man sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Opfer einer Kampagne und warnte davor, dass die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf dem Spiel stünde.

Es klang ganz so, als ob man mit dem mittlerweile auf über acht Milliarden Euro angewachsenen Rundfunkbudget kein Programm machen könne und eigentlich gleich übermorgen den Sendebetrieb einstellen müsse. Der öffentlich-rechtliche Alarmismus konnte letztlich auch das Bundesverfassungsgericht nicht überzeugen. In ihrem Eilantrag gegen die verweigerte Zustimmung konnten die Sender nicht ausreichend begründen, warum ihre finanzielle Not so groß sei, dass sie die Hauptsacheentscheidung nicht abwarten können.

Die Jugend zahlt mit den Rundfunkgebühren die üppigen Pensionen der Alten

Überhaupt Demokratieabgabe: Würde man die Verfasstheit der politischen Ordnung in Deutschland mit der Gebührenhöhe parallelisieren, ergebe sich ein deprimierendes Bild. Vier Jahre nach Einführung des neuen Rundfunkbeitrags konnte sich erstmals seit 1957 wieder eine rechtspopulistische Partei fest im deutschen Bundestag etablieren. Auch wenn man die Deutschen mit einiger Evidenz in Sachen Demokratie für besonders schwer belehrbar hält, muss man konstatieren, dass Demokratie auch ohne Demokratieabgabe in Milliardenhöhe funktionieren kann.

Kein anderes Land der Welt leistet sich einen derart teuren Rundfunk. Dass ein großer Teil der geplanten Gebührenerhöhung ohnehin nicht ins Programm fließt, sondern für Pensionsrückstellungen verwendet wird, gehört zu den unbequemen Wahrheiten der Gebührendebatte. Ob die Generation der heutigen Intendanten während ihres Studiums für ihr Kofferradio Rundfunkgebühren gezahlt hat, ist nicht bekannt. Heute bezahlt jeder Studierende, der nicht vom Bafög lebt, nicht nur deutlich höhere Mieten, sondern auch ganz selbstverständlich für die üppigen Pensionen der Alten – auch eine Form des Generationenvertrags.

Mehr Ermittlerteams in der ARD als Polizisten in der BRD

Und da wären wir beim wichtigsten Punkt: Der ausufernde öffentlich-rechtliche Rundfunk passt nicht zu den veränderten Sehgewohnheiten. Neben den Pensionen fließt der Mammutanteil der Gebühreneinnahmen nach wie vor in die linearen Medien wie Radio und Fernsehen. Der ganze Grundauftrag der Öffentlich-Rechtlichen erklärt sich im Grunde nach wie vor über diese mediale Beschränkung. Kritik an zweifelhaften Programminhalten wird routiniert mit dem Schlagwort Grundversorgung abgebügelt und funktioniert in etwa so: Wir senden jeden Tag einen Krimi und kaufen teure Fußballrechte ein und mischen den Leuten dann, ohne dass sie es merken, ein wenig Information und Kultur ins Programm.

Deshalb beschäftigen ARD und ZDF heute deutschlandweit gefühlt mehr Ermittlerteams als die echte Polizei. Das Problem ist nur: Junge Menschen schauen immer weniger fern. Früher bekannten sich allenfalls um Distinktion bemühte Feingeister dazu, keinen Fernseher zu haben, heute fehlt die Flimmerkiste in immer mehr Haushalten. Die Internetangebote von ARD und ZDF können das nicht auffangen. Das Argument Grundversorgung zieht im Internet nicht mehr. Wer selbstbestimmt über sein Programm entscheidet, dem kann man nicht mehr ungewollte Inhalte unterjubeln.

Die öffentlich-rechtlichen Sender verlieren die öffentliche Debatte – das ist jedoch kein Grund für Larmoyanz. Die Sender sollten sich eher fragen, wie sie ihre wertvollen Inhalte ins digitale Zeitalter retten, ohne dabei wie ein zorniger Gutsherr aufzutreten, dem seine Bauern den Frondienst schuldig bleiben.

Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es Yvette Gerner verdient 44 Prozent weniger als Tom Buhrow. Das ist so nicht korrekt, tatsächlich sind es 30 Prozent weniger. Richtig hätte es heißen müssen: Tom Buhrow verdient 44 Prozent mehr als Yvette Gerner. Wir bitten den Zahlendreher zu entschuldigen und danken den aufmerksamen Leser Georg S. für seinen Hinweis. 

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.