Neuer Lockdown in Kiew: Von einer Stadt, wo nur jeder Vierte geimpft ist

Kiew will mit neuen Beschränkungen die Impfskepsis und den Handel mit gefälschten Impfpässen bekämpfen. Bisher sorgen die Maßnahmen vor allem für Bitterkeit.

Es gibt sie auch in Kiew: die Querdenker. Mehr als 1.000 Kiewer gingen am 3. November auf die Straße, um gegen die neuen Corona-Maßnahmen zu protestieren. 
Es gibt sie auch in Kiew: die Querdenker. Mehr als 1.000 Kiewer gingen am 3. November auf die Straße, um gegen die neuen Corona-Maßnahmen zu protestieren. Imago/Volodymyr Tarasov

Kiew-Ich schreibe diesen Text in einem seltsam stillen Café, wo die Kellnerin mich am Tresen an die neue Verordnung erinnerte: Ab Montag dieser Woche braucht man einen Impfausweis oder negativen PCR-Test, um in einem Café sitzen zu dürfen - wie seit Monaten in Berlin normal ist. „Alles klar, Moment, ich hole mein Zertifikat“, sage ich und greife zu meinem Handy. „Nee, alles gut, ich muss es nicht sehen“, sagt sie. 

In Kiew, wo 24 Prozent der Bürger vollständig geimpft sind, wurden am Montag neue Beschränkungen eingeführt. Die Schulen sind zu, den Impfpass muss man nicht nur im Café zeigen, sondern auch um viele Innenräume zu betreten oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Aber trotz täglicher Cafébesuche und Reisen in der U-Bahn musste ich bisher diese Woche nur einmal meinen Impfpass zeigen.

Dabei wollte Volodymyr Selenskij mit gutem Beispiel voran gehen: Bei seiner ersten Impfung im März hat sich der ukrainische Präsident vor den Pressekameras Oberkörper-frei gezeigt, um allen eine gute Aussicht auf den Moment der Spritze zu gönnen. Dafür ist er speziell in die östliche Region Luhansk gereist, um den Leuten, die an der Frontlinie des Konflikts mit Russland leben, ein Zeichen gegen die Impfskepsis zu setzen. Trotzdem gaben im März 47 Prozent der Ukrainer an, sich nicht impfen lassen zu wollen, darunter auch Ärzte.

Anscheinend hat diese Fotoaktion aber wenig erreicht. Denn mit einer nationalen Impfquote von nur 17 Prozent erlebt die Ukraine gerade eine schwere neue Welle des Coronavirus. Allein am Dienstag wurden in dem 41 Millionen Einwohner zählenden Land mehr als 23.000 neue Fälle und 720 Todesfälle gemeldet.

Schwarzfahren ohne Impfpass

Hier ist die Impfskepsis nichts Neues und betrifft auch andere Krankheiten; in den letzten Wochen wurden mehrere Fälle von Kinderlähmung bei ungeimpften Kindern entdeckt. Die Reaktionen auf das Oben-ohne-Impfbild des Präsidenten Selenskij in den sozialen Medien zeigen aber, welche Verschwörungstheorien derzeit über Corona kursieren: zum Beispiel die, dass dem Präsidenten nur Vitamine und nicht der angeblich giftige Impfstoff gespritzt wurde.

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Meine Erfahrung im Café hat mir eines gezeigt: Wer sich mutig genug fühlt, einen Café-Mitarbeiter anzulügen, kann auch trotz fehlender Impfung einen Kaffee trinken. Die Busse und U-Bahne werden nur stichprobenweise von Polizisten kontrolliert – dadurch ist eine neue Art von Schwarzfahren entstanden. In der Ukraine boomt gerade deshalb der Handel mit gefälschten Impfpässen. Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass Krankenhausmitarbeiter gefälschte Dokumente gegen Bestechungsgeld ausgeben.

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Was in Berlin jetzt gang und gäbe ist, ist in Kiew eine Verschärfung

Für mich und andere Geimpften sind die neuen Regeln keine große Zumutung – vor allem im Vergleich zu den Lockdowns, die ich in Berlin erlebt habe. Sie sind trotzdem nicht ohne Schmerz. Die Mutter meiner Mitbewohnerin ist überzeugte Impfgegnerin und sucht auch einen gefälschten Impfausweis. Die Situation belastet meine Mitbewohnerin sehr, nicht nur, weil sie sich Sorgen macht um die Gesundheit ihrer Mutter und ihrer Oma, die von ihrer Mutter gepflegt wird, sondern auch, weil es darüber immer wieder zum Streit zwischen ihnen kommt. Sie fürchtet, dass ihre Beziehung auf Dauer darunter leidet.

Am Mittwoch dieser Woche kam es zu großen Demonstrationen mitten in Kiew. Impfgegner trugen Plakate, die von einem „Genozid an den Ukrainern“ oder „Vergiftung unserer Kinder“ sprachen. Die neuen Regeln haben ihre Überzeugung nur noch verstärkt. Kiews neue Strategie gegen das Coronavirus reicht also nicht aus, um alle von der Notwendigkeit einer Impfung zu überzeugen - und auch für Geimpften fühlt sich die Stimmung alles andere als sicher an.

Elizabeth Rushton ist Volontärin bei der Berliner Zeitung am Wochenende. Zwei Monate lang ist sie mit einem IJP-Stipendium Gastjournalistin in Kiew und schreibt von dort aus regelmäßig eine Kolumne.

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