Es ist 8.30 Uhr, ich bin mit Bartosz an der Turnhalle des kleinen polnischen Ortes Ustrzyki Dolne im Karpatenvorland verabredet. Bis zur polnisch-ukrainischen Grenze sind es über die Landstraße weniger als zehn Kilometer. Es ist der zwölfte Tag, seitdem der Russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine mit seiner Armee überfallen hat. Bartosz ist 38 Jahre alt und lebt eigentlich mehr als sechs Autostunden entfernt in Wroclaw. Seit vier Tagen transportiert er mit seinem umgebauten Peugeot-Kleintransporter Hilfsgüter in die westukrainische Stadt Lwiw, um auf dem Rückweg so viele geflüchtete Frauen, Kinder und alte Menschen wie möglich mit nach Polen zu nehmen. Heute soll ich Bartosz auf seiner Mission in die Ukraine begleiten.

Marcus Glahn
Kartons, Kisten und Säcke statt Campingküche: Der Pole Bartosz ist eigentlich leidenschaftlicher Gleitschirmpilot. Er wurde in den italienischen Alpen vom Krieg überrascht.

Vor einer Woche kam ich, Fotojournalist, an der polnisch-ukrainischen Grenze an, ich besuchte Unterkünfte für Geflüchtete, Behelfsheime in den Grenzregionen und eilig errichtete Güterdepots für Sachspenden aus ganz Europa. Und ich habe in Echtzeit miterlebt, wie sich das sonst so beschauliche polnische Grenzgebiet verwandelt hat. Die Turnhalle von Ustrzyki Dolne etwa wurde über Nacht in ein riesiges Warenlager und Verteilzentrum für Tonnen von Spendenlieferungen. Dazu wurde der empfindliche Hallenboden, auf dem sonst Volleyball und Handball gespielt wird, provisorisch mit einem Belag geschützt und der Raum in Zonen für verschiedenste Güter aufgeteilt. So sortieren auf einer Seite ältere Damen Kleiderspenden, während in einer anderen Ecke Jugendliche Tausende Konservendosen aufeinanderstapeln. Dazwischen eilen Leute mit Kisten und Säcken umher und helfen einander weiter, wenn einer gerade nicht weiß, wo welches Hilfsgut abgestellt werden muss.

Bartosz, der gutes Englisch und auch etwas Deutsch spricht, erzählt mir, dass er das Gleitschirmfliegen liebt. Er war  gerade in den italienischen Alpen, als der Krieg ausbrach. Für ihn fühlte sich das Fliegen in den Alpen plötzlich nicht mehr richtig an, also machte er sich auf den Weg zurück nach Polen, weil er wusste, was da auf sein Land und Europa zukommen würde. Um in seinem Peugeot Boxer Platz zu schaffen, baute er die kleine Campingküche und die Regalablagen für die ausgedehnten Roadtrips aus, um Platz für Menschen, Kisten und Säcke zu schaffen.

Pomoc dla Ukrainy: Hilfe für die Ukraine

Heute steht für Bartosz die fünfte Fahrt ins Kriegsland Ukraine an, und ich sitze neben ihm auf dem Beifahrersitz. Weil ich wissen will, warum Bartosz diese gefährliche Mission auf sich nimmt und wie es den Menschen drüben, wo jetzt Krieg herrscht, geht.

Wir laufen durch die Halle. Ein junges Mädchen mit Warnweste teilt uns die Güter zu, die heute in die Ukraine gebracht werden sollen. Eilig werden Kisten von drei Teenagern auf einen Rollwagen verladen und zu unserem Bus gebracht, wo sie dann von Bartosz platzsparend in den Wagen gestapelt werden. Jede noch so kleine Spalte wird mit Tüten verfüllt; Mehlpackungen etwa passen wunderbar unter den Fahrersitz.

Marcus Glahn
Polen hilft: In der Turnhalle von Ustrzyki Dolne wurde über Nacht ein riesiges Warenlager und Verteilzentrum für Spendenlieferungen eingerichtet.

Um kurz nach neun fahren wir Richtung Grenzübergang Kroscienko. Von Bartosz sehe ich nicht mehr viel, denn auch der Sitz zwischen uns ist nun eine Ablagefläche für Pappkartons. Mein Sichtfeld nach vorn ist durch zwei in die Scheibe geklebte DIN-A4-Blätter eingeschränkt. Auf einem leuchtet die ukrainische Flagge mit den Worten „Pomoc dla Ukrainy“ – polnisch für „Hilfe für die Ukraine“ –, das andere dient als weißer Hintergrund für das rote Kreuz, welches Bartosz aus Panzertape improvisiert hat. An jeder Seite des Kleintransporters befindet sich ein solches Kreuz aus Klebeband und macht uns schon von weitem für Flugzeuge und Soldaten als Hilfsgütertransport erkenntlich. Hoffentlich.

Es geht weiter über die Landstraße Richtung Grenze. Alle paar Sekunden zieht Bartosz an seiner E-Zigarette und erzählt mir dabei vom Gleitschirmfliegen, von der Freiheit und der Gefahr, der man sich beim Fliegen aussetzt. Vor einigen Jahren sackte sein Schirm in einer Höhe von 300 Metern zusammen, Bartosz stürzte ungebremst in die Tiefe, erst 30 Meter vor dem Boden öffnete sich der Schirm wieder. Bartosz überlebte schwerverletzt. Eine Titaniumplatte hält seinen Stützapparat jetzt zusammen.

Auf der ukrainischen Seite der Grenze herrscht Chaos

Das Handy klingelt, Bartosz' Mutter bittet ihn, vorsichtig zu sein, sie habe große Angst um ihn, dieser Krieg sei unberechenbar. Die Straße ist verstopft. Im Zehn-Meter-Rhythmus nähern wir uns den Grenzoffizieren am Schlagbaum, werden nach Pässen und Grund der Reise gefragt. Ob wir Waffen oder militärisches Equipment geladen hätten. Bartosz verneint und erklärt mir, dass solche Lieferungen zu ernsthaften Spannungen auf internationaler Ebene führen könnten. Wir erhalten den Einreisestempel und auch die letzte Schranke öffnet sich vor uns. Wir sind in der Ukraine.

Marcus Glahn
Der ukrainische Verbindungsmann Wolodymyr koordiniert die Hilfe in der Ukraine.

Auf der ukrainischen Seite der Grenze herrscht Chaos, Menschen versuchen hier rund um die Uhr zu Fuß in die Freiheit zu fliehen. Autos, soweit wir schauen können. Da ist es wieder, dasselbe Auto, das er schon gestern gesehen hat. Seit 24 Stunden hat es höchstens einen Kilometer gewonnen, und es wird noch Stunden dauern, bis die Insassen es über die Grenze geschafft haben werden.

Wir fahren durch kleine Dörfer, eingeschossige Häuser stehen neben architektonisch ausgefallenen Neubauten. Kinder toben auf den Spielplätzen, ein Karussell dreht sich. Abgesehen von der Vielzahl ukrainischer Flaggen fällt einem hier in den Orten direkt hinter der Grenze weder auf, dass dieses Land im Krieg ist, noch dass eine gigantische Migrationswelle in Richtung Westen rollt. Auf meiner Reise fragen mich Freunde aus Deutschland immer wieder, ob ich brennende Häuser und Bombeneinschläge sehe. Vielen ist nicht klar, dass im Krieg nicht immer und überall Tod und totale Zerstörung herrschen, sondern dass in weiten Teilen der Ukraine noch nicht gekämpft wird. In Lwiw hat sich das inzwischen geändert, nachdem am 13. März mindestens 35 Menschen bei einem russischen Luftangriff auf einem Militärflugplatz in der Nähe ums Leben kamen.

35 Menschen sterben bei einem russischen Luftangriff auf einen Flugplatz

Die Straßen sind teilweise in miserablem Zustand. Schlaglöcher so groß wie Abflussdeckel säumen den Weg. Hin und wieder gibt es frisch asphaltierte Abschnitte. Bartosz sagt mir, dass viel passiert sei, seit Wolodymyr Selenskyj Präsident dieses Landes ist. Auch die Infrastruktur wurde unter seiner Führung verbessert. Das Ticken unserer Warnblinkanlage ist inzwischen zum Hintergrundgeräusch geworden, wir werden es die gesamte Fahrt nicht deaktivieren, denn das Signal soll andere Verkehrsteilnehmer auf unsere besondere Mission aufmerksam machen.

Wir sehen eine ältere Dame, die in königsblauem Kleid und mit Blumen im Haar an der Straße steht. Die Szene wirkt surreal, wenn man bedenkt, dass nur Meter hinter ihr einer der ersten improvisierten Militärcheckpoints unserer Reise auftaucht. Eine mit Sandsäcken und Autoreifen ausgebaute imposante Bushaltestelle im Sowjetstil, besetzt mit jungen Männern mit Stahlhelmen, die vollautomatische Sturmgewehre im Anschlag haben.

Zu meiner Verwunderung fahren wir einfach hupend am Checkpoint vorbei. Ich frage Bartosz, ob es nicht gefährlich sei, einfach die Kontrolle zu durchbrechen. Er sagt mir, dass er bei seiner ersten Fahrt mehr als eine Stunde an diesen Checkpoints verbracht habe und es noch viele weitere auf unserer Fahrt geben werde. Bei jedem Checkpoint zu stoppen hieße, nicht im Tageslicht in Lwiw anzukommen und würde bedeuten, dass wir nicht vor dem Morgengrauen zurück in Polen wären. Vermutlich wissen das auch die Militärposten, daher geben sie uns vielleicht diesen Vertrauensvorschuss.

Wegweiser und Ortsschilder mit schwarzer Folie abgeklebt

Wir nähern uns Lwiw. Mir fällt auf, dass Wegweiser und Ortsschilder mit schwarzer Folie abgeklebt sind, ein Mittel zur Desinformation des Feindes. Muss der Feind erst stoppen, um den richtigen Weg zu finden, koste das Zeit und biete der ukrainischen Armee vielleicht Zeit für einen Angriff. So zumindest der Plan. Wie viele andere Ideen der Ukrainer ist auch dies ein einfaches und kreatives Mittel, um taktische Vorsprünge gegenüber den russischen Invasoren zu gewinnen.

Wir sind im Ort Horodok angekommen. Hier wollen wir unseren Kontaktmann Wolodymyr treffen. Doch leider führt unser Navi nur an eine Tankstelle, deren Tankwart uns schulterzuckend zurückweist. Während Bartosz versucht, Wolodymyr zu erreichen, nutze ich die Gelegenheit und fotografiere unseren Bus und die brachliegende Umgebung. Was dazu führt, dass innerhalb von zwei Minuten ein hochmoderner SUV neben mir anhält und drei uniformierte Männer auf Ukrainisch auf mich einreden. Jemand muss uns und vor allem mich als Verdächtigen gemeldet haben. Ich zeige meinen Presseausweis und versuche auf Englisch zu erklären, was wir hier machen und wozu ich die Gegend fotografiere. Bartosz kommt dazu und entschärft die Situation, indem er unsere Dokumente und die Rote-Kreuz-Unterlagen vorzeigt und die Soldaten gleich noch nach dem Weg zu Wolodymyr fragt. Einer der Männer kennt unseren Kontaktmann und akkreditiert uns damit vor seinen Kollegen, bevor sie in einer Staubwolke davonfahren.

Als Wolodymyr an der Tankstelle vorfährt, lacht er aus seinem Autofenster, als würden wir uns seit Jahren kennen. Wir folgen ihm durch ein Neubauviertel über eine Staubpiste und parken auf dem Hof eines Hauses. Ein deutscher Schäferhund läuft uns behäbig entgegen, wir laden ab. Eine Menschenkette stapelt die Kisten und Säcke in der Garage des Hauses auf. Kurze Pause für ein Portraitfoto, weiter geht es. Schließlich ist es das Hauptziel unserer Mission, Menschen aus Lwiw nach Polen zu bringen.

Bis dahin sind es noch 30 Kilometer, immer geradeaus. Laut Google-Maps 31 Minuten bis zum Treffpunkt. Eine für uns eher unrelevante Angabe, da der Dienst bereits wenige Tage nach dem Krieg aufhörte, Echtzeit-Verkehrsdaten zu publizieren, um keine Menschenansammlungen und dadurch potenzielle Angriffsziele für russische Raketenangriffe abzubilden.

Marcus Glahn
Alle packen mit an: Kurz vor Kiew werden in einer Garage Hilfsgüter zwischengelagert.

Warnblinkanlage ersetzt Martinshorn und Blaulicht

Wir fahren auf der linken Spur, unsere Warnblinkanlage ersetzt Martinshorn und Blaulicht. Bartosz sagt, Wolodymyrs Garage sei nur ein Zwischenlager für einen Weitertransport in die stark umkämpfte Ostukraine. Er selbst würde sich diese Fahrt nicht trauen. Während wir durch die Vorstadt Kholodnovidka fahren, fällt mir auf, wie alltäglich doch das Leben zumindest hier noch teilweise weitergeht. Männer waschen ihre Wagen in Waschzentren, ein Friseur schneidet einem Kunden die Haare, Bolt- und Uber-Fahrer sammeln Fahrgäste ein.

Der Verkehr verlangsamt sich, auf der Zufahrtsstraße bildet sich ein Stau. Noch knapp sieben Kilometer bis zum Ziel sind Bartosz zu viel, kurzerhand benutzt er den Mittelstreifen, um als Geisterfahrer auf der anderen Fahrspur in Richtung Lwiw schneller voranzukommen. Am Checkpoint werden wir wieder eingefädelt, Bartosz betätigt zum Dank die Hupe.

Die Männer am Maschinengewehr ziehen vorbei. Ein Blick hinter die Reifen-Barrikaden: Dort stehen Bierkisten, aus deren Oberseite Lumpen herausquellen. Das sind sie also, die Molotowcocktails, gefüllt mit einer Art Do-it-yourself-Napalm, von denen jetzt überall in den Medien berichtet wird. Sie sind zum Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. Eine Art letztes Mittel gegen den übermächtigen Feind. Hier in Lwiw werden diese Benzinbomben zur Verteidigung gegen Panzer seit einigen Tagen von der „Prawda-Brauerei“ industriell hergestellt. Staatliche Stellen veröffentlichten die dafür nötigen Bauanleitungen.

Wenige Meter hinter dem Checkpoint verkaufen Babuschkas Blumen auf den Gehwegen, ein Heimwerkergeschäft wirbt mit einem Sonderangebot für Akkuschrauber. Wir halten an einem Kongresshotel. In der Lobby treffe ich die 36-jährige Ivana. Sie sortiert mit anderen Freiwilligen Medikamente und Medizinprodukte. Dinge, die ihrer Aussage nach jetzt am dringendsten benötigt werden. Wir fahren mit dem Aufzug in die sechste Etage, die Fitnessräume des Hotels mit Blick auf die gläserne Skyline der Stadt. Aus der Lobby schallt leise Loungemusik rüber.

Marcus Glahn
Surreales Bild: Das Fitnessstudio eines Hotels in Lemberg dient als Auffanglager für Flüchtlinge aus der Ostukraine.

In völlig überfüllten Bussen oder Zügen weiter Richtung Polen

Auf dem weichen Boden liegen oder sitzen Familien. Es ist angenehm warm, die Akustik des Raumes sorgt für eine sanfte Ruhe. In einem Nebenraum spielt Maxim, selbst vor einem Tag aus Kiew geflohen, eine Handpan: ein Instrument, das man waagerecht auf dem Schoß mit den Fingerspitzen spielt. Ein sehr beruhigender, meditativer Klang. Es scheint, als würde das allen hier gefallen.

Ich führe ein paar Gespräche mit den Menschen, dann tippt Bartosz auf sein Handgelenk. Wir müssen zum nächsten Treffpunkt. Auf dem Weg nach unten folgt uns eine Familie, die vor wenigen Tagen hier ankam und sich ausgeruht hat. Wenn ich von Familie spreche, meine ich auch hier die Mutter und ihre Kinder. Schließlich wurde allen Männern im wehrfähigen Alter die Ausreise aus der Ukraine verboten.

Marcus Glahn
Mutter und Sohn: Sie sind mit einem einzigen Koffer vor der Front geflohen. In einem Hotel in Lemberg warten sie auf eine Mitfahrgelegenheit nach Polen.
Marcus Glahn
Geflohen vor dem Grauen der russischen Granaten: Mutter und Tochter in einem Hotel in Lemberg. Im Hintergrund die Skyline der Stadt.
Marcus Glahn
Provisorische Betten zwischen den Laufbändern: ein Hotel-Gym in der westukrainischen Stadt Lemberg (Lwiw).

Wir fahren weiter zum Bahnhof von Lwiw. Er ist der zentrale Knotenpunkt für alle Züge aus der Ostukraine und Kiew. Von hier aus fahren die Flüchtlinge oft in völlig überfüllten Bussen oder Zügen weiter Richtung Polen. Eine eigentlich kurze Reise, die in diesen Zeiten jedoch Tage dauern kann. Alles hier wirkt chaotisch: Soldaten warten an den Gleisen, die Bahnhofshalle ist überfüllt, davor stehen Suppenküchen, Gulaschkanonen und Feuertonnen, an denen sich Menschen aufwärmen. Zwischendurch ein Reinigungstrupp älterer Damen. Eine Gruppe Männer trägt kistenweise Militärstiefel die Treppenstufen hinauf zum Gleis und verlädt sie in einen Personenzug. Ein ganzes Abteil wurde zum Güterwaggon umgewidmet.

Ich kann nur einen kurzen Streifzug über das Gelände machen. Bartosz mahnt zur Eile, wir müssen zurück. Er hat weitere vier Kinder und eine Mutter in sein Auto geladen. Außerdem sitzt nun Alexander zwischen Bartosz und mir. Er ist 56 und aus medizinischen Gründen vom Wehrdienst befreit, also darf er ausreisen. Das verspricht er uns jedenfalls. Er erzählt von der Tragödie, die in der Stadt Irpin vor wenigen Tagen passiert ist, den Tausenden Menschen, die den Fluss unter der gesprengten Autobahnbrücke passieren mussten. Bei bitterer Kälte und Schneetreiben. Er selbst komme aus der Nähe und könne das alles immer noch gar nicht fassen.

Marcus Glahn
Am Bahnhof von Lemberg. Ein Mann trägt eine Kiste mit Armeestiefeln zum Zug. Ein Waggon des heillos überfüllten Zugs nach Westen dient als Güterwaggon.

Alles wirkt an diesem klaren Winternachmittag so friedlich

Wir fahren in den Sonnenuntergang Richtung Westen. Abgesehen von den Checkpoints wirkt das Land an diesem klaren Winternachmittag friedlich. An der Grenze angekommen, rast Bartosz wieder hupend an den Hunderten Autos mit ukrainischen Kennzeichen vorbei und hält an der Schranke. Ein Offizier fragt, wie viele Menschen an Bord seien, schreibt die Zahl auf einen Notizzettel und nimmt alle Pässe an sich. An die Scheibe der Beifahrerseite klopft gleichzeitig eine junge Grenzsoldatin und wirft mir aufgeregt Sätze auf Ukrainisch zu. Sie zeigt auf ein paar Menschen, die dort seit Tagen stehen und sagt in gebrochenem Deutsch „Bauchschmerzen“. Bartosz lehnt sich zu mir, zwinkert mich an und wiederholt „Bauchschmerzen“. Wir laden weitere vier Kinder und ihre Mutter in das Auto, reichen die Pässe durch und passieren gegen 20 Uhr die polnische Staatsgrenze.

Bartosz setzt mich wieder ab und fährt an diesem Tag mit zwölf Geflüchteten noch bis nach Wroclaw weiter – nochmal 520 Kilometer. Er übergibt die Menschen dort an eine Organisation für Geflüchtete aus der Ukraine. Am Dienstag – sollte bis dahin kein Frieden herrschen – dem 20. Tag des Krieges, wird er wieder fahren. Die Partnerschule seiner Tochter hat Hilfsgüter gesammelt. Jeder möchte wenigstens ein bisschen helfen.

Marcus Glahn
Gulaschkanonen und Feuertonnen gegen die Kälte: Vor dem Bahnhof von Lemberg herrscht seit Tagen Chaos.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.