Berlin - An meinem 51. Geburtstag bekam ich einen Brief von der Krankenkasse. „Sehr geehrter Herr Leo“, schrieb die Krankenkasse, „wir senden die besten Wünsche für das neue Lebensjahr und hoffen, dass Sie bei guter Gesundheit sind. Damit das so bleibt, empfehlen wir Ihnen im Rahmen der Krebs-Vorsorge eine Darmspiegelung. Denn gerade in ihrem Alter steigt das Krebsrisiko signifikant. Deshalb raten wir: Besser heute vorsorgen als später das Nachsehen haben.“

Ich verbrachte dann große Teile meines Geburtstages damit, in mich hineinzuhorchen, meinen Darm zu erfühlen. Hatte ich in letzter Zeit nicht immer wieder Verdauungsprobleme gehabt? War es vielleicht schon zu spät? Kriegt man diese Briefe von der Krankenkasse nicht normalerweise zum 50. Geburtstag? Werde ich sterben, nur weil diese blöde Krankenkasse mich zu spät benachrichtigt hat?

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Nur keine Panik, dachte ich und rannte am nächsten Morgen zum Arzt, der mir eine eng beschriebene Broschüre überreichte, in der die Risiken und möglichen Komplikationen einer Darmspiegelung erörtert wurden. So erfuhr ich, es könne während des Eingriffs zu einer versehentlichen Durchstoßung der Darmwand kommen. Auch die Verletzung benachbarter Organe sei nicht vollkommen ausgeschlossen. Ich wurde darüber aufgeklärt, dass ich „für den Fall der Fälle“ einer möglichen Bluttransfusion, der Installierung eines künstlichen Darmausgangs sowie „im sehr seltenen Fall eines lebensbedrohlichen Atemstillstands oder eines Herz-Kreislauf-Versagens“ einer weiteren intensivmedizinischen Betreuung zustimmen müsse.

Ein wenig verspannt betrat ich drei Tage später den OP-Trakt des Krankenhauses, in dem die Untersuchung stattfinden sollte. Ich hatte die Nacht vor Aufregung kaum geschlafen und war zudem von den Abführmitteln geschwächt, die ich mir seit dem Vortag literweise zugeführt hatte, um meinen Darm blitzsauber zu bekommen. Eine Krankenschwester überreichte mir eine grüne OP-Unterhose, die hinten offen war. Als ich lediglich mit dieser Unterhose bekleidet zum Operationstisch schwankte, wurde mir klar, dass der wichtigste Satz des deutschen Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) offenbar nicht für die urologische Station dieses Krankenhauses galt.

Der Operateur begrüßte mich, wollte vor allem wissen, ob ich auch ordentlich mein Abführmittel getrunken hatte. „Man wäscht ja auch sein Auto, bevor man in die Werkstatt fährt, nicht wahr?“, sagte er, was mich zusätzlich verunsicherte, weil ich ehrlich gesagt noch nie mein Auto vor einem Werkstatt-Termin gewaschen habe. Ich verstand auch den Vergleich nicht. Was hatte ein verdammter Ölwechsel mit meinen Verdauungsorganen zu tun? Außerdem sah der Operateur wahnsinnig jung aus. Der hatte doch gerade mal Abitur gemacht, oder? War das hier vielleicht sein erster Eingriff?

Die Anästhesistin rammte mir eine Kanüle in den Arm und zwitscherte, dass ich nun gleich ganz herrlich schlafen werde. Ich fragte, was sie mir denn gebe. „Propofol“, sagte die Anästhesistin. „Ist das nicht das Zeug, mit dem Michael Jackson sich umgebracht hat?“, wollte ich gerade sagen, als mein Kopf plötzlich schwer wurde.

Irgendwann wachte ich wieder auf, der Milchbart-Urologe sagte, alles sei super gelaufen, keine Auffälligkeiten. Außerdem sei mein Darm wirklich sehr schön sauber gewesen.

Da war ich dann schon ein bisschen stolz. Und blicke mit milder Zuversicht auf das Jahr 2031. Wenn meine nächste Darmspiegelung stattfinden wird.