Berlin - Neben dem US-Start-up Moderna waren es vor zwölf Monaten primär zwei deutsche Firmen, die der Welt Hoffnung auf eine baldige Eindämmung des Coronavirus machten: die Heidelberger Curevac, über lange Jahre maßgeblich finanziert von der SAP-Ikone Dietmar Hopp, der schon wenige Wochen nach Pandemiebeginn für Herbst 2020 die ersten Impfstoff-Lieferungen in Aussicht gestellt hatte – und die vom Forscher-Ehepaar Uğur Şahin und Özlem Türeci angeführte Biontech aus Mainz, die für ihre Vakzin-Kandidaten frühzeitig eine Partnerschaft mit dem US-Pharmariesen Pfizer eingegangen war.

Diese Woche haben beide Unternehmen, die beide mit der vom Curevac-Gründer Ingmar Hoerr entdeckten mRNA-Technologie arbeiten und beide an der US-Wachstumsbörse Nasdaq notiert sind, ihre Hauptversammlungen abgehalten. Unter entgegengesetzten Vorzeichen: Während Biontech in der öffentlichen Wahrnehmung den Goldstandard der Corona-Impfung verkörpert und alleine im ersten Quartal 2021 einen Nettogewinn von 1,3 Milliarden Euro einfahren konnte, hat Curevac noch immer keinen Impfstoff am Start – nach einem Zwischenfazit der für eine Zulassung relevanten klinischen Studien liegt die vorläufige Wirksamkeit nur bei 47 Prozent. Kein Wunder, dass die Aktie zeitweise um mehr als 50 Prozent eingebrochen ist.

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Zweifelsohne eine herbe Enttäuschung. Vielleicht auch das Resultat einer Kette von Managementfehlern. Vor allem aber ein Rückschlag, der symptomatisch ist für die Branche und die immensen Risiken von Biotech-Investments demonstriert: Die meisten Forschungsprojekte schaffen es eben nicht bis zur Zulassung, sondern floppen früher oder später. Und gerade die Impfstoffentwicklung ist langwierig und hochkomplex. Insofern ist die Häme, die Dietmar Hopp – der bis heute rund 1,5 Milliarden Euro in deutsche Biotech-Firmen gesteckt und damit die Wagniskapital-Kultur in diesem Sektor entscheidend vorangebracht hat – in diesen Tagen bisweilen entgegenschlägt, ebenso schäbig wie unangebracht.

Vielmehr dürfen wir glücklich, demütig und dankbar sein, dass nur eineinhalb Jahre nach den ersten Corona-Fällen gleich mehrere hochwirksame Vakzine verfügbar sind – weil geniale Wissenschaftler und risikobereite Investoren zusammengefunden haben. Obendrein ist die Covid-19-Impfung der ultimative proof of concept für die lange Zeit durchaus kontrovers diskutierte mRNA-Technologie, mit dem nun eine neue Ära im Kampf gegen tödliche Krankheiten anbrechen könnte. Bereits 2023 sollen die ersten Zulassungsanträge für individualisierte Krebs-Impfstoffe eingereicht werden, ließ Uğur Şahin auf der Biontech-Hauptversammlung durchblicken.

Umso wichtiger, dass es bis dahin einen gesellschaftlichen Konsens gibt, was die Sicherheit der Patente angeht, ohne die kein privater Geldgeber das Risiko des Scheiterns eingehen kann. Und gleichzeitig muss geklärt sein, wie die erhofften medizinischen Quantensprünge unabhängig vom privaten Geldbeutel jedem Menschen zugutekommen, ohne dabei die öffentlichen Gesundheitskassen zu überfordern.

Christian W. Röhl ist Publizist und Investor. Unter @CWRoehl ist er auch auf Twitter aktiv.

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