Soll in der Berliner Zeitung gegendert werden oder nicht? Der Korrektor Ingo Meyer sprach sich im Mai 2021 engagagiert gegen das Gendern aus und plädierte für die Beibehaltung des generischen Maskulinums. Antonia Groß, Volontärin der Berliner Zeitung, brach kurz darauf ebenso leidenschaftlich eine Lanze für eine neue, gendersensible Sprache, die der modernen Gesellschaft besser gerecht werden soll. Die beiden Ansichten standen einander unversöhnlich gegenüber. Und beide hatten gute Argumente auf ihrer Seite.

Unstrittig scheint aber wenigstens eins zu sein: Sprache ist ein Verständigungssystem, das sich sehr unterschiedlich ausgestalten lässt. Heute unterzieht unser Gastautor Martin Krohs, der als Medienmacher und Sprachphilosoph täglich mit dem Konflikt zwischen verschiedenen Sprechweisen konfrontiert ist, die alte und die neue Version von SPRACHE einem detaillierten Vergleich und wägt ihre jeweiligen Vor- und Nachteile gegeneinander ab. Das Ergebnis ist überraschend – für die Gegner ebenso wie für die Befürworter des Genderns.

Das neue SPRACHE-System kommt attraktiv daher – in einer wertigen, nun vollständig wiederverwertbaren Verpackung und mit einem aufgefrischten Logo. Auch der Claim des Produkts hat sich verändert. Lautete er früher einfach „sinnvoll sprechen“, so steht nun auf der Box: „sinnvoll und gerecht sprechen“. Zwei kleine, aber wichtige Wörter mehr.

Alin Bosnoyan
Wer gewinnt am Ende? Die new school- oder old school-Version von Sprache?

Auch nach dem Launch des neuen SPRACHE bleibt die vorige Version erst einmal weiter im Programm. Sie trägt nun offiziell den Namenszusatz old school. In den User-Communitys wird das neue Produkt dementsprechend bereits new school genannt – das übernehmen wir hier.

Nachdem jetzt der erste vollständige Release von SPRACHE new school vorliegt (das mit großer Spannung erwartete Sternchen-Feature ist mit dem letzten Patch nachgeliefert worden), lohnt es sich zu schauen, was die beiden Versionen eigentlich genau voneinander unterscheidet. Wir konzentrieren uns dabei auf ein zentrales Feature, das unter den SPRACHE-Nutzern für einigen Aufruhr gesorgt hat: die neue Lösung für die generic role nouns.

Neutrale Rollen

Als generic role nouns – auf Deutsch: neutrale Rollenbezeichnungen – werden in SPRACHE diejenigen Wörter bezeichnet, mit denen Berufsrollen wie Jurist/Juristin, Handlungsrollen wie Leser/Leserin oder Statusrollen wie Passagier/Passagierin geschlechterübergreifend beziehungsweise geschlechterinklusiv dargestellt werden können.

Ein typisches generic role noun ist etwa das Wort „Kind“. Es hat drei spezifische Features: Es ist geschlechtlich neutral (ein Kind kann ein Mädchen oder ein Junge sein), es ist gleichermaßen im Singular wie im Plural verwendbar („Kind“, „Kinder“) und es ist kompakt – ein einziges Wort, nicht eine Umschreibung oder Erklärung des Gemeinten. Schematisch sieht das so aus:

Alin Bosnoyan

Neutrale Rollenbezeichnungen nach diesem Modell sind in SPRACHE von jeher rar, was einerseits sozialhistorische, andererseits aber auch grammatikalische Gründe hat. (Fun fact: Bei Tierbezeichnungen sieht es günstiger aus. „Rind“ etwa, mit seinem untergeordneten Geschlechterpaar „Kuh“/„Stier“, folgt exakt dem gleichen Dreieckschema wie „Kind“).

Zwar können Wörter wie „Waise“, „Geisel“ oder, in neuerer Zeit, „Fan“, „Model“ oder auch „Führungskraft“ diesen Mangel ein wenig mildern. Auch sie erfüllen die drei Anforderungen Geschlechtsneutralität, Kompaktheit und Pluralisierbarkeit. Allerdings fehlen ihnen die geschlechtlich gegabelten Unterbegriffe, sodass man sich mit „männliches Model“/„weibliches Model“ und so weiter behelfen muss. Und auch sie sind selten.

Das äußerst geringe Angebot an generic role nouns steht in einem krassen Missverhältnis zum Bedarf, der zudem stetig wächst. Man benötigt neutrale Rollenbezeichnungen etwa für die simple Frage, wie viele Passagiere (m/w/d) sich in einem Flugzeug befinden, aber auch für einen womöglich juristisch relevanten Satz wie: „Wenn unerwartet ein Kind die Straße überquert, entsteht eine Gefahrensituation.“ „Kind“ lässt sich hier nicht durch „Mädchen oder Junge“ ersetzen, ohne den Satzsinn zu entstellen.

Solche Verständigungszusammenhänge, in denen wir von Personenrollen reden wollen, ohne dass das Geschlecht dabei eine Bewandtnis haben soll, können ohne neutrale Rollenbezeichnungen nicht bewältigt werden.

Der old-school-Workaround

Was also tun, um dem Defizit an generic role nouns abzuhelfen? Die old-school-Version von SPRACHE hatte dafür einen Workaround implementiert, der so raffiniert wie einfach war. Man lieh sich schlicht einen der beiden geschlechtsspezifischen Einzelbegriffe aus (nämlich den maskulinen, zum Beispiel „Leser“ oder „Jurist“) und nutzte ihn ein weiteres Mal zur Anzeige geschlechtsneutraler Rollen (weshalb im old-school-Sprechen mit „ein Jurist“ oder „lieber Leser“ auch eine Frau gemeint sein kann). So konnte man das ansonsten mager ausgestattete Generikum praktisch nach Belieben mit abgeleiteten Begriffen füllen, die weitgehend wie generic role nouns funktionieren.

Ein derartiges „Wörterrecycling“ ist an sich nichts Ungewöhnliches: Man denke an Fälle wie „Bank“ und „Bank“ (Sitzmöbel/Geldinstitut) oder an die bestimmten Artikel „der“, „die“, „das“, „den“, „dem“, „des“ – sechs winzige Wörtchen, denen es gelingt, gemeinsam mit den entsprechenden Deklinationsendungen 16 unterschiedliche Kombinationen von Kasus, Numerus und Genus anzuzeigen. „Der“ und „die“ tauchen dabei sogar je ganze viermal auf. An dieser eleganten und zuverlässigen Technologie hat sich übrigens auch im New-school-Release von SPRACHE nichts geändert.

Dafür, dass keine Missverständnisse entstehen, sorgt jeweils der Zusammenhang. Wenn ich beim Spaziergang im Park sage: „Ach, gehen wir doch mal zu dieser Bank“, dann werde ich dort kaum Geld abheben wollen. Ebenso dürfen wir im old-school-Sprechen davon ausgehen, dass unter den „verspäteten Passagieren“ in einer Flughafenansage auch Frauen seien können.

Es kann kurios erscheinen, dass ein nach old school geschlechtsneutraler Oberbegriff wie „Jurist“ oder „Leser“ zugleich sein eigener Unterbegriff ist – er gabelt sich ja geschlechtsspezifisch auf in „Juristin“ und noch einmal „Jurist“. Aber auch das ist nicht ungewöhnlich. So ist etwa der Oberbegriff für das Gegensatzpaar „lang“ versus „kurz“ wiederum „Länge“, der für „Tag“ versus „Nacht“ lautet seinerseits „Tag“ und so weiter.

Solche Doppelbelegungen halten den Wortschatz übersichtlich und sorgen für Kürze. Und kaum etwas liebt die Sprache mehr (und der Sprachnutzer auch). Sie schnurrt quasi von selbst aufs Minimum zusammen und sondert alles Verzichtbare aus. Nimmt man es ganz genau, dann müsste eh jeder einzelne Gegenstand sein eigenes Wort haben. Wenn mein Tisch auf drei Beinen steht, deiner auf vieren, wieso sollten sie beide „Tisch“ heißen? Mit der Verständigung über unser Mobiliar wäre es dann allerdings vorbei. Überhaupt ist Verständigung auf eine gewisse Großzügigkeit angewiesen – und darauf, dass die Sprachbenutzer auch einmal schlau genug sind zum Raten.

Aber klappt das auch dort, wo es um etwas so Menschlich-Wesentliches geht wie Geschlecht? Oder ist diese old-school-Technologie, von den Entwicklern übrigens in etwas verwirrender Weise generisches Maskulinum genannt, mit einer derart verantwortungsvollen Aufgabe dann doch überfordert?

Eine Mogelpackung?

Vor allem, sagen die Kritiker, ist das Ergebnis durch und durch unfair.

Denn es mag zwar sein, dass sich tatsächlich aus dem Zusammenhang erschließen lässt, wenn mit „ein Jurist“ oder „alle Juristen“ jeweils rechtskundige Personen beliebigen Geschlechts gemeint sind. Trotzdem zeichnen sich unter den Roben dieser Wörter weiterhin deutlich ihre männlichen Geschlechtsmerkmale ab. Einfacher Test: Zu den „Juristen“ gibt es ein weibliches Pendant, „Juristinnen“. Zu „Kindern“ oder „Rindern“ gibt es keins. Und das heißt: „Juristen“ schließt zwar möglicherweise Frauen generisch erst einmal ein, allerdings im gleichen Atemzug auch schon logisch wieder aus.

Das ist zumindest fragwürdig und wurde schon lange bemängelt, nicht nur von Frauen, sondern auch von vielen anderen SPRACHE-Nutzern. Sie signalisierten den Entwicklern: SPRACHE kann nicht dermaßen schief und männlich-einseitig bleiben. Es muss sich grundlegend etwas ändern.

Die einschlägigen Argumente dieser Diskussion sind hinlänglich bekannt und im Zweifelsfall leicht nachzulesen – nicht zuletzt in dieser Zeitung, Verzeihung: in diesem Forum. Je klarer und deutlicher sie formuliert wurden, desto mehr erschien der old-school-Workaround wie eine Mogelpackung. Die Entwickler mussten reagieren.

Neue Instrumente

„SPRACHE – new school“ soll die uralten Probleme nun lösen. Unser Sprechen soll nicht mehr nur sinnvoll, sondern endlich auch gerecht sein.

Und die Entwickler haben entschieden durchgegriffen. Die Funktion generisches Maskulinum sucht man im neuen SPRACHE-System vergebens: Sie wurde abgeschafft. Maskuline Substantive können im new-school-Sprechen keine Doppelfunktion mehr übernehmen, sie stehen jetzt exklusiv für männlich, genauso wie die femininen schon zuvor exklusiv für weiblich standen. Dadurch sieht das Genus-System nun sehr clean aus und ist vor allem endlich symmetrisch geworden. Zumindest, was die Substantive angeht.

Anstelle der ehemaligen Patentlösung „Maskulinum-Recycling“ haben die Entwickler jetzt ein Bündel von gleich drei verschiedenen Instrumenten implementiert, um geschlechtlich neutral, also generisch, auf Personen Bezug zu nehmen. Im Einzelnen sind dies Beidnennung, Zusammenziehung und Partizipbildung. Zur Erinnerung, der Reihe nach: „Leser und Leserinnen“, „LeserInnen“ (bzw. „Leser*innen“, das Sternchen öffnet einen Slot für geschlechtliche Diversity) und „Lesende“. Gemeinsam sollen diese drei Instrumente alle geschlechtsneutralen oder geschlechtsinklusiven Anwendungsfälle abdecken und so das leidige Problem der fehlenden generic role nouns lösen.

Ist das tatsächlich so? Oder nehmen die Entwickler – die Entwickler und Entwicklerinnen – hier den Mund zu voll?

Hidden failures

Man könnte denken, für die User wäre die Umstellung von old school auf new school keine große Sache – sie verwenden einfach anstatt des „generischen Maskulinums“ nun die Instrumente des Gendern-Instrumentenpacks. Schnell tauchen allerdings die ersten Stolpersteine auf.

Es beginnt mit einem Platzproblem. „Entwickler und Entwicklerinnen“ nimmt eben nicht nur etwas mehr Raum in Anspruch als „Entwickler“, sondern genau dreimal so viel – zählen Sie nach. Kompaktheit? Vergessen wir das. Sperrigkeit ist angesagt.

Und das ist nicht banal. Raum ist die knappste Ressource in jeder Sprachanwendung. Und nicht nur das: Raum übersetzt sich auch in Rhythmus, und Sprache ist immer etwas, was pulst – nicht nur lautlich, sondern auch in der Abfolge der Sinneinheiten. Die unablässig alles doppelt repetierende Beidnennung führt da zu lauter störenden Stockungen. Und die Zusammenziehung à la „Entwickler*innen“ macht das, obgleich sie etwas kürzer ist, kaum besser.

Auch bei der Gestaltung des Sprachsinns selbst müssen new-school-Nutzer[...?] Abstriche machen, genauer: bei der Steuerung der Fokussetzung. Denn während man im old school-System beträchtlichen Einfluss auf den Geschlechterfokus nehmen konnte, lässt er sich bei den neuen Instrumenten nun nicht mehr deaktivieren (jedenfalls nicht bei Beidnennung und Zusammenziehung). Sage ich „Entwickler und Entwicklerinnen“, dann sage ich immer auch dazu, ob ich das möchte oder nicht: Schaut her, das sind Geschlechtspersonen! Das widerspricht dem Neutralitätsziel der generic role nouns, denn man zeigt gerade auf das, was man doch eigentlich verbergen will. Eine Logik, die kaum weniger paradox ist als die des „generischen Maskulinums“.

Es gibt aber noch ein anderes Problem mit den Instrumenten des Genderns, und dass darüber in der Dokumentation zum new-school-Release geschwiegen wird, ist zumindest unredlich. Oder sollte es den Entwicklern und Entwicklerinnen tatsächlich nicht aufgefallen sein?

Alle drei Instrumente – Beidnennung, Zusammenziehung und Partizipbildung – funktionieren nämlich nur im Plural. Wir konnten es bei unseren Testdurchläufen für diesen Review zuerst selbst gar nicht glauben, aber es ist so. Die Singular-Option fehlt. Es gibt sie schlicht nicht. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn die Beschränkung auf den Plural ist tief im Design der Gender-Instrumente angelegt.

Probieren wir es aus. Wie sagt man „Entwicklerinnen und Entwickler“ im Singular? So, dass das Ergebnis geschlechtergerecht ist? Kann man diese Doppelform mit ihrem doppelten Genus irgendwie auf eine einzige, geschlechterübergreifende, generische Form herunterkürzen? Wie wäre das im Satzzusammenhang: „Wenn jemand einen Fehler im Programm entdeckt“ – und dieser jemand soll jetzt eine Person aus dem Kreis der Entwicklerinnen und Entwickler sein? Wie sagt man das? „Wenn ei[...] Entwick[...] ...“?

Nach langem Suchen haben wir in einer Fußnote der new-school-Dokumentation den Hinweis entdeckt, man möge hier eine gesplittete Konstruktion mit „oder“ verwenden.

Ernsthaft? Wenn ich für „Entwicklerinnen und Entwickler“ eine Singular-Option benötige, dann soll ich sagen: „Wenn eine Entwicklerin oder ein Entwickler einen Fehler im Programm entdeckt“? Damit wären wir wieder dort, wo wir ganz oben einmal begonnen haben. „Wenn ein Junge oder ein Mädchen die Straße überquert ...“ Es geht aber nicht um das „oder“ der Geschlechtsoptionen, sondern ums Kleinsein. Ums Kind. Und das damit verbundene Gefährdetsein.

Und davon, was aus den kontrahierten „Entwickler*innen“ im Singular werden soll, wollen wir überhaupt lieber schweigen. „Ein*e Entwickler*in“? So etwas kann nur in Betracht ziehen, wer nie entspannt mit Freunden plaudert, ohne sprachliche Schraubzwingen. Oder nie mal versucht hat, ein Lied zu singen.

Und nein, auch Partizipien sind kein Ausweg. „Die Studierenden“ sind zwar tatsächlich geschlechtsneutral, aber angenommen, jemand von ihnen möchte mit seiner Lehrkraft ein Problem besprechen – was dann? Wenn ein Studierender um einen Sprechstundentermin bittet, dann ist der nicht mehr neutral, sondern doch wieder männlich. Denn einen geschlechtsneutralen Singular haben auch die Studierenden nicht. Und so schleicht sich das generische Maskulinum über grammatische Tiefenstrukturen klammheimlich auch in new school wieder ein.

Win some, lose some

Zeit zum Zusammenfassen. Was kann die neue Schule, was die alte nicht kann? In der Tat, sie kann mehr Gerechtigkeit, indem sie Frauen und Männer grammatisch symmetrisch nebeneinanderstellt. Allerdings kann sie das nur im Plural. Und auch da nur im Nominalbereich – in die grammatischen Tiefen, in denen Pronomina hausen wie „keiner“, „man“ oder „wer“ (allesamt generisch gebraucht, aber klar maskulin geprägt), wagt sich auch die new school nicht vor. Und bietet damit doch wieder nur eine halbgare Lösung.

Die old school gibt dem Streben nach grammatikalischer Gerechtigkeit weniger Gewicht, dafür kann sie andere Dinge. Zuerst einmal natürlich einen – halbwegs – generischen Singular: Ob „der“ Leser dieses Artikels ein Mann oder eine Frau ist, ist nach der old school egal. Außerdem erlaubt sie – ebenfalls: in gewissem Rahmen –, den Geschlechtsfokus gezielt zu dosieren: „Der Leser“ mag sein, was er will, „die Leserin“ betont: Sie ist eine Frau.

Für andere Geschlechter als das Weibliche funktioniert das allerdings nicht – womit wir wieder bei den Nachteilen der old school wären. Sie hat maskuline Schlagseite, überhaupt macht die Organisation des Genus in ihr einen leicht chaotischen Eindruck. Insgesamt ermöglich sie aber einen flexibleren, geschmeidigeren Umgang mit dem Sprachgeschehen.

Und welche Version ist nun die bessere? Dass das nicht so einfach zu sagen ist, dürfte klar geworden sein. Im Gewirr der Geschlechter-und-Grammatik-Logik verstricken sich jedenfalls beide. Und beide produzieren auch immer wieder paradoxe Ergebnisse – old school durch das Ein- und zugleich Wiederausschließen des weiblichen Geschlechts, new school durch das Neutralisieren und zugleich Exponieren von Geschlechtlichkeit und natürlich das überaus schmerzhafte Fehlen des generischen Singulars.

All das muss man sich vor Augen halten, bevor man sich für eine der beiden Versionen von SPRACHE entscheidet. Beide haben ihre Vorteile, die aber auch immer zu Lasten anderer Funktionalitäten gehen. Man muss abwägen, was einem jeweils wichtiger ist. Win some, lose some.

Wie unterschiedlich die Vorlieben da sind, das zeigt ein Blick in die Foren und die dort geführten Auseinandersetzungen. Und das bestätigen auch die Erfahrung der sieben Test-Nutzer aus unserem Team, die in diesen Review eingeflossen sind, mit ihren jeweils sehr unterschiedlichen SPRACHE-Verwendungen, die von Journalismus bis zur Übersetzung, von der Wissenschaft über das Alltagsgespräch bis zum auf Deutsch performten Rap reichen.

Unser Kollege Brent etwa, Coder, Hacker, Maker, Tüftler und zugleich leichthändiger Meister unserer Geschäftskorrespondenz, hat der new-school-Version viereinhalb von fünf Punkten gegeben. Für ihn ist sie ein Schritt in die richtige Richtung, kleine Unbequemlichkeiten nimmt er da gern in Kauf. Kali hingegen, unsere Hauspoetin (das hört sie nicht gern) und eigentlich ein großer Fan von allerlei ziemlich, nun, ungewöhnlicher, experimenteller, radikaler Literatur, hat das neue SPRACHE nach ein paar Tagen entnervt wieder in die Box gesteckt. „Was für ein pedantischer M*st! Wer tut sich so was an?“ O-Ton Kali.

Was mich betrifft – ich wäre froh, könnte ich unparteiisch bleiben. So ganz gelingt das nicht. Denn entscheiden muss man sich ja. Wer versucht, mit beiden SPRACHE-Versionen gleichzeitig zu arbeiten, bringt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Leser durcheinander.

Und meine Entscheidung fällt, obwohl ich das Anliegen der new school für völlig berechtigt halte, zugunsten der bisherigen Version. Sicher, ich weiß um ihre Macken. Aber für einen Anwender wie mich, der Sprache sowohl privat wie beruflich nutzt (und gelegentlich auch einfach zu Spiel und Unterhaltung) und der deshalb besonders auf Vielseitigkeit achtet, sind sie immer noch das kleinere Übel als die eingeschränkten Funktionalitäten des new-school-Releases und seine schrullenhafte Stilistik. Zumal das Problem der generic role nouns – der neutralen Rollenbezeichnungen – auch bei ihm ungelöst bleibt. „Kind“, „Rind“, „Fan“, „Fachkraft“ – diese Wortmodelle sind nach wie vor akute Mangelware. Und das heißt: Auch mit der geschlechtergerechten Sprache kann man nicht wirklich geschlechterinklusiv sprechen.

Wie weiter?

Was also tun? Eine Bekannte, von Beruf Juristin, klagte kürzlich: „Es ist ein riesiges Dilemma. Ich bin Feministin! Aber ich liebe auch die deutsche Sprache!“ Genau das ist es. Ein Dilemma. Keiner hat die Lösung, aber both have a point. Und beide Parteien stehen miteinander völlig überquer. Und finden sich gegenseitig immer schwerer zu ertragen. Man liest mehr und mehr mit der geballten Faust in der Tasche. Oder hört überhaupt auf zu lesen, sobald gegenderte Formen auftauchen. Oder sobald generische Maskulina auftauchen. Diese Ideologen! Diese Sexisten! Geht doch zum Teufel, ruft man einander zu. Ja, geht zum Teufel! Was treibt ihr hier? Was zertrampelt ihr jenes zarte grammatische Januskraut, dessen Geschlecht bald männlich, bald aber auch allgemein-menschlich erscheinen kann? – Du selbst geh zum Teufel! Januskraut, dass wir nicht lachen! Eine Männerstaude ist es, eine Ständelwurz, eine gliederstrotzende Herrschaftsstandarte! Wir wollen sie nicht mehr sehen! Und übrigens, wir trampeln nicht, wir pflanzen selbst. Einen prächtigen, einen farbenprächtigen Frauenschuh und allerlei sonst. Hüte dich, dass er dir keinen Tritt versetzt!

Die Sprache ist eine Gemeinschaftsveranstaltung. Ein Gemeinschaftsgarten, aus dem niemand entkommt, in dem aber auch niemand für sich allein das Sagen hat. Und derzeit beackern zwei Parteien, die völlig Verschiedenes im Sinn haben, eine und dieselbe Parzelle. Das kann kaum gut gehen.

Martin Krohs ist freier Philosoph, Essayist und Medienmacher. Er wurde zuerst durch Dispute in der Redaktion seiner Mediengründung dekoder.org auf die Fragen des Genderns aufmerksam.

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