Berlin - Noch vor zehn Jahren konnte ich mit Onlinedating nichts anfangen. Für mich war der digitale Datingmarkt so etwas wie eine Börse von oberflächlichen Austauschbarkeiten. Kennenlernen hatte für mich etwas mit Fleischeslust und Haptik zu tun. Ich war davon überzeugt, dass man sich nur wirklich in der spontanen Begegnung verlieben kann, in diesen heiligen Momenten, wenn man sich im Uni-Seminar vor eine schöne Frau setzt, ins Gespräch kommt und dieses Kribbeln im Bauch spürt. Wenn man einen anderen Menschen riecht, sieht, wahrnimmt und merkt, dass die Chemie stimmt. Oder in der U-Bahn, wenn man zufällig mit einer fremden Person ins Gespräch kommt und feststellt: Mit diesem Menschen kann ich richtig gut reden.

Ja, ich war ein Onlinedating-Skeptiker. Und trotzdem, obwohl ich mich mit meinen 42 Jahren immer mal wieder auf konventionellem Wege erfolgreich verliebt (und dann leider weniger erfolgreich entliebt) hatte, gab ich dem Onlinedating-Geschäft wider Erwarten eine Chance. Und das hatte etwas mit der Pandemie zu tun. Denn als plötzlich Covid-19 das gesellschaftliche Leben in Berlin lahmlegte und der Monat März 2020 für viele Menschen in dieser Stadt das traumatischste Ereignis des noch jungen Jahrzehnts werden sollte, war ich Single und ganz auf mich allein gestellt.

Einige Monate zuvor hatte ich mich von meiner Freundin getrennt. Im März 2020, just in dem Moment, als die Pandemie ausbrach, war ich aber endlich bereit für etwas Neues. Doch da ein normales Kennenlernen wegen des Lockdowns und der Infektionsschutzbestimmungen nicht möglich war und mir zu Hause wahnsinnig viel Freizeit zur Verfügung stand, probierte ich es erstmals aus: Ich versuchte es mit Onlinedating. 

Die Gründe für ihr Ghosting kann ich nur erahnen

Klar, die Vorteile liegen auf der Hand. Man kann sich eine App wie Tinder herunterladen und ohne Infektionsgefahr fremde Menschen kennenlernen. Alle meine Vorurteile, all meine Skepsis warf ich über den Haufen und stürzte mich ins digitale Flirten. Mich überraschte vor allem die Auswahl. Bei Tinder kann man den Radius bestimmen und ziemlich exakt in der Nachbarschaft nach potenziellen Flirt-Kandidatinnen suchen. Eine endlose Liste von Frauen schob sich auf den Bildschirm. Die Austauschbarkeit – sie war kein Klischee.

Ich erinnere mich noch an den ersten Match. Sie hieß Tina, war 29 Jahre alt und lebte gleich um die Ecke in Friedrichshain. Sie erzählte mir, dass sie ein Kind habe und noch bei ihrem Partner wohne, dass aber die Beziehung kurz vor dem Ende sei und dass sie jetzt mit Tinder heimlich neue Menschen kennenlernen möchte, um sich in eine mögliche bessere Zukunft hineinzufantasieren. Außerdem fehlte ihr, ganz salopp gesagt, der Sex.

Wenn ich ehrlich sein darf: Wir trafen uns nie. Trotzdem hatten wir innerhalb der zwei nächsten Wochen unerwartet intime Gespräche – über das Leben, die Liebe, die Pandemie. Tina wurde so etwas wie eine Freundin von mir, eine Wegbegleiterin, eine Leidensgenossin. Ich begrüßte sie morgens und verabschiedete mich abends. In der kurzen Zeit bildeten sich Rituale. Ich dachte, aus uns könnte etwas werden. Bis sie sich plötzlich nicht mehr meldete. Ich öffnete die Tinder-App und stellte eines Morgens fest, dass Tina unseren Chat einfach gelöscht hatte. Sie war plötzlich weg. Ich wiederum wurde, wie in einer Art Feuertaufe, mit den Schattenseiten des flüchtigen Flirtens in der anonymen Onlinewelt konfrontiert.

Die Gründe für ihr Ghosting kann ich nur erahnen. Hatte ihr Freund die Tinder-App bemerkt? Wollte sie ein wenig Freiheit spüren, ihre Grenzen austesten, war aber eigentlich nicht bereit für den nächsten Schritt? Überkam sie das schlechte Gewissen? Hatte ich, ohne es zu wissen, für ein Beziehungsdrama gesorgt? Hatte sie sich verliebt und wollte sie sich vor sich selbst schützen? Ich werde es vermutlich nie erfahren. Ich bin Tina nie begegnet, auch nicht zufällig, obwohl wir ja anscheinend Nachbarn sind.

Aufregende Monate auf der Couch

Ein paar Tage lang ließ ich die Finger von Tinder. Das Ghosting von Tina hatte mich, zugegeben, verletzt und auch ein wenig verstört. Trotzdem überwog die Langeweile, also zerstreute ich meine Bedenken und tastete mich wieder an die Onlinedating-Welt heran. Ich chattete mit unzähligen Frauen in Berlin, sammelte unzählige Matches und lernte Menschen mit den verschiedensten Biografien und Lebensgeschichten kennen. Tinder wurde mein persönlicher Roman. Die Onlinedating-Welt wurde in meiner Fantasie zu einem Ersatzraum, zu einem Kosmos aus Möglichkeiten, der mich virtuell durch die Anfänge der Pandemie brachte und mir meine Einsamkeit nahm.

Ich war mit diesen Gefühlen offenbar nicht allein. Die ganze Stadt schien sich auf Onlinedating-Börsen zu tummeln, um am Lockdown nicht zu verzweifeln. Besonders spaßig wurde es, als Tinder den sogenannten Global Pass für seine Nutzer öffnete. Jeder Tinder-Kunde konnte auf dem ganzen Globus nach potenziellen Dating-Kandidatinnen suchen und wildfremde Städte für die Partnerwahl eingeben.

Ich suchte nach Frauen in Helsiniki, in Moskau, in Taipeh, in Hongkong, in Minsk oder Alaska und sammelte Match nach Match. Ich gebe zu: Ich wurde ein bisschen süchtig danach. Mir gehörte die Welt. Bis heute ist mir nicht ganz klar, ob das stundenlange Chatten im globalen Internet meine Neugier und meine unbefriedigte Reiselust stillte oder ob ich einfach süchtig nach Bestätigung war. Vielleicht ein bisschen von beidem.

Die Gespräche, die ich weltweit führte, drehten sich um die Pandemie, um Politik oder einfach nur ums Leben. Ich lernte, ohne in ein Flugzeug steigen und reisen zu können, wie die einzelnen Länder mit dem Virus zurechtkamen. Ich bekam als Erster mit, wie sich in Wuhan die Situation langsam verbesserte und erfuhr in stundenlangen Gespräch mit Frauen aus New York oder Boston, wie die Menschen an der Ostküste der USA unter Präsident Trump allmählich verzweifelten. Es waren aufregende Monate, obwohl ich nur auf der Couch saß. 

Der Sex im digitalen Raum

Aber klar, die erotische Komponente darf in einer solchen Erzählung nicht fehlen. Und ja, ich kann bestätigen: Auch neuen Sex durfte ich erleben. Die Geschichte geht so: Als ich eines abends bei Tinder surfte, lernte ich eine Britin kennen. Eine wunderschöne Frau aus London, 34 Jahre alt, die Berlin in ihrer Tinder-Suche als Zielort eingegeben hatte. Wir chatteten ein paar Tage lang, tauschten uns aus, lernten uns besser kennen, sprachen miteinander, telefonierten sogar. Sie war eine PR-Agentin aus Camden Town. Als wir uns immer mehr vertrauten und unsere Gespräche eine tiefere Ebene erreichten, trafen wir die Entscheidung, uns abends auf ein Date zu treffen. Nicht real, sondern über die Kamera, über Skype.

Es war kurios und doch aufregend zugleich. Ich zog mir ein weißes Hemd an, putzte mich heraus, benutzte sogar Parfüm – für die eigene positive Selbstwahrnehmung – und setzte mich an den Schreibtisch, vor den Laptop. Als wir uns begegneten, bemerkte ich, dass meine Londonerin sich ein schwarzes Kleid angezogen und sich geschminkt hatte. Auch sie war ein wenig nervös. Doch das Lampenfieber fühlte sich gut an. Ganz ehrlich: Ich fühlte mich lebendig.

Der erste Moment des Kennenlernens war etwas komisch, aber zwei Flaschen Wein (die eine stand in London, die andere in Berlin) halfen uns beiden, die Absurdität in Alkohol zu ertränken. Es wurde ein lustiger, charmanter, ja bezaubernder Abend und ich spürte, trotz der Kamera, trotz der digitalen Distanz, wie ein Kribbeln, wie ein aufregendes Gefühl in meinem Bauch entstand, ja, dass ich plötzlich eine innere Verbindung spürte. Oder anders gesagt: Die Chemie stimmte. Ich verstand, dass man mit einem Menschen eine Beziehung aufbauen kann, obwohl man nur eine Stimme hört und nur ein verwackeltes Bild sieht.

Wir hatten an diesem Abend digitalen Sex. Jeder für sich alleine und doch irgendwie zusammen. (An dieser Stelle dürfen Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihre Fantasie einsetzen.) Eine längere Beziehung wurde nicht daraus, die Pandemie machte uns einen Strich durch die Rechnung. Trotzdem haben mich die Kontaktbeschränkungen etwas fürs Leben gelehrt: Onlinedating muss nicht schlecht sein. Und verknallen kann man sich auch ohne den hautnahen Kontakt, sondern ganz pandemiegerecht: mit Abstand, digital, vor dem Laptop.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.