Berlin - Der Schuss ging nach hinten los, wie man so schön sagt. Keine gute Idee, dass man im Pressedepartment von Bottega Veneta dem offenbar wenig durchdachten Plan grünes Licht gab, die vermeintliche It-Crowd ins Berliner Berghain einzuladen, um im coronabedingt stillgelegten Club die neueste Kollektion zu präsentieren. Unter den Gästen – manche mit, manche ohne Maske – waren die Musiker Skepta und Slowthai, des weiteren Stefano Pilati, Honey Dijon, Virgil Abloh und natürlich Berghain-Bouncer Sven Marquardt. Schrecklich kreativ ging’s danach weiter ins Soho House nach Mitte, wo ordentlich gefeiert wurde. Bilder und Videos von der Party fanden sich schnell auf Instagram wieder – bis es zu einem Shitstorm par excellence kam, wie man ihn sich kaum besser hätte ausmalen können.

Viele Userinnen und User attestierten der italienischen Luxusmarke im besten Falle Instinktlosigkeit und Borniertheit ob der Tatsache, dass die Berliner Clubs geschlossen sind und die meisten Berlinerinnen und Berliner sich den vorfrühlingshaften Abend daheim vertreiben müssen. 

Ganz im Gegensatz zu einer elitären Parallel-Partygesellschaft, die offenbar der Meinung ist, dass man sich gar nicht mit Corona infizieren kann, wenn man das Virus nur möglichst glamourös ignoriert. Nun ermittelt die Berliner Polizei und das Ganze wird wohl auf einen Imageschaden hinauslaufen für die Marke Bottega Veneta. Was schade ist, denn bislang war das Label nie negativ aufgefallen. Dabei wäre es doch so einfach gewesen, wenn man uns nur mal gefragt hätte! Hier ein paar – nicht ernst gemeinte – Tipps für die nächste illegale Modesause an der Spree.

1. Neuköllner Hasenheide

Foto: Imago
Idyllisch und mit Drogenversorgung vor Ort: die Neuköllner Hasenheide.

Den Volkspark Hasenheide, gelegen zwischen der gleichnamigen Straße und dem Columbiadamm, könnte man im besten Falle als basisdemokratisches Naherholungsgebiet mit integriertem Streichelzoo beschreiben. Am Hauptweg stehen die Dealer Spalier, geflissentlich ignoriert von der Neuköllner Hipster-Mama, die den Bugaboo-Kinderwagen genauso gemächlich vor sich herschiebt wie der Kreuzberger Obdachlose seinen geklauten Einkaufswagen, in dem er seine Habseligkeiten deponiert hat. Jogger drehen ihre Runden vorbei an muslimischen Frauengruppen und Yogaseminaren auf der grünen Wiese. Die Hasenheide gehört allen und ist so jeglicher Feierei gegenüber grundsätzlich wohlgesonnen. Hier fanden bereits kurz nach Beginn der Pandemie die ersten illegalen Partys statt und außer ein paar Anwohnern hat das eigentlich niemanden großartig gestört. Der ideale Partyort.

Vorteile: Man kann sich prima aus dem Weg gehen und so auf die Maske unter freiem Himmel verzichten. Auf weichem Grund tanzt es sich schön unter klarem Himmel. Außerdem ist der Dealer gleich vor Ort und wird von niemandem rausgeschmissen. Polizei kommt eher selten vorbei. 

Nachteile: Hundekacke, Zoo-Geruch, Eichenprozessionsspinner (unter Umständen), keine Toiletten zum Koksen.

Unbedingt mitbringen: Getränke, Toilettenpapier, Knicklicht, Insektenspray, Taschenspiegel.

Bloß nicht: Pumps, kurze Bekleidung (Eichenprozessionsspinner!!!), Sonnenbrille.

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2. Reichstagswiese

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Viel Platz für Alle! Die Wiese vor dem Reichstag eignet sich bestens für Partys, Demos und Raves.

Coronakonform feiern ist ja gerade schrecklich unmodern. Warum die nächste Party also nicht gleich an jenen Ort verlegen, der aktuell wie kein zweiter den Geist der Unvernunft atmet? Kreuz- und quergedacht wird auf dem Rasen zwischen Kanzlerinnenamt und Reichstagsgebäude zwar nicht mehr ganz so eindrücklich wie zu Zeiten des aufsehenerregenden Treppensturms. Ein Hauch wutbürgerlicher Verweigerung und Hildmann’schen Hedonismus aber weht noch immer über die bräunlich-grüne Fläche. Und ist es nicht gerade die Abkehr von Realitätssinn und Rücksichtnahme, die eine Party erst zur Party macht? Außerdem praktisch: Seit der Verlängerung der U-Bahn-Linie 5 ist es von den Partymeilen in Friedrichshain nur noch ein Katzensprung zur neuen In-Location im Regierungsviertel.

Vorteile: Manche Stars und Sternchen lassen sich für einen Special-Guest-Auftritt bestimmt gewinnen! Jana setzt sich sicherlich gern in den nächsten ICE aus Kassel nach Berlin – und Attila gibt vielleicht sogar ’ne Runde Veggie-Burger aus.

Nachteile: Da selbst die Berliner Polizei lernfähig ist, sind in der Gegend momentan viele Beamtinnen und Beamte unterwegs. Die meisten von ihnen eher nicht in Partystimmung.

Unbedingt mitbringen: Lustige Protestplakate und ulkige Parolen.

Bloß nicht: FFP2-Masken.

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3. Frankfurt am Main

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Sieht bei Nacht fast aus wie eine Weltstadt: Frankfurt am Main, in den 90ern immerhin mal ein Party-Hotspot.

Warum muss es überhaupt immer Berlin sein? Das hat sich unlängst auch die Modemessenchefin Anita Tillmann gefragt – und ist mit Sack und Mode-Pack nach Hessen umgezogen. Nun ja, zumindest perspektivisch. Ob es die angepeilte „Frankfurt Fashion Week“ nebst Tillmanns ehemals berlinerischer Modemesse Premium im Sommer des zweiten Krisenjahres überhaupt geben kann, bleibt vorerst fraglich. Sei’s drum – gedanklich formt sich in so manchem Investorenkopf aus der Bankenstadt längst schon ein internationaler Fashion-Hotspot. Und apropos Hotspot: Nach aktuellem Stand sind die Inzidenzzahlen am Main ein bisschen gnädiger als an der Spree. Da lässt sich fast schon ohne schlechtes Gewissen schranzen!

Vorteile: Frankfurt war zwar nie Mode-, aber doch mal Techno-Hauptstadt. Geblieben sind dem Örtchen bei Offenbach zwar keine nennenswerten Clubs, aber bestimmt jede Menge enthusiastische Alt-Raver aus den frühen Neunzigern. Irgendwer wird schon mitfeiern!

Nachteile: Der Durchschnittspreis für zwei 4 cl Kartoffelschnaps mit ein bisschen Mineralwasser – aka Wodka Soda – beträgt knackige 15 Euro.

Unbedingt mitbringen: Bankkarte, Kreditkarte, große Scheine.

Bloß nicht: Groschen, Münzen, kleine Scheine.

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4. Tempelhofer Feld

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Sehnsuchtsort, Wahlkampfthema und urbaner Kuschelort: Das Tempelhofer Feld. Wer nicht feiern will, der weiß nicht, was ein Open-Air-Rave zu bieten hat. 

Back to Nature! Auf dem Tempelhofer Feld kann man sich im schönsten Ecstasy-High der Illusion hingeben, man wäre ganz eins mit der Natur und nicht irgendeine hedonistische Feiermaus in Designerwear. Unter freiem Himmel und zwischen Flughafen-Hangar und Hermannstraße lassen sich so in feinster Goa-Party-Manier die ohnehin im Moment trendgebenden Neunziger noch einmal nachfeiern, keine Anwohner nerven, die für 17 Millionen Euro errichteten Tempo-Homes stehen leer, der Kinderzirkus auch, und wer erschöpft ist, lässt sich einfach ins Gras fallen, bitte nur nicht im abgezäunten Vogelschutzgebiet!

Vorteile: Frische Luft, viel Aussicht, historisches Ambiente.

Nachteile: Neuer FDP-Wahlkampf-Hotspot, Parkwache vor Ort, Polizeiwache gegenüber, keine Toiletten und kein Strom.

Unbedingt mitbringen: Tarnnetze, Mückenspray, festes Schuhwerk, Alkohol, Taschenlampe.

Bloß nicht: Einweg-Grill, Absatzschuhe, FDP.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.