Berlin - Klar, die großen Zeiten des Journalismus sind vorbei, in denen man ab 15 Uhr die Schubladen schwerhölzerner Schreibtische aufgeschoben hat, um eine Flasche 12-jährigen Maltwhiskys aus Schottland hervorzuholen und sich nachmittags ordentlich zu betrinken. Belohnung muss trotzdem manchmal sein. In Teilen der Redaktion der Berliner Zeitung am Wochenende steht als Gute-Laune-Restaurant Nummer eins das Peter Schlemihl in Kreuzberg hoch im Kurs. Das mag vor allem an dem sensationellen Außenbereich am Chamissoplatz liegen, der für Westberliner Verhältnisse einen wunderbar idyllischen Rahmen für kontroverse Gesprächsrunden bietet. Will heißen: Es ist wahnsinnig still.

Lassen Sie sich von der Bergmannstraße nicht irritieren. Klar, bei den aktuellen Sommertemperaturen wird man oft von nervigen Musikgruppen und feierfreudigen Jugendlichen behelligt. Aber sobald man die Bergmannstraße verlässt und ein Stück gen Süden die Nostitzstraße hochläuft, kommt man an den Chamissoplatz, also zu einem der schönsten und ruhigsten Plätze in ganz Berlin.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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„Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ als Restaurantversion

Mit Geheimtipps muss man vorsichtig sein. Wer will schließlich sein Stammlokal dem allgemeinen Reservierungswahn der Vox populi überlassen? Aber in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen, denn eine Geheimhaltung lässt sich mit dem Gewissen nicht vereinbaren. Die Stadt muss, ja sollte vom Peter Schlemihl erfahren, dieser Oase für großstadtgeplagte Seelen und Mägen! Wer es schafft, einen Tisch zu ergattern, schaut nicht nur auf einen der schönsten Plätze Berlins, sondern auch auf eine der kuriosesten Straßen von Kreuzberg. Blickt man nämlich, während man an der Willibald-Alexis-Straße sitzt, Richtung Osten, sieht man eine lange, kopfsteingepflasterte Straße, die in der Mitte einen großen Katzenbuckel macht und rechts und links weder von Bäumen noch von Büschen in ihrem linearen Fluss gestört wird. So kommen nicht nur der Sonnenuntergang, sondern auch die Berliner Gründerzeitbauten voll zur Geltung. Herrlich!

Viktoriia Vanina
Knusper, knusper, Röstzwiebel: die Käsespätzle im Peter Schlemihl.

Aber nun zum Essen. Das Peter Schlemihl wird von einem sehr jungen und sehr herzlichen Gastronomen aus Süddeutschland betrieben. Das gesamte Team wirkt wie eine Gruppe aus Freunden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, aus hervorragenden Zutaten einfache Gerichte zu zaubern und auf diese Weise süddeutsche Küche wieder salonfähig zu machen. Auf der Speisekarte stehen Klassiker wie Spinatknödel mit Butter und Parmesan, Blutwurst mit Stampf, Gulasch, Rollbratenburger mit Schweinebauch oder Labskaus. Das absolute Highlight sind die Käsespätzle mit Beilagensalat (!!!).

Der Erfolg des Restaurants liegt schlicht an der hervorragenden Zubereitung und der liebevollen Anrichtung der Speisen. Plus der famosen Qualität der servierten Produkte, und das bei niedrigen Preisen. Die Weinkarte ist übersichtlich und überzeugend sortiert. Außerdem: Wer würde einem jungen Team nicht vertrauen, das sein Restaurant nach einer Erzählung von Adalbert von Chamisso benennt? „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ (1813) lebt also als Restaurant-Hommage neu auf.

Wertung: 5 von 5 Punkten

Peter Schlemihl, Willibald-Alexis-Straße 25, 10965 Berlin, Montag bis Sonntag 17 bis 23 Uhr.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.