Berlin - Kennen Sie Kerstin Kassner? Im Politikbetrieb ist die Bundestagsabgeordnete der Linken keine prominente Figur, bei Instagram mit knapp 400.000 Followern dagegen ein Star: mehr Follower hat in der Politik nur Angela Merkel.

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Instagram hat im vergangenen Jahr Facebook als beliebteste soziale Plattform abgelöst. Besonders die junge Zielgruppe ist hier aktiv, 53 Prozent der 14- bis 29-Jährigen schauten schon 2019 täglich einmal rein. Dass man hier Menschen mit politischen Botschaften erreichen kann, haben mittlerweile auch Politiker und Politikerinnen verstanden, in der Praxis sind die meisten aber noch ziemlich hilflos. Die Medienwissenschaftlerin Tanja Maier hat für die Rosa-Luxemburg-Stiftung untersucht, welche progressiven Player auf Instagram erfolgreich sind und wie sie das anstellen.

Berliner Zeitung am Wochenende: Frau Maier, angenommen ich bin ein junger Mensch und rezipiere kaum klassische Medien, bin aber jeden Tag mehrere Stunden bei Instagram. Was würde ich von Politik mitbekommen?

Tanja Maier: Wenn Sie eine Person sind, die sich nicht so stark für Politik interessiert, würden Sie entsprechende Accounts gar nicht abonnieren und deshalb generell von Politik nicht viel mitkriegen. Das ist das Problem des referenzbasierten Algorithmus. Dass dieser uns vorschlägt, was wir vermutlich gerne mögen. Und das heißt, wenn Politik für Sie kein großes Thema ist, sehen Sie auch nur wenig politischen Content. Meinungsvielfalt entsteht so nicht.

Instagram will, dass Menschen möglichst lange auf der Seite bleiben. Könnte das nicht auch funktionieren, indem man ihr Interesse für neue Dinge weckt?

Mit Blick auf Instagram denke ich das nicht. Instagram ist ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das Werbung verkaufen will. Die wollen keine Politik machen. Das ist kein soziales Unternehmen. Sie werden länger auf der Plattform bleiben, wenn Sie das zu sehen bekommen, was Sie interessiert. Wenn man ständig neue Dinge präsentiert bekommt, kann das zu Langeweile führen und dazu, dass Menschen die Plattform wieder verlassen. Das Risiko wird Instagram nicht eingehen und weil der Algorithmus das Verhalten der Nutzer sehr genau kennt, muss es das auch nicht. Bei politischen Themen ist die Gefahr der Irritation oder Verärgerung zudem besonders hoch.

Sie haben für Ihre Studie vier Monate lang eine Reihe von Accounts analysiert, die progressive Politik machen. Wer ist Ihnen dabei besonders aufgefallen?

Im deutschsprachigen Raum zum Beispiel Kerstin Kassner von der Linken. In der Partei gehört sie nicht zu den Persönlichkeiten aus der ersten Reihe, bei Instagram hat sie aber fast 400.000 Follower, weit mehr als z.B. Sahra Wagenknecht mit 107.000. Bei Kassner geht es auf Instagram, anders als bei einem Großteil der Politiker:innen, nicht nur um sie selbst, sondern sie greift Themen auf, die gerade in den sozialen Medien thematisiert werden. Sie stellt Referenzen her, das ist ein ganz wichtiges Element sozialer Medien. Bestehende Inhalte und Themen aufzugreifen und umzuwandeln. Sahra Wagenknecht wiederum, und das hat sie mit vielen anderen Politiker:innen gemeinsam, teilt oft sogenannte Share Pics, also ihr Gesicht mit einem Zitat. Hier geht es vor allem darum, ein positives Bild von der eigenen Person und den eigenen politischen Standpunkten zu vermitteln. In den sozialen Medien ist es aber wichtig, dass man Themen und Inhalte aufgreift, die politisch relevant, authentisch oder bildungspolitisch hilfreich sind. Es reicht nicht, einfach Inhalte einzustellen, die man eigentlich für andere Kontexte produziert hat. Das funktioniert nicht gut.

Was ist noch wichtig, damit politische Inhalte erfolgreich sind?

Wer auf Instagram sichtbar sein will, muss ganz klar mit dem Algorithmus spielen. Wie der genau funktioniert, ist allerdings nicht bekannt. Instagram selbst hat aber die wichtigsten Faktoren genannt: Zuerst wird, wie schon gesagt, das Interesse des Nutzers berücksichtigt, das auf einem vorherigen Verhalten basiert. Dazu kommt die Aktualität des Posts und die Beziehung, die ich zum Postenden habe.

Michel Buchmann
Medienwissenschaftlerin Tanja Maier

Ein anderer wichtiger Faktor ist die Interaktion. Das pusht einerseits die Inhalte und müsste zudem doch genau das sein, was Politiker:innen und Aktivist:innen eigentlich erreichen wollen, auch offline. Wie animiert man auf Instagram zum Austausch?

Vor allem, indem man selbst mit anderen interagiert, zum Beispiel andere Menschen verlinkt, Beiträge liked, kommentiert und teilt oder indem man interaktive und partizipative Tools und Formate nutzt, wie zum Beispiel das Live-Format oder Stories mit Beteiligungsmöglichkeiten. Was stark kommentiert wird, sind aktuelle politische Themen, an die man anknüpft. Nicht einfach zwei Sätze aus dem eigenen Parteiprogramm. Es ist auch wichtig, dass die Zielgruppe die Inhalte unterhaltsam findet, das ist für viele vielleicht die größte Herausforderung.

Gibt es da die Angst vor der Trivialisierung? Die ist ja im linkspolitischen Spektrum doch deutlich ausgeprägter als im rechten.

Auf jeden Fall. Es gibt immer die Idee, dass politische Äußerungen auf Instagram generell eine Verflachung bedeuten. Ich mache allerdings seit 25 Jahren Medienwissenschaften und das wurde jedem neuen Medium erst einmal vorgeworfen. Das trifft nun auch wieder Instagram, dabei kann man das so nicht sagen. Es gibt z.B. tolle Bildungsangebote wie @volksverpetzer, wo Fake News entlarvt werden, oder international @shityoushouldcareabout, wo politische Inhalte leicht verständlich erklärt werden. Unterhaltung allgemein gilt oft als negativ und diese Debatte wird in Deutschland schon stark geführt.

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Wenn man schon sehr bekannt ist, muss das auf Instagram nicht unbedingt eine Rolle spielen. Bernie Sanders etwa kann Instagram auch nutzen, um irgendwelche Twitter-Sätze zu wiederholen. Er teilt nichts Persönliches, aber er ist vermeintlich authentisch, auch weil er einfach so eine ausdrucksstarke Person ist. Das sind aber die wenigsten, und wenn man nicht schon prominent ist, ist es auf jeden Fall hilfreich, auch private Inhalte zu teilen. Wer gar nicht bereit ist, über Persönliches zu sprechen, wird es schwer haben bei Instagram. Menschen folgen den Accounts von einzelnen Personen auch deutlich lieber als etwa Parteien.

Was heißt das für Politiker, die Privates privat halten wollen oder sich nicht dem potenziellen Hass der User aussetzen wollen, den ja die meisten Frauen in der Social-Media-Öffentlichkeit unweigerlich erleben?

Es gibt da Spielraum. Die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, ein amerikanisches Paradebeispiel was politische Instagram-Nutzung angeht, teilt zum Beispiel eigentlich auch nichts wirklich Privates, aber sie kocht etwa bei sich zu Hause und spricht nebenher mit ihrem Live-Publikum. Sie gibt jetzt aber keine Haus-Tour oder Einblick in ihr Privatleben. Aber es ist schon wichtig, Dinge zu erzählen, die nicht schon über andere Medien publiziert wurden. Dass man Leute zum Beispiel hinter die Kulissen mitnimmt. Das heißt nicht, dass man sein Innerstes nach außen kehren muss. Im deutschsprachigen Raum gewährt zum Beispiel die Moderatorin Aminata Belli immer wieder Einblicke hinter die Kulissen von Fernseh- und Medienproduktionen.

Auch in Deutschland sind immer mehr Politikerinnen und Politiker bei Instagram aktiv, mit den Amerikanern ist das aber noch lange nicht vergleichbar. Woran liegt das?

Es gibt hier eine große und berechtigte Skepsis, was den Datenschutz und die Sicherheit bei Instagram angeht. Ich habe eine Weile in den USA gelebt, da interessiert es weit weniger, was mit den Daten passiert. Und es ist aber auf jeden Fall auch eine Altersfrage. Oft scheint es auch einfach an Wissen zu fehlen, wie man erfolgreich mit Instagram Politik machen kann.

Es gibt Menschen, die sich von den klassischen Nachrichten abwenden, weil sie diese als zu negativ empfinden und nach Alternativen suchen: darunter auch Instagram, wo ein unbeschwerterer Blick auf aktuelle politische Ereignisse möglich ist und von der Plattform vielleicht auch forciert wird. Wie wichtig ist Instagram für den Journalismus?

Es gibt tatsächlich die Chance, hier in einem besonderen Umfeld wichtige Inhalte zu vermitteln. Als die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez ihre Erfahrung beim Sturm auf das Kapitol in einem Live-Video schilderte, ging das anschließend durch viele Medien, auch in Deutschland. Für aktuelle Nachrichten ist sicher Twitter die richtige Adresse. Aber wenn man Hintergründigeres, Persönliches machen will, dann kann Instagram ein guter Ort dafür sein, sowohl für politische Aktivist:innen als auch für Journalist:innen. Es gibt ja auch den sogenannten lösungsorientierten Journalismus, wo mehr konstruktiv als negativ berichtet werden soll, in diese Richtung kann es auch bei Instagram gut gehen. Generell sind verschiedene Medien aber ja nicht getrennt zu sehen. Bei der Berliner Zeitung z.B. gibt es auch die Internetseite, Social Media und das Print-Produkt, alle haben miteinander zu tun. Medien nehmen immer Bezug aufeinander. Und natürlich haben soziale Medien auch die Print-Medien schon verändert und werden es weiter tun.

Gilt das auch für die Politik? Verändert der Auftritt bei Instagram die politische Kultur? Wird sie vielleicht moralischer oder persönlicher?

Das kann ich so generalisierend nicht sagen. Bei so was kann man schnell Rückschlüsse ziehen, das sind aber oft Trugschlüsse. Da würde ich mich als Wissenschaftlerin lieber ein bisschen zurückhalten. Ich denke, dass sich etwas verändern wird, ist klar, weil die Leute sich digital auf Instagram anders präsentieren müssen und das hat sicher Auswirkungen auf die reale Politik. Man sollte aber zumindest aktuell den Einfluss von Instagram auf die Politik auch noch nicht überbewerten. Wir gehen in der Kommunikationswissenschaft nicht davon aus, dass medial vermittelte Kommunikation einen direkten Einfluss auf die Meinungsänderung hat. Mediale Kommunikation kann eher die Menschen aktivieren, die schon in eine bestimmte Richtung denken.

Was spricht gegen die Nutzung von Instagram?

Es muss einem einfach klar sein, dass Instagram unsere Daten sammelt und wir nie genau wissen, welche und für was. Das ist ein großes Problem. Genau wie die Tatsache, dass man sich extremen Anfeindungen aussetzen kann, die auch zu Bedrohungen im realen Leben führen können, wie Morddrohungen etc. Auch das Unterbinden der Meinungsvielfalt durch relevanzsortierende Algorithmen ist ein Problem, viel mehr als die vermeintliche Verflachung oder Trivialisierung von Inhalten.

Kann man sich als Politiker:in denn heute noch erlauben, bei Instagram nicht vorzukommen?

Ich bin natürlich keine Politikberaterin. Aber wenn man sich dafür entscheidet, dass man Politik bei Instagram machen will, muss man sich all der eben genannten Gefahren bewusst sein und bereit sein, mit dem Algorithmus zu tanzen. Und wer darauf keine Lust hat, dem würde ich raten, es ganz sein zu lassen. Allerdings besteht dann die Gefahr, irgendwann den Anschluss an eine jüngere Generation zu verlieren. Generell kann Instagram nur ein kleiner Baustein sein in einem größeren politischen Aktivismus. Wirklicher Aktivismus ist verknüpft mit anderen Ebenen und da muss man strategisch planen, wie kann ich es schaffen, dass Journalist:innen aufmerksam werden, wie übertrage ich das in Proteste auf die Straße? Dabei kann Instagram ohne Frage helfen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.