Berlin - Einen Aufsatz von Priya Basil zu lesen, ist, wie diese eine Sorte Konzert zu sehen: aufreibend, besänftigend, intim. Wo scharfe Töne und milde Melodien ineinanderfließen, stocken und wieder aufatmen lassen. Die Leserin folgt dem Galopp ihrer assoziativen Prosa, für einen Moment verschwimmt alles außerhalb des Blickfelds.

Diese Wirkung vermittelt auch ein Gespräch mit der Autorin. Basil, 44 Jahre alt, sitzt vor ihrem Laptop, weiße Stöpsel in den Ohren. Sie sitzt in Lenzburg, in der Schweiz, etwa 30 Kilometer westlich von Zürich. Selbst über die ruckelige Internetverbindung hinweg erzeugt sie mit ihren Sätzen eine Nähe, als säßen wir in einem Raum.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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Das Aargauer Literaturhaus hat sie von Mai bis Juli zu einem Gastaufenthalt eingeladen, für eine „Residenz“. Während der Pandemie verreist zu sein, komme ihr unwirklich vor, sagt Basil. Sie ist ein Gewohnheitstier, ein Mensch mit Routinen, vormittags arbeitet sie zurückgezogen.

Über Thomas Mann denkt sie auch nach

„Zum Glück lebe ich mit jemandem zusammen, der sehr spontan ist.“ Es geht um ihren Partner. Seinetwegen kam sie vor 20 Jahren nach Berlin, wo sie heute eigentlich lebt. Damals habe sie die Stadt genossen, weil sie den Wandel spürte. Da begann sie auch mit dem Schreiben. Dass sie sich einen Gewohnheitsmenschen nennt, kommt überraschend, denn ihre Biografie deutet das Gegenteil an. Ortswechsel waren der Takt ihrer Jugend. Basil ist in London geboren, ihre Eltern zogen nach Nairobi, Kenia, als sie ein Jahr alt war. Die Familie lebte dort als Teil der indischen Community, in einer Blase. 

Als sie 16 Jahre alt war, kam Basil nach London zurück, besuchte ein Internat. In den folgenden Jahren erlebte die Familie eine finanzielle Krise, die so schwer war, dass auch ihre Eltern zurück nach England zogen, um Sozialhilfe zu beziehen. Trotzdem ging sie an die Uni, studierte englische Literatur in Bristol. Ist ihr deshalb Routine heute so wichtig? „Ja, vielleicht“, sagt Basil, Routine gebe ihr Sicherheit. Viel mehr als das Pendeln zwischen den Regionen, sagt sie, habe sie aber die Erfahrung mit der englischen Viel-Klassengesellschaft geprägt, in der sie auf einen Schlag nach unten gerutscht sei.

Womöglich ist Priya Basil deswegen so gut darin, die Perspektive zu wechseln. Kaum eine Frage beantwortet sie, ohne wenigstens kurz nachzudenken. Sie habe eine Anfrage bekommen, über Thomas Mann zu schreiben. Erst wollte sie ablehnen, im Affekt. Wozu über einen alten weißen Mann nachdenken? Dann habe sie aber innegehalten. Basil entschied sich um, jetzt ist Thomas Mann in Lenzburg dabei.

Zur Kategorie „Frau“ hat sie gemischte Gefühle

In den vergangenen Jahren las und verarbeitete sie bewusst Schriftstellerinnen, Philosophinnen – die Stimmen von Frauen. Dafür gibt es viele Gründe. „Die Welt ist zum Vorteil von Männern strukturiert“, sagt sie. Und: „Ich weiß nicht, wie ich nicht das Gefühl haben soll, zu verlieren, wenn überall auf der Welt Rassisten und Frauenhasser, Faschisten und religiöse Fanatiker gegen unsere Rechte ankämpfen und diesen Kampf scheinbar gewinnen“, schreibt sie. Und zwar in ihrem Essay „Im Wir und Jetzt. Feministin werden“, dessen deutsche Übersetzung gerade bei Suhrkamp erschienen ist. Die Betonung liegt auf dem „Werden“, sagt Basil. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten sucht sie nach einer Definition, ihrer Position gegenüber jener Haltung, die man „Feminismus“ nennt. Geht es um die Freiheit zur Entscheidung? Zur Karriere? Um MeToo?

Feminismus sei die „Fähigkeit, die Fragen sämtlicher Frauen so zu behandeln, als könnten sie die eigenen sein“. So lautet schließlich eine Antwort. Zur Kategorie „Frau“ habe sie gemischte Gefühle, sagt Basil. Sie sehe den Einfluss nicht-binärer Identitäten als entscheidend im Feminismus – und doch ist „Frau“ aus ihrer Sicht der politische Kampfbegriff, aus dem heraus es zu handeln gelte.

Basil wuchs zwischen zwei Frauen auf

Die intellektuelle, kämpferische Analyse des Feminismus ist der Schwerpunkt des ersten Teils in ihrem Buch. Der zweite Teil fällt intimer aus. Basils Instrument, „schwierige Sachen wie Grenzen, Identitäten, Zugehörigkeit anders begreifbar zu machen, diskutieren, erleben zu können“, sei der Bezug auf die Sinnlichkeit, sagt sie. So hat sie auch eine „unmögliche“ Erfahrung verarbeitet: 2020 hat Basil mit 38 weiteren Frauen eine Ausgabe der Vogue konzipiert. Entscheidend, sogar Bedingung für die Ausgabe war eine plurale Herangehensweise. Es ging darum, die alten Skripte, Ästhetiken und Bilder der Modeindustrie zu brechen und eine Vielzahl von Frauentypen zu zeigen. Das sei gelungen, sagt Basil, wenn das überhaupt eine Wertung sei. Denn der Umgang mit dem Risiko, sich als Feministinnen überhaupt auf ein solch urkapitalistisches Projekt wie eine Modezeitschrift einzulassen, war vielleicht sogar wichtiger als das Ergebnis selbst.

„Wir wollten nicht warten, bis der Kapitalismus vorbei ist“, sagt Basil. „Aber wir konnten so tun als ob.“ So ist das mit der Theorie und der Praxis. Bei Priya Basil ebenfalls: Ihre Analysen sind scharf, mitunter radikaler als sie selbst, sagt sie. Ihr Engagement bei „Authors for Peace“, ihr Einsatz für einen europäischen Feiertag, für die Integration von Geflüchteten ist bürgerlich, friedlich.

„Es geht im Leben auch darum, sich selbst in Beziehung zu Positionen zu setzen, die man nicht teilt – oder nicht versteht“, sagt Basil. Diese Überzeugung hat einen biografischen Bezug. Basil wuchs mit zwei Frauen auf, ihrer Großmutter und ihrer Mutter. Die eine stolz und eitel, „die nie die Erwartungen an sie erfüllte“. Basil schließt die Augen, lächelt. Und dann die Mutter, die leise, viel zu großzügige Frau, sagt sie sanft. Und der (Groß-)Vater? „Ja, den gab es auch“, sagt Basil. Und lächelt wieder.

Dieser Text ist in Kooperation mit Radioeins vom RBB, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg und der Aktion „Bücherfrühling“ entstanden. Verlage und Buchhandlungen in der Region laden vom 23. bis 30. Mai dazu ein, neue Bücher zu entdecken und gemeinsam den Bücherfrühling 2021 zu feiern (https://stadtlandbuch.de/buecherfruehling/).

Programmhinweis: Am Sonntag, den 23. Mai, spricht Priya Basil in der Radioeins-Büchersendung „Literaturagenten“ zwischen 18 und 20 Uhr mit Thomas Böhm und Marie Kaiser über ihre aktuelle Veröffentlichung „Im Wir und Jetzt: Feministin werden“ (Suhrkamp, Berlin 2021, 175 S., 14 Euro).

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.