Berlin -  Pünktlich zum Sommer scheint die dritte Corona-Welle in Deutschland besiegt: Die Inzidenzen sind republikweit einstellig, in nicht wenigen Landkreisen gibt es sogar gar keine Neuinfektionen mehr. Der harte, gemeinsame Kraftakt – er zeigt nun endlich spürbare Erfolge. Prompt fordern Verantwortliche in der Politik, das Land endlich wieder vollständig zu öffnen. Ist das der richtige Weg?

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Am 10./11. Juli 2021 im Blatt: 
Nach Afghanistan-Fiasko: Wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer die Soldaten für ihre Agenda missbraucht

Berlin Strippers Collective: Wie sich eine Gruppe von Sexworkern vom männlichen Diktat befreit

Sind die Berliner Schulen noch zu retten? Warum nach dem Sommer der nächste Kollaps droht

Steckt hinter den Attacken gegen Annalena Baerbock eine Kampagne?

Seeeehr guter Fisch in Moabit! Und: Weiter geht die Suche nach dem besten Chinalokal

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Pro

Ab dem 19. Juli bietet England Zeitreisen an. Wer das Land besucht, kann dann erleben, wie es früher war, vor der Pandemie. Denn am Montag in einer Woche sollen alle Corona-Restriktionen fallen. Abstandsgebote, Maskenpflicht und andere AHA-Regeln gelten dann nicht mehr. Clubs können wieder aufmachen, Konzerte ohne Zuschauerbeschränkungen stattfinden, man darf die Welt wieder riechen und anfassen.

Und die Vorstellung, dass wir zurück in die Normalität können, weckt auch hierzulande Begehrlichkeiten. Diese Woche verlangte Außenminister Heiko Maas ein ähnliches Vorgehen: „Wenn alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben, gibt es rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung,“ sagte er. Das sei im August zu erwarten. Prompt wurde er vom Gesundheitsminister zurückgepfiffen. Jens Spahn rechnete vor, dass der August wegen der Impfabstände gar nicht infrage komme. Das mag sein. Aber nur, weil Maas Mathe nicht kann, ist der Lösungsweg doch der richtige: Wenn jeder ein Impfangebot erhalten hat, muss das Land wieder öffnen.

Die Gegner der Öffnung argumentieren gern, dass nur, weil jeder ein Angebot hatte, nicht auch jeder geimpft sein wird. Das stimmt, ist aber nebensächlich. Denn Bürger sind keine Mündel des Staates, über deren Gesundheit er das Recht hat, gegen ihren Willen zu verfügen. Erwachsene Staatsbürger können, ja müssen, selbst entscheiden, wie sie mit ihrem Körper umgehen. Sie sind der Souverän. Sie wählen die Regierung, sie bestimmen über ihre Körper.

Apropos erwachsen: Bisher dürfen Kinder und Jugendliche nicht geimpft werden. Die Stiko ist da langsamer – wer es freundlich formulieren will, vorsichtiger – als ihre Pendants in anderen Ländern. Hier braucht es Tempo. Doch wahr bleibt: Es hat sich zu keiner Phase der Pandemie  gezeigt, dass das Virus und all seine Mutanten für Minderjährige gefährlich wären. Die Jungen haben über Monate Solidarität gezeigt, damit ihre Eltern und Großeltern nicht angesteckt werden. Wenn die älteren Generationen die Chance hatten, sich zu impfen, ist diese Pflicht erfüllt. Das Land muss gerade für die Jugend endlich geöffnet werden. Sie haben viel nachzuholen.

Nun ist viel von der Delta-, Delta Plus- und Lambda-Variante die Rede. Ansteckender seien sie und würden auch doppelt Geimpfte infizieren. Und tatsächlich gehen Infektionszahlen teilweise hoch. Doch die Verläufe sind nicht mit denen aus dem Winter, aus der Zeit vor den Impfkampagnen vergleichbar. Das Risiko bei vollem Impfschutz beatmet werden zu müssen, gar zu sterben, bleibt sehr gering. Sollten die Impfungen gegen zukünftige Mutationen wirklich nicht mehr wirken, müssen neue Einschränkungen kommen.

Vielleicht ist die Ablehnung des britischen Modells aber auch nicht direkt gesellschaftlich oder wissenschaftlich begründet, sondern speist sich aus einer Abneigung gegen den britischen Premier. In den Stadien der Fußball EM gewinnen die Engländer nicht nur, es jubeln ihnen auch Zigtausende Landsleute zu. Boris Johnson und Prince William jubeln mit. Sie haben offenbar keine Angst um sich, ihre Kinder oder die Großmutter, -- also die Queen. Vielleicht mag man es sich einfach nicht eingestehen, dass der hemdsärmelige und ungestüme Premier nicht nur bei der Impfkampagne schneller und erfolgreicher war als die EU, sondern auch bei der Öffnung des Landes zuletzt lacht.

Die Wahrheit ist, keiner kann genau sagen, wie es mit der Pandemie in den nächsten Monaten weitergehen wird. Epidemiologen und Virologen hatten mal recht, mal haben sie sich getäuscht. Modellierungen sind unzuverlässig. Alle fahren mehr oder weniger auf Sicht. Wir müssen sicherstellen, dass wir auf etwaige neue Ausbrüche neuer Mutanten vorbereitet sind, Stichwörter Krankenhausinfrastruktur und Digitalisierung. Was wird aber nicht tun dürfen, ist jedes Risiko zur Gewissheit verklären. Denn Risiken werden immer bleiben. Vielleicht müssen wir uns an diese Einsicht, auch anderthalb Jahre seit Beginn der Pandemie, immer noch gewöhnen. Aber so ist das Leben freier Menschen in einer unberechenbaren Welt. Moritz Eichhorn

Kontra

Hallöchen, ich bin’s wieder, die nervige Soli-Tante. Schon Ende März fragte ich bestürzt an dieser Stelle: Wo ist eure Solidarität geblieben? Wiederhole diese Frage heute, Anfang Juli, und ergänze um: Wo bleibt eure Weitsicht? Will damit abermals ein bisschen den Spaß verderben.

In einer sich abkühlenden Pandemiephase ist es verständlich, auch mal wieder über Öffnungen zu plaudern, ja von dieser heilen Welt „von früher“ zu träumen. Es tut ja auch der Seele gut, in der Pandemie eh schon ein grob vernachlässigtes Körperteil. Dass Grundrechte nun nicht mehr massenweise außer Kraft gesetzt, stattdessen mehr oder weniger wieder Alltag sind, ist – neben dem Wohlbefinden der Bevölkerung – der größte Erfolg der Pandemiebekämpfung. Wegen all dieser hart erkämpften Fortschritte nun aber die komplette Öffnung zu wollen, ja zu fordern, ist mehr als blauäugig.

Wir befinden uns nur in einer kühlen Pandemiephase, zu Ende ist dieses Grauen noch lange nicht. Je kurzsichtiger wir jetzt handeln, desto später erwachen wir aus diesem eh schon viel zu lange dauernden Albtraum. Wie oft muss man das eigentlich wiederholen? Oder ist Weitsicht im beginnenden Wahlkampf ein überzogenes Anliegen? Bundesaußenminister Heiko Maaß (SPD) fantasiert bereits bei der Deutschen Presse-Agentur über Öffnungsorgien, um es im merkelschen Bonmot auszudrücken. „Wenn alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben“, sagte er, „gibt es rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung“. Spätestens im August sei das der Fall. Er vergisst: Ein Impfangebot ist kein wirksamer Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Bis dahin können auch mit Angebot noch Monate vergehen. Warum rechtfertigt er also nicht gleich erst den Herbst? Liegt aber vermutlich ungünstig im Zeitraum nach der bevorstehenden Bundestagswahl.

Langsam dünnt sich auch die Masse der Impfwilligen aus, bald muss ernsthafte Überzeugungsarbeit geleistet werden, um Kritische zum Piksen zu bewegen. Mit der Aussicht auf baldige Öffnung erweckt die Politik bei Impfzögerlichen aber den trügerischen Eindruck, dass es auch ohne Besuch im Impfzentrum vorangeht, die Pandemie auch so bezwungen werden kann. Dabei ist konsequentes Durchimpfen die sicherste aller Maßnahmen!

Wie gefährlich politische Kurzsichtigkeit ist, zeigt doch gerade Großbritannien. Im April wurde schrittweise geöffnet, den 19. Juli hat sich Boris Johnson im Kalender sogar groß als „Freedom Day“ angestrichen. Dann soll alles öffnen, Masken- und Abstandspflichten obendrein entfallen. Doch das Vereinigte Königreich ächzt unter einer Inzidenz von knapp 300, 30.000 Neuinfizierte pro Tag, trotz einer Impfquote von über 50 Prozent. Die Delta-Variante rast durchs Land, die kickenden Männer haben mit ihrer Europameisterschaft auch mehr als nur Fußballfieber auf die Insel gebracht. Johnsons Regierung experimentiert mit der eigenen Bevölkerung. Unvollständig und gar nicht Geimpfte werden massenweise krank. Gleichzeitig wütet Delta auch bei doppelt Geimpften. Gerade bei dieser Gruppe lernt Delta dazu, entwickelt sich zur Super-Variante: Bisher entwickelte Antikörper sind so bald machtlos und die Pandemie beginnt von vorn.

Dass man jetzt noch nicht laut nach einer kompletten Öffnung schreit, gebietet daneben auch der Anstand Jüngeren gegenüber. Wo ist die Solidarität mit denen, die bisher solidarisch waren? Vor allem Jüngere sind es, die noch kein Impfangebot bekommen haben und für die es auf absehbare Zeit auch erstmal keins geben wird. Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene haben eineinhalb Jahre für sie einzigartiger Lebenszeit verloren! Solidarisch verzichtet, auch auf Bildung. Viele aufregende erste Male haben sie verpasst. Einschulungen, Volljährigkeiten, Schul-, Ausbildungs- und Universitätsabschlüsse mussten einsam hinter Pandemiemauern verbracht werden, um besonders gefährdete Mitmenschen zu schützen. Mucksmäuschenstill – weil ohne zahlungskräftige Lobby – haben sie politische Vernachlässigungen hingenommen. Kaum ist die größte Gruppe der Wählenden durchgeimpft, in scheinbarer Sicherheit, ist von dieser von der Politik so oft beschworenen Solidarität nichts mehr zu hören. Wieder mal ein Beweis, dass die jüngsten und jungen Menschen in diesem Land keinen Wert haben. Zurück zur sich öffnenden Normalität sollte es aber eben nur gemeinsam gehen können, was ist daran eigentlich nicht zu begreifen? Maxi Beigang

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.