PRO

Berlin - Erst am vergangenen Sonnabend hatte die Berliner Landesregierung ein ganzes Paket neuer Corona-Regeln beschlossen, und nun sollen die Vorgaben noch mal verschärft werden. Es ist müßig, die Sache hier im Einzelnen aufzudröseln – seit Mitte Dezember hangeln wir uns von Lockdown-Etappe zu Lockdown-Etappe, der Lockdown ist praktisch zum Dauerzustand geworden – und der Weg dabei immer mehr zum Ziel. Oder glaubt jemand ernsthaft daran, dass nach alldem gelebten Unvermögen der Regierenden in den vergangenen Wochen noch irgendwer mit einer Strategie um die Ecke kommt, wie die steigenden Infektionszahlen einzudämmen sind?

Insbesondere die sogenannten Ministerpräsidentenkonferenzen, diese nächtlichen Runden, in denen die Länderchefs und Länderchefinnen mit der Bundeskanzlerin darüber beraten, was getan werden muss, sind nicht mehr als Symbolpolitik. Fällt da eigentlich irgendjemandem irgendwas ein – außer dem gewiss harten Lockdown einen jetzt aber leider noch ein bisschen härteren Lockdown folgen zu lassen? Bisschen wenig.

Nach einem Jahr in diszipliniert ertragener sozialer Isolation und emotionaler Armseligkeit hätte man mehr verdient: Konzept, Kreativität, Perspektive. Das Ganze erinnert ein wenig an die deutsche Fußballnationalmannschaft unter Rudi Völler, als mit jedem Spiel dem absoluten Tiefpunkt ein noch tieferer Tiefpunkt folgte. Ein Albtraum!

Gerade die fehlende Perspektive ist ein Problem: Davon, dass wir in absehbarer Zeit alle „durchgeimpft“ sein werden, traut sich sowieso niemand mehr zu reden. Auch die Beschwörung: „Wenn wir die paar Wochen jetzt noch überstehen, dann sind wir im Frühjahr, im Sommer, im Herbst überm Berg“, klingt nur mehr wie genau das – eine Beschwörung. Man muss es aussprechen: Was wirklich nötig wäre, müsste über alle bestehenden Corona-Verordnungen hinausgehen – wäre aber nur in einem totalitären Überwachungsstaat durchsetzbar. Also muss man Alternativen zum Lockdown entwickeln. Denn sind wir mal ehrlich: Das Virus wird noch sehr lange unter uns sein, vermutlich so lange, bis annähernd jeder damit in Berührung gekommen ist. Wir werden kreativ damit umgehen müssen.

Einer, der das tut, ist Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen. Dort ist schon seit Mitte März möglich, was nicht mehr möglich schien: Kneipen, Restaurants und Cafés dürfen öffnen, die Menschen dürfen in der Innenstadt shoppen gehen, abends ins Theater, ins Kino. Die Voraussetzung: ein negativer Corona-Schnelltest, der als digitales Tagesticket bescheinigt wird. Dafür kann man sich an neun Stationen in der Tübinger Innenstadt kostenlos testen lassen. Binnen 20 Minuten hat man das Ergebnis – und im Zweifelsfall sein Ticket in die vorübergehende Freiheit.

„Öffnen mit Sicherheit“ heißt das Modellprojekt, das bis Mitte April laufen soll und von der Universität Tübingen wissenschaftlich begleitet – und bundesweit aufmerksam beobachtet wird. Halten sich die Infektionszahlen in Grenzen – Zwischenergebnis: Sie steigen durchaus, bleiben aber deutlich unter dem Landesniveau –, wollen etliche Städte nachziehen.

Auch Berlin, wo der Bezirk Mitte derzeit gemeinsam mit der IHK ein Konzept zumindest für Restaurantbesuche entwickelt. Noch ist das Ganze in der Konzeptionsphase, aber auch hier soll eine spezielle Diagnose-App nach einem negativen Corona-Test als Art Tagespass genutzt werden. Und auch hier soll das Projekt wissenschaftlich begleitet werden. Schon im Mai könnte ein Testlauf starten – vorausgesetzt, die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt bis dahin auf ein vertretbares Maß: Mit etwas über 140 ist sie noch annähernd doppelt so hoch wie in Tübingen.

Eiserne Disziplin also bis Mitte Mai, um dann vielleicht mal wieder an der Normalität zu schnuppern respektive einem Schweinebraten im Biergarten unserer Wahl – das ist doch wenigstens mal eine Perspektive. Um mehr geht es doch gar nicht, als die nun ein Jahr lang in dumpfer Duldsamkeit ertragene Heimsuchung wenigstens mit einem Funken Tröstung und Zuversicht zu versehen. Ostern ist für so was nicht der schlechteste Zeitpunkt.

KONTRA

Berlin - Ich würde mich nicht wundern, wenn diese Gegenmeinung nicht gelesen wird. Denn die Menschen wissen genau, was auf sie zukommt: Seid geduldig. Nur gemeinsam schaffen wir das. Das Virus legt keine Pause ein. Haltet durch! Bleibt zu Hause. Vermeidet Kontakte. Appelle, die sich seit einem Jahr wie ein roter Faden durch Medienberichte ziehen, und die viele nicht mehr lesen oder hören können.

Die Meinung vieler Menschen wird man auch nicht mehr ändern können. Die Fronten sind ein für alle Mal verhärtet in dieser Pandemie. Das hat sich bereits in der ersten Welle mit den Masken angebahnt. Entweder man war für das verpflichtende Tragen des Mund-Nasen-Schutzes im Nahverkehr – oder dagegen. Im Kern geht es bei der aktuellen Öffnungsthematik um dasselbe, nur sind die Teams anders benannt: „So viel Freiheit wie möglich“ gegen „Alles Einschränken was geht“.

Ich finde das Tübinger Modell sinnvoll, weil es sich um ein wissenschaftlich begleitetes Projekt handelt. Im Labor wird erforscht, ob die Schnelltests wirklich so aussagekräftig sind, wie die Hersteller das angeben. Auch werden die Tests auf Mutanten überprüft, sprich wenn neben der britischen Linie B.1.1.7 noch eine andere sich rasant ausbreiten sollte, wird man das schnell erfahren. Die Daten sollen im Anschluss evaluiert werden.

Es ist aber irre zu glauben, dass bei dem derartigen Infektionsgeschehen, wo die Fallzahlen von Tag zu Tag steil steigen, die Intensivstationen von Bett zu Bett überlastet werden, lokale Öffnungsstrategien den ultimativen Weg aus dem Lockdown aufzeigen sollen. Das tun sie nicht. Es ist ein Versuch, der nicht einfach mal so auf andere Regionen, oder ganz Deutschland, übertragen werden kann. Trotzdem wollen mehr als 100 Städte das Modell ausprobieren. In einer Phase, wo eine tödlichere Virus-Mutation, sogar junge Menschen (Kinder!), verstärkt befällt, sich mit Freifahrtscheinen rühmen? Wohin soll das führen?

Die Bevölkerung bekommt durch den „Öffnungsneid“ eine falsche Vorstellung davon, was es heißt, mit dem Virus zu leben. Die eingesetzten Schnelltests für mehr Normalität picken hochinfektiöse Menschen, also Superspreader heraus, ja. Infektionsketten werden schneller durchbrochen. Besonders sinnvoll ist ihr Einsatz in Schulen, Kitas, Pflegeeinrichtungen. Schnelltests sind aber NICHT dafür da, sich negativ „frei zu testen“. Das glauben viele. Sie lassen die Masken fallen, halten sich nicht mehr an die Abstandsregeln. Das kann man auch auf den vielen Fotos sehen, die in Tübingen aufgenommen wurden. So kommt es zu weiteren Ansteckungen, die glücklich in Kauf genommen werden.

Viele haben kein Vertrauen mehr in die Politik, halten sich vielleicht nicht mehr freiwillig an die Regeln. Ich spreche hier von Leuten, die monatelang verzichtet und ihre Familien und Freunde nicht gesehen haben. Sie haben es satt. Und ich kann es ihnen nicht übel nehmen.

Die Bundesregierung hat mit ihrer Ideenlosigkeit, dem Impftempo in Schneckengeschwindigkeit und der wohl miserabelsten Krisenkommunikation aller Zeiten dafür gesorgt, dass wir da stehen, wo wir heute stehen. Mitten in der dritten Welle. Brechen können wir sie nicht, indem wir verlangen, dass schneller geimpft wird. Oder es eine bessere Kontaktverfolgung geben muss – das tun wir schon seit langem. Sondern nur, indem wir individuell handeln und nicht erst darauf warten, dass Politikerinnen und Politiker einen harten Shutdown durchsetzen.

Ich bin mir sicher, dass die meisten von uns den Kampf nicht aufgegeben haben und ihren eigenen, kleinen Lockdown durchziehen. Sich solidarisch verhalten und sich weiterhin isolieren – eben kein Risiko eingehen, indem sie für ein Radler im Biergarten oder ein paar Jeans quer durch Berlin zu den Testzentren fahren und danach in die Innenstädte strömen. Ihnen ist bewusst: Es geht um unsere eigene Gesundheit, um die unserer Kinder, unserer Partnerin oder unseres Partners, es geht um unsere Eltern und Großeltern, um unsere Geschwister, Nachbarn und Freunde. Es geht um Leben und Tod. Ich kann nur hoffen, dass das „andere Team“ das schnell (wieder-)erkennt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.