Berlin - Die Impfungen kommen schleppend voran. Dennoch ist ein mögliches Ende der Pandemie absehbar. Sollten Menschen, die geimpft sind, neue Freiheiten zugesichert bekommen? Ein Pro und Contra.

Pro

Es war richtig, abzuwarten. Und nicht nach den ersten Impfungen sofort darüber zu diskutieren, ob Menschen, die ihre Spritzen hinter sich haben, in ein Leben ohne Einschränkungen zurück dürfen, wieder feiern, reisen, geimpfte Freunde empfangen, und zwar so viele, wie sie finden können. Man musste abwarten, weil lange kein Forscher wusste, ob die Impfungen auch die Gefahr verringern, dass Menschen zu Überträgern des Coronavirus werden. In den Studien, die vor der Zulassung vorlagen, war das nicht untersucht worden. Man wusste nur, dass die Impfstoffe zuverlässig davor schützen, schwer krank zu werden und an Covid-19 zu sterben.

Die Wissenslücke war auch angenehm. Mit ihr konnten Debatte abgebogen werden, die allen schlechte Laune machen, schon weil das furchtbare Wort „Impfprivilegien“ in ihnen auftaucht. Es ist kein Privileg, ein normales Leben führen zu dürfen. Es geht nicht um Sonderrechte für Geimpfte, sondern schlicht darum, dass sie Grundrechte zurückerhalten, wenn es keinen Grund mehr gibt, sie einzuschränken. Dank der Wissenslücke konnten Politiker lästigen Fragen entkommen. Wie umgehen mit Menschen, deren Körper die volle Impfdosis erhalten hat? Man weiß nicht, ob die nicht doch ansteckend sein können! Damit war alles gesagt.

Nun hat das Robert-Koch-Institut (RKI), Deutschland oberste Seuchenbekämpfungsbehörde, die Wissenslücke für geschlossen erklärt. In einem Brief, unterschrieben von RKI-Chef Lothar Wieler. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand, heißt es darin, sei „das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen.“

Der Brief beschäftigt sich nicht mit anderen Sorgen, die manche Forscher äußern: Die vor Mutanten des Virus, die auch geimpfte Menschen befallen und sich durch sie verbreiten könnten. Die davor, dass in Geimpften selbst neue gefährliche Mutanten entstehen könnten. Aber man kann wohl vom RKI erwarten, dass es sich auch damit befasst? Wenn es bei seiner Einschätzung bleibt, wenn Virologen und Experten für das Immunsystem die Sache genauso sehen, dann kann die unangenehme Debatte nicht weiter aufgeschoben werden.

Nehmen wir an, es stimmt, was das RKI schreibt: Man könnte Doppeltgeimpften eher vertrauen wie Menschen mit negativen Schnelltest. Viel hängt in Deutschland ja inzwischen von diesen Tests ab. Wenn sie negativ sind, das Ergebnis offiziell bestätigt wird, kann man in Berlin zum Frisör gehen, ins Museum, ins Kaufhaus sogar, und das mitten in der dritten Welle. Dabei sind sie fehleranfällig, mit ihnen kann man vor allem herausfinden, ob jemand gerade hochansteckend ist.

Neben Bescheinigungen über Schnelltests müssten Bescheinigungen über den Impfstatus her. Wie sie aussehen könnte, sollten sich Politiker überlegen, denn etwa sechs Prozent der Menschen in Deutschland sind schon zweimal geimpft. Wenn von ihnen fast keine Gefahr mehr ausgeht, warum sollten sie nicht ins Museum oder ins Kaufhaus dürfen? Um das Restrisiko weiter zu senken, und weil man nicht vor jeder Statue kontrollieren kann, wer schnellgetestet und wer geimpft ist, sollten sie weiter Masken tragen.

Die Debatte, die sich nicht um den wissenschaftlichen Stand dreht, sondern um die gesellschaftlichen Folgen, wird mitunter „Gerechtigkeitsdebatte“ genannt. Es sei unfair, Menschen ihre Grundrechte zurückzugeben, während Millionen andere nicht mal einen ersten Impftermin in Aussicht haben. Abgesehen davon, dass die Einschränkung von Grundrechten begründet werden muss, nicht ihre Gewährung: Ist unsere Vorstellung von Gerechtigkeit wirklich, dass alle gemeinsam leiden müssen, bis es für alle vorbei ist?

Die Dinge, nach denen wir alle uns sehnen, werden nicht aufgebraucht, weil einige sie eher erleben dürfen. Wenn man nichts ins Restaurant kann, in die Oper, ins Kino, weil das Risiko zu hoch ist, sich dort mit dem Virus anzustecken oder es weiterzugeben, tröstet es einen, dass auch sonst niemand hindarf? Zumal die Menschen, die in Deutschland schon zweimal geimpft sind, entweder über 80 sind, und nicht alle Zeit der Welt haben, ein bisschen Leben nachzuholen. Oder Ärztinnen, Pfleger von Intensivstationen, Beschäftigte aus Altenheimen, denen man nach 13 Monaten Pandemie jede Lebensfreude doppelt und dreifach gönnt.

Sobald die Frage, ob Geimpfte noch eine Gefahr für andere und den Pandemieverlauf sind, wissenschaftlich geklärt und mit Nein beantwortet ist, gibt es keinen Grund mehr, sie Einschränkungen zu unterwerfen. (Wiebke Hollersen)

Contra

Kurz nach Ostern saßen wir bei Freunden auf dem Dorf im Garten. Das Kind spielte Fußball und stolperte über Maulwurfshügel. Wir sprachen über die Vor- und Nachteile verschiedener Vertreibungsmethoden, die alle darauf abzielen, das Problem aus dem eigenen Garten zu exportieren. Die Freundin sagte: „Wir wollen die Maulwürfe gar nicht mehr vertreiben, weil wir sie so nur zu den Nachbarn jagen. Dann ärgern die sich – und das wäre nicht fair.“

Eine überraschende Denkweise: gar nicht egoistisch und ziemlich solidarisch. Eine Denkweise, die derzeit nicht unbedingt mehrheitsfähig ist, denn es tobt die Debatte darüber, ob Geimpfte neue Freiheiten genießen sollen dürfen. Eine erwartbare Debatte, die durchaus eine innere Logik hat. Aber es ist eine falsche Logik, denn es geht nicht um neue Freiheiten, sondern um alte – um die Basis des demokratischen Selbstverständnisses.

Leicht modernisiert könnte ein Sprichwort lauten: Vor Gericht, auf hoher See und vor dem Grundgesetz sollten alle Bürger gleich sein. Doch alle wissen, dass es in der Realität nicht immer der Fall ist. Da stellt sich die Frage, ob auf das Gleichheitsprinzip verzichtet werden sollte, weil Anspruch und Realität auseinanderfallen?

Auf keinen Fall. Denn bloß, weil etwas in der Realität nicht immer funktioniert, sollten gute Grundsätze nicht aufgegeben werden. Es gibt zum Beispiel auch den Grundsatz, dass nicht gemordet werden soll. Mord ist die Straftat, die am härtesten bestraft wird. Trotzdem wird gemordet. Aber niemand käme auf die Idee, nun zu sagen: Weil Einzelne weiterhin morden, können wir es gleich rechtlich freigeben.

Genau wie bei den Verboten ist es bei den Rechten. Auch diese sollten für alle gelten, deshalb heißen die wichtigsten Rechte, die das demokratische Zusammenleben erst lebenswert machen, auch Grundrechte. Und die sollten nicht verhandelbar sein. Sie müssen für alle gelten.

Gerade in Krisen ist gesamtgesellschaftliche Solidarität gefragt. Wenn die Politik einen Wettlauf um Privilegien einläutet, wird er ganz schnell ein Wettrennen um Impftermine. Dann werden nicht nur Egoisten bei der gesetzlichen Impfreihenfolge vordrängeln, dann werden es sehr viele beim Hausarzt versuchen. Das würde den Unmut weiter schüren.

Wenn Geimpfte nun als Erste wieder die guten alten Grundrechte genießen dürften, wäre dies eine zu einfache Lösung. Denn sie wären nicht nur privilegiert, weil sie bereits geimpft sind. Wenn ihnen auch erlaubt würde, in den Urlaub zu fahren, also das Grundrecht auf Reisefreiheit wieder zu genießen, wären sie doppelt privilegiert.

Und warum werden sie bevorzugt beim Impfen? Wegen des Alters und wegen Vorerkrankungen. Das ist kein Verdienst und auch nichts Positives.

Natürlich gibt es das Argument, dass alles getan werden sollte, damit möglichst schnell wieder Normalität eintritt, damit Läden, Kinos, Gaststätten, Betriebe, Theater, Hotels wieder öffnen dürfen. Damit vor allem kleine Betriebe nicht noch mehr Schaden nehmen, die von den groß angekündigten Hilfen des Staates oft nicht allzu viel abbekommen haben.

Es heißt, dass sie nun wenigstens von den Geschäften mit den Geimpften profitieren sollen, um zu überleben. Das klingt gut, ist aber ungerecht und oft auch absurd. Wenn etwa die Berliner Clubs für Geimpfte öffnen dürften, könnten dort derzeit nur Ü-70-Partys stattfinden. Die Einnahmen wären sicher überschaubar.

Den Geimpften die Privilegien zu verweigern, soll nicht bedeuten, dass die Wirtschaft weiter geschädigt wird; im Gegenteil. Es muss darum gehen, dass alle Bürger so schnell wie möglich all die Grundrechte zurückbekommen. Dafür müssen nicht einzelne Gruppen privilegiert werden. Sonst wächst der Unmut. Wenn etwa Theater endlich wieder öffnen dürften, wäre dies auch möglich, ohne die Nichtgeimpften auszuschließen. Die Geimpften halten als zweite Eintrittskarte ihren Impfausweis hoch, die Nichtgeimpften machen an der Tür einen Schnelltest. Dann sind sie beide gleichberechtigt. Der Test müsste genauso kostenlos sein, wie es die Impfung ist.

Es geht um eine schlaue Strategie aus Impfen, Impfen, Impfen sowie aus Testen und gut organisiertem Öffnen. Und: Bevor über neue Freiheiten debattiert wird, sollten erst mal unsinnige alte Beschränkungen aufgehoben werden.

Es gibt zum Beispiel ältere Bürger, die zwar beide Impfungen haben, trotzdem jedes Mal einen neuen Schnelltest machen müssen, wenn sie ihre Angehörigen im Pflegeheim besuchen. Solche Einschränkungen alter Freiheiten sollten schnell abgeschafft werden, sonst wächst der Unmut weiter. (Jens Blankennagel)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.