Berlin - Wahlrecht. Gleichberechtigung in der Verfassung. Selbst Kanzlerin. Die Frauenbewegungen der vergangenen hundert Jahre konnten weltweit große Erfolge feiern. Nur Sex im Patriarchat bleibt männlich. Weibliche Sexualität ist aber auch im 21. Jahrhundert noch ein Tabuthema. So perfektioniert, dass man kaum merkt, dass nicht drüber gesprochen wird. Lustvolle Frauen gelten als nymphoman, andere als schüchtern oder prüde. Die männlich-dominierte Gesellschaft bestimmt weiterhin, was normal ist und was nicht. Das Schlafzimmer ist dabei nur der verlängerte Arm gesellschaftlicher Machtkämpfe. Auch hier gewinnen Männer! Für viele ist selbstbestimmte weibliche Lust „Neuland“. Höchste Zeit, Sex auch feministisch zu hinterfragen.

Viele denken an Feminismus und sehen wütende, selbstbewusste, ihre Rechte einfordernde Frauen. Seien wir mal ehrlich: Im Patriarchat gelten fordernde Tussis kaum als reizvolle Subjekte für feuchte Träume. Frauen bleiben sexualisierte Objekte, egal ob im Alltag oder in der Werbung.

Doch Maskulinisten, die jetzt wütend jammern, dass Feministinnen ihnen nun auch noch das Bettgeflüster ruinieren wollen, dass diese höchst private Angelegenheit politisiert werden soll (was soll „feministischer“ Sex überhaupt sein?), ihnen kann an dieser Stelle die Hand gereicht und gesagt werden: „Jungs, beruhigt euch! Auch ihr profitiert.“ Eine kanadische Studie hat bewiesen, dass heterosexuelle Männer, die sich mit feministischen Werten im Alltag identifizieren, auch häufiger Sex haben. Feminismus als Aphrodisiakum? Die Antwort schon mal vorweg: Ja!

Der vorgespielte Orgasmus ist der Liebeskiller schlechthin

Eine andere Studie aus Großbritannien untersuchte dagegen das Geschlechterverständnis der heterosexuellen Teilnehmerinnen und ob sich dieses auf das Vortäuschen eines Orgasmus auswirkt. Und siehe da: Je unfeministischer die Dame, je stärker sie also von den „traditionellen“ Mann-Frau-Rollen überzeugt ist, desto öfter täuscht sie einen Orgasmus vor.

Auch das hat die Studie nämlich herausgefunden: Frauen, die glauben, dass der weibliche Orgasmus zur männlichen Befriedigung dazugehört, dass weibliches Kommen also eigentlich den Mann und nicht die Frau beglücken soll, faken öfter. Frauen, die sich aus dem Geschlechterkorsett befreit haben, stöhnen ihre sich entladende Erregung heraus – oder verzichteten eben auf peinlich-gespielte „Harry und Sally“-Momente, wenn es eben mal nicht so sein sollte. Denn, wenn Frauen vorspielen, die Gegenseite aber vor lauter Eitelkeit und Selbstbeschäftigung nicht merkt, dass sie gerade ohne Ticket im Theater gelandet ist, wie soll es dann besser werden?

Männliche Wunscherfüllungen sind der falsche Weg

Der Einfluss des Patriachats macht also noch nicht mal vorm Schlafzimmer halt. In einer Gesellschaft, die von Männern für Männer gemacht ist, kann auch das Liebesleben nur patriarchal geprägt sein. Frauen – insbesondere jüngere – haben Sex, von dem sie glauben, ihn haben zu müssen. Weniger den Sex, den sie selbst wollen. Feministischer Sex versucht, genau da anzusetzen. Frauen zu ermutigen, selbstbestimmt zu machen, was sie wollen. Weg von der männlichen Bestätigung „gut im Bett zu sein“, wenn dieses Gutsein sich nicht gut anfühlt. Was einfach klingt, ist im Patriarchat für Frauen kaum einfach umzusetzen.

Woher sollen Frauen wissen, was sich für sie gut anfühlt, wenn fast alles, was sie über Sex erfahren, mit einer Erwartungshaltung verbunden ist? Noch Anfang dieses Jahres signalisierte die Bravo auf den Onlineseiten des Dr.-Sommer-Teams, dass Mädchen einerseits die Wünsche der Jungs nur erfüllen sollten, wenn sie es wirklich wollen. (Ein schöner Tipp für halbwüchsige Teenager.) Im zweiten Satz wurde aber der Fragestellerin gleich klargemacht, dass sie ihm „sicher eine Freude machen würde“, wenn sie seine Wünsche erfüllt.

Der Unterschied zwischen Vulva und Vagina

Sogenannte Frauenmagazine geben Frauen Tipps, von denen – Überraschung – am Ende vor allem Typen profitieren, die auf selbst optimierte Frauen stehen. Dank der „Mission Summer Body“ (Jolie) werden Frauen zum „absoluten Liebes-Vamp“ (Joy) getrimmt, um dann natürlich die „besten Sexstellungen mit Orgasmusgarantie“ durchzuarbeiten. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gibt’s natürlich auch „Stellungen zum Abnehmen“ und welche, „die Männer besonders mögen“ (alles Jolie online).

Patriarchaler Sex ist also immer auch eng verbunden mit Bodyshaming. Die Kontrolle des weiblichen Körpers läuft zur Hochform auf: Frauen sind meist zu dick, zu dünn, zu klein, zu beharrt, selten „richtig“. Wie können Frauen mit „falschen“ Körpern aber unverkrampft Spaß beim Sex haben, wenn sie stets überlegen, ob der makellose Summer-Body auch richtig zur Geltung kommt? Magazine, die sich „Freude“ oder „Schöne“ nennen, sollten Frauen nicht stets so langweilig und hässlich finden, dass sie auf jedem Titel Optimierungstipps haben. Wenn schon der weibliche Körper in diesen Magazinen ständig eine Rolle spielt, warum nutzt man die Chance nicht für Körpertipps der anderen Art? Fast die Hälfte der Frauen kennt den Unterschied zwischen Vulva und Vagina nicht. Wie soll man aber etwas befriedigen können, dessen Namen man nicht kennt?

Beschämtes Schweigen oder wütende Abwehr

Auch ein großes Thema in Joy und Co: Fellatio. „Techniken, die ihn verrückt machen“, „Warum schlucken ihn anmacht“. Sollten von Ratschlägen in Magazinen, die sich an Frauen richten, nicht mehrheitlich, nun ja, Frauen profitieren? Wo bleiben Ratschläge wie „Techniken, die dich verrückt machen“, „So sagst du ihm, was dich anmacht“ oder „Warum ein Kuss immer nur ein Kuss ist“.

Die sexuelle Revolution der 68er wehrte sich gegen die damals herrschende Sexualmoral, spätestens seit den 80er-Jahren kämpfen Feministinnen und Feministen aber für eine neue Verhandlungsmoral. Dieser Kampf ist noch immer nicht gewonnen. Weibliche Selbstbestimmung und Autonomie beim Sex scheinen im aufgeklärten neuen Jahrtausend selbstverständlich, praktisch enden Gespräche über Sex aber auch bei Paaren oft in beschämtem Schweigen oder wütender Abwehr.

Die Verhandlungsmoral gilt für alle Geschlechter

Es geht heute nicht mehr darum, Grenzen von Staat und Kirche auszudiskutieren. Feministischer Sex versucht zu verhandeln, was für beide (oder mehrere) Partner und Partnerinnen die persönlichen Grenzen sind. Was ist ok, was nicht? Was will ich, was willst du, was wollen wir zusammen erleben? Anders als vor 50 Jahren ist es heute moralisch egal, was Menschen im Schlafzimmer machen, wichtig ist, wie sie es machen. Das setzt aber eben gleiche Machtverhältnisse voraus. Diskutiert und verhandelt werden kann nur, wenn beide, Mann und Frau, eine gleich starke – eine gleichberechtigte – Verhandlungsposition haben. Feministischer Sex ist immer Konsens.

Das geht nur, wenn Frauen und Männer versuchen, aus ihren erlernten Rollen auszubrechen. Jungs lernen aber, dass einfühlsame Männer Weicheier sind. Und Mädchen lernen, dass fordernde Frauen rechthaberische Tussis sind. Diese Rollen werden beim patriarchalen Sex beibehalten. Wer will schon gern rechthaberisch sein? Frauen fordern im Bett nicht, auf ihre Kosten zu kommen, weil sie auch sonst kaum lernen, sich mutig zu nehmen, was ihnen zusteht. Woher auch im Patriarchat? Dabei wäre das die wirkliche sexuelle Revolution: fordernde Frauen beim Sex. Kein sexualisiertes Objekt mehr, sondern selbstbestimmtes Subjekt.

Feministischer Sex gibt Frauen mehr Möglichkeiten, Männern aber auch. Niemand ist per se passiv oder aktiv. Verführen und initiieren, aber auch ablehnen sollte allen Geschlechtern erlaubt sein. Die Verhandlungsmoral gilt für alle Seiten, gibt allen Geschlechtern Freiheiten. Am Ende ist feministischer Sex solidarischer Egoismus: Man denkt an sich, aber auch an das oder die Gegenüber.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.