Leipzig - Etwas putzig wirkte die Szene in Moskau: Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, für seine Telefonkonferenz (oder sollte man sagen: Audienz?) mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin auf einem feminin anmutenden Rokoko-Sofa platziert, hält etwas schüchtern einen Telefonhörer an sein Ohr. Es war die zweite hochpolitische Sofaszene in kurzer Zeit, nach dem Sofagate unter Beteiligung von Ursula von der Leyen in der Türkei. Zwei Sofaszenen, die auf wunderbare Weise illustrieren, dass die Machthaber am europäischen Rand ein diabolisch-schönes Gespür für die Schlagkraft der Bilder haben.

So verschüchtert Kretschmer auf dem mit einer idyllischen Jagdszene versehenen Tapisserie-Stoff auch aussehen mochte, er war in großer Mission nach Moskau gekommen. Den Reisehöhepunkt bildete die Eröffnung einer Ausstellung deutscher und russischer Malerei in Moskau. Doch es sollte auch um die Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Moskau gehen. Mehrfach bereits hat der Ministerpräsident für das Ende der Sanktionen gegen Russland geworben.

Die Sanktionen wurden 2014 infolge der russischen Annexion der Krim verhängt. Für die deutsche Wirtschaft insgesamt blieben die negativen Auswirkungen gering, in Sachsen jedoch war der Rückgang des Volumens der Exporte nach Russland deutlich zu spüren. Das zeigt auch eine Anfrage an die Bundesregierung durch den Linke-Politiker Dietmar Bartsch, der eine Aufschlüsselung der Entwicklung deutscher Exporte nach den Sanktionen erbat. Unter den ostdeutschen Bundesländern verzeichnet Sachsen das größte Außenhandelsvolumen mit Russland, im Jahr 2015 halbierte es sich im Vergleich zu 2013.

Man darf Putin nicht mit Russland verwechseln

Bestimmender noch als das Handelsvolumen und die Impfstoffbeschaffung mag die Stimmung in der ostdeutschen, insbesondere der sächsischen Bevölkerung gewesen sein. Viele Sachsen mögen Putins hemdsärmelige Politik und den von ihm buchstäblich verkörperten Wertkonservatismus, bei dem Männer noch „echte“ Männer sind und halbnackt auf wilden Pferden reiten. Diese seltsame Bewunderung, die man nicht mit Liebe verwechseln darf, erscheint widersprüchlich, sind viele Putin-Fans doch leidenschaftliche Gegner von Kommunismus und Marxismus (man erinnere sich: Putin war KGB-Offizier).

Weil der Name Putin jetzt so häufig fiel, sei an dieser Stelle auf das womöglich größte Missverständnis, sowohl aufseiten der hämisch als „Russlandversteher“ Gebrandmarkten wie auch auf der Seite der Russland-kritischen Stimmen, verwiesen: Allzu gerne verwechselt man Putin mit Russland, Russland mit Putin. Jeder Versuch der Verständigung, politisch wie zivilgesellschaftlich, muss daher zunächst einmal eine Trennlinie zwischen den beiden ziehen.

Offensichtlich kann man sich gute Beziehungen zu Russland wünschen, ohne unkritischer Putin-Verehrer zu sein oder in einen blinden Whataboutism zu verfallen. Einen Whataboutism à la „Ja, die Russen haben vielleicht völkerrechtswidrig gehandelt, aber die Amerikaner im Irak auch …“ Man kann russische Kränkungen verstehen, ohne jede daraus resultierende Handlung gutheißen zu müssen. Oder in moralische Indifferenz zu verfallen.

Viele Ostdeutsche können noch Russisch

Ansatzpunkte für deutsch-russische Verständigung gibt es derzeit vor allem auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Und hier kommt noch einmal Ostdeutschland ins Spiel. Wir vergessen, wie viel enger die kulturellen und zivilgesellschaftlichen Bindungen zu Russland im östlichen Teil der Republik sind. Was nicht heißt, dass jeder Ostdeutsche positive Ansichten gegenüber Russland hegt. Allgemein aber zeigt sich, dass Ostdeutsche weit mehr Erfahrungswissen in Bezug auf Russland besitzen.

Man kannte russische Soldaten, die in der DDR stationiert waren. Man reiste zu Studienzwecken nach Moskau, man las russische Romane, hatte Sprachunterricht. Auch wenn längst nicht jeder positive Erfahrungen damit verbinden mag, liegt hier ein Schlüssel für interkulturelle Kompetenz. Ein möglicher Schatz, der nicht gehoben wird, wenn es um die Frage politischer und zivilgesellschaftlicher Vermittlung geht.

Besonders Dresden unterhält historisch enge Verbindungen zu Russland

Noch weniger beachtet wird der Umstand, dass die Bruchlinien in den deutsch-russischen Beziehungen in Ostdeutschland und seinen Großstädten noch einmal stärker zu spüren sind, weil es hier große russische Gemeinschaften gibt – Russlanddeutsche und ihre Kinder. Allein in meinem Leipziger Abschlussjahrgang gab es Kurse, die zur Hälfte aus Schülern bestanden, die zwar in Russland geboren, aber in Deutschland aufgewachsen sind. Dass die Frage der Beziehungen zu Russland für diese Bürger nicht nachrangig ist, muss klar sein.

Übrigens ist Dresden auch in historischer Hinsicht Ankerpunkt deutsch-russischer Beziehungen. Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung „Träume von Freiheit“ in Moskau, die in Zusammenarbeit der Moskauer Tretjakow-Galerie mit dem Albertinum Dresden entstand und Arbeiten von russischen und deutschen Künstlern der Romantik präsentiert. Vertreten sind unter anderem Caspar David Friedrichs „Tetschener Altar“ oder „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“. Ruinenromantik kann man bei Carl Gustav Carus und seiner „Winterlandschaft mit verfallenem Tor“ sehen, während Maxim Nikiforowitsch Worobjov eine „Vom Blitz gespaltene Eiche“ zeigt.

Wie eine Antithese zur Weite der Naturszene – auch das Meer ist ein beliebtes Motiv –, wirken die Innenansichten mit Schwerpunkt auf Künstlerateliers. Das sieht alles reichlich unpolitisch aus, ist es aber nicht. „In der repressiven Situation der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts blieb Künstler*innen oft kaum eine andere Möglichkeit, als ihre freiheitlichen Ideale verklausuliert in der Landschaftsmalerei zu thematisieren – ihre Träume von Freiheit enthalten jedoch nicht nur utopisches, sondern gar revolutionäres Potenzial“, erklärt Holger Birkholz, der Kurator der Ausstellung.

Nur Julius Scholtz’ „Barrikadenkampf im Mai 1849“ nimmt explizit auf politische Ereignisse Bezug. Gemeinsam ist den russischen und deutschen Künstlern ein verstärktes Interesse an Nation und bürgerlicher Öffentlichkeit. Beide Seiten pflegen eine romantische Italiensehnsucht. Theodor Rehbenitz personifiziert „Italia und Germania“ lieblich; die bäurisch anmutende Germania ist der melancholischen Italia zärtlich zugeneigt.

Mancher mag den Ausstellungstitel angesichts der Situation der Kunst- und Meinungsfreiheit in Russland als zynisch empfinden. Man darf aber annehmen, dass die russischen Besucher zwischen den Zeilen lesen können, auch diese Fähigkeit wurde ja im Sozialismus geschult.

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Parallelen in den Werken deutscher und russischer Künstler

Die Kunst erweist sich in der Auslassung. So verweist etwa Hilke Wagner im Katalogtext auf aktuell in Dresden geführte Debatten um nationale Identität, während der Blick auf Russland fehlt. Implizit ist er aber doch da, wenn sie schreibt: „Viele der genannten Themen sind heute so aktuell wie damals, und so bietet die Ausstellung zahlreiche Anknüpfungspunkte an die heutige, politisch ebenfalls komplexe Zeit.“ Zugleich sind diese Anknüpfungspunkte, bei oberflächlicher Betrachtung, in romantischen Nebel gehüllt. Historisch liegen die Ereignisse weit genug zurück; Russland und die deutschen Staaten (den einen Nationalstaat gab es ja noch nicht) waren politische Verbündete, wurden doch beide Seiten von Napoleons Armee bedroht (der ist in Form seiner Stiefel in der Ausstellung präsent). Mehr noch als der historische Abstand ist es der Begriff der Romantik selbst, der aktuellen politischen Zündstoff in Nebelschwaden hüllt.

Impfstoff gegen kulturelle Vorurteile

Sowohl der russische Außenminister Sergej Lawrow als auch sein deutscher Amtskollege Heiko Maas heben die Bedeutung der Kunst als Vehikel der Verständigung in ihren Katalog-Geleitworten hervor. Lawrow betont, welchen Kraftakt die Ausstellungsplanung unter Corona-Bedingungen bedeutete. Es gehört zur feinen Ironie der Geschichte, dass es zwei Güter gibt, deren grenz- und kulturüberschreitender Austausch in Corona-Zeiten zwischen Deutschland und Russland funktioniert: Kunst und Impfstoff. Vielleicht ist auch die Kunst ein „Impfstoff“, der gegen kulturelle Vorurteile immunisiert?

Wenn auf außenpolitischer Ebene zuletzt zu oft Sprachlosigkeit oder Empörung herrschte, dann hilft es möglicherweise, auf die Kraft der Bilder zu setzen. Vielleicht sitzt Michael Kretschmer das nächste Mal etwas selbstbewusster auf einem Rokokomöbel.

Die Ausstellung „Träume von Freiheit. Romantik in Russland und Deutschland“ ist bis zum 8. August 2021 in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau, Russland, zu sehen. Der Katalog umfasst 360 Seiten und kostet 45 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.