Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sieht mit Sorge ein Erstarken des Antisemitismus in Deutschland. Den jüdischen Gemeinden begegnen in diesem Zusammenhang zwei Arten von Antisemitismus: Ein arabisch geprägter, der mit den geographischen Spannungen im Nahen Osten zu tun hat, und ein davon losgelöster grundsätzlicher Antisemitismus, der vor allem in türkischen Milieus anzutreffen ist.

Bereits vor der jüngsten Eskalation der Gewalt im Nahen Osten sei ein Anstieg des muslimischen Antisemitismus zu beobachten, erzählen Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verstärkt. Zahlreiche antisemitische Attacken kommen per Internet. Die Sicherheitsbehörden und der Staatsschutz gehen solchen Angriffen konsequent nach.

Für Yehuda Teichtal, Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Vorsitzender des Jüdischen Bildungszentrums Chabad in Berlin, müssen aber auch die zuständigen Verbände reagieren. Er sagte der Berliner Zeitung am Wochenende: „Wir beobachten eine Zunahme des muslimisch geprägten Antisemitismus in Deutschland. Ich erwarte mir von den muslimischen Verbänden eine klare Distanzierung von allen antisemitischen Taten. Die muslimischen Verbände haben bisher zu wenig gegen den Antisemitismus unternommen. Es muss in den muslimischen Verbänden und Organisationen klar kommuniziert werden, dass es in Deutschland keinen Platz für Judenhass gibt.“

Teichtal: „Niemand in Deutschland soll Angst haben, hier zu leben.“

Teichtal: „Wir müssen auf allen Ebenen klarmachen, dass es in Deutschland jüdisches Leben gibt und das dieses auch willkommen ist. Wir müssen das Positive des jüdischen Lebens herausstreichen und damit bei der Bildung beginnen.“ Zugleich müsste gegen „Verschwörungstheorien“ vorgegangen werden, da solche antisemitische Tendenzen befeuern. So hatte Attila Hildmann auf Telegram gegen Teichtal persönlich gehetzt und üble, eindeutig antisemitische Hassparolen gegen den Rabbiner verbreitet. Auch auf Twitter sind solche Hassparolen zu finden, die der US-Konzern bis zum heutigen Tag nicht gelöscht hat.

Teichtal fordert auch die Veranstalter von Klima-Demonstrationen auf, auf antisemitische Anspielungen zu verzichten. So hatte die Fridays for Future-Bewegung nach dem Ausbruch der Gewalt in Israel scharfe Worte gegen Israel gerichtet. Teichtal: „Kritik an Israel ist natürlich erlaubt. Aber sie muss in einer Weise geschehen, dass sie nicht antisemitischen Klischees Vorschub leistet. Ich fordere von den Verantwortlichen der Fridays-for-Future-Bewegung eine deutliche Distanzierung von Parolen, die eine überzogene und einseitige Schuldzuweisung an Israel enthalten.“  

Teichtal sagte, der Antisemitismus sei „ein Gift, das eine Gesellschaft zerstören kann, und es ist egal, ob er aus der rechten oder linken Ecke kommt“. Es dürfe „keine doppelten Standards“ geben. Die deutsche Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen müssten sich bemühen, „Vertrauen und Toleranz zu fördern, damit wir alle das Positive einer vielfältigen Gesellschaft erfahren können“.

Teichtal: „Niemand in Deutschland soll Angst haben, hier zu leben.“ Vor allem die jungen Mitglieder der Fridays-for-Future-Bewegung müssten für das Thema sensibilisiert werden. Teichtal: „Viele waren noch nie in Israel. Wir sollten nicht zulassen, dass sie ein falsches Narrativ glauben.“ Es müsse daran erinnert werden, dass es 1.700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland gäbe und das Judentum daher ein Teil der deutschen Kultur sei.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.