Saint-Rémy-de-Provence - Mit männlichen Stilikonen ist das so eine Sache. Immer wieder werden uns die gleichen Herren präsentiert. Ob Steve McQueen, James Dean oder Cary Grant, die Modemagazine greifen regelmäßig auf sie zurück – denn zugegeben, diese Männer sind eine sichere Bank. Alle diese Ikonen verbinden feste Codes, die ihre Auftritte in der Öffentlichkeit lebenslang begleiteten. So etwas imponiert und strahlt Sicherheit aus. Doch in ihrer Kontinuität wirkten sie gleichzeitig lässig, denn sie schienen gar nicht darum bemüht, Trendsetter zu sein. 

Man kann sich ja heutzutage des Eindrucks nicht erwehren, es gäbe eine Art Carte blanche, auf der steht: „Du darfst alles tragen.“ Das ist natürlich sehr verwirrend, und so ist mein Rat an die Herren der Schöpfung: Setzen Sie auf Klassik ohne Sperenzchen. Sie können es Normcore oder Neue Schlichtheit nennen, in jedem Fall ist es eine gute Antwort auf die derzeitigen Mode-Exzesse. Aber aufgepasst: Unspektakuläres muss mit einer gewissen Allüre getragen werden. Zudem ist hier kein fader Standard gemeint, sondern natürlich beste Qualität in Verarbeitung und Details. Aber welche Vorbilder können wir dabei zurate ziehen, wenn wir uns an den angelsächsischen sattgesehen haben?

Mein Vorschlag: Pier Paolo Pasolini. Schaut man sich Porträtfotos des römischen Regisseurs aus den 60er-Jahren an, so wirkt sein Look auch heute noch cool und zeitgemäß. Zu Poloshirt und Jeans oder Khakis trägt er ein Bandana-Tuch um den Hals geknotet, was dem Outfit das gewisse Extra verleiht, dabei aber vollkommen unangestrengt wirkt. Gerade das macht ihn zur authentischen Stilikone.

Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol lassen grüßen

Oder wie wäre es mit ein wenig Farbe? Dann lassen Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol grüßen. Wer sich auf Vintage-Plattformen umschaut, der merkt, das Jeans aus den 80er- und 90er-Jahren eine verstärkte Nachfrage erfahren, genau wie grafisch extravagante Iceberg-Pullover aus der Castelbajac-Ära. Wer in solche Stücke investiert, braucht nur noch ein paar College-Loafer wie die Weejuns von Bass & Co., dazu Tennissocken – fertig ist das Klassik-Outfit.

Das wirklich Rebellische liegt im Einfachen, als Reaktion auf ein Zuviel. Genau das ist das, was Stilikonen in der Vergangenheit oft ausmachte. In England kleideten sich junge männliche Adelige in der Nachkriegszeit gern betont proletarisch. Man adaptierte den Look der blousons noirs, einer französischen Subkultur der 50er-Jahre. Und man trug T-Shirts. Die working class wiederum, der erst damals die Elite-Universitäten zugänglich wurden, entdeckte schmale Anzüge, weiße Oberhemden und schmale Krawatten. Die Codes jener Dekaden inspirieren bis heute die großen Labels und Designer. Auf diesem Stil-Repertoire basiert etwa der Erfolg der Kollektionen von Hedi Slimane, sei es für Dior Homme, Saint Laurent oder jetzt Celine. Übrigens gab selbst Yves Saint Laurent in den 60er-Jahren auf die Frage, welche Kleidungsstücke er am liebsten erfunden hätte, unumwunden zu: das weiße Hemd und die Bluejeans.

Es wundert also nicht, dass uns die eingangs erwähnten Herren immer wieder als stilsichere Vorbilder präsentiert werden, denn: Männliche Stilikonen sind selten extravagant. Allein das Maßvolle ihres Looks lässt sie über die Jahrzehnte hinweg unverändert attraktiv erscheinen. Ihre Individualität basiert auf Dauerhaftigkeit und simple chic – und das schon längst, bevor Nachhaltigkeit in aller Munde war.


PETER KEMPE führte ab 2000 mit seinem Partner Thomas Kuball den Hamburger Concept-Store Kuball & Kempe, der 2016 samt den Inhabern nach Südfrankreich umzog. Kempe kuratiert Ausstellungen, Publikationen und Auktionen mit Vintage-Design aus dem Luxusbereich. Modehäuser wie -museen beneiden ihn um sein Privatarchiv zu Stil, Stars und Looks der 70er- bis 90er-Jahre.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.