Berlin - Die Gegend um das Plan- und Maybachufer war ja, in den Wochen bevor die Außengastronomie wieder aufmachte, ein Lichtblick im trostlosen Corona-Lockdown. Die Ankerklause und die Restaurants am Paul-Linke-Ufer hatten zwar geschlossen, aber trotzdem ließen sich Kreuzbergs Cool-Kids den Spaß nicht nehmen. An schönen Tagen wurde abends fleißig Bier, Schnaps und Wein getrunken. Ein riesiges Gewimmel von Plateauschuhen (1990er sind wieder in!), Vintage-Kleidung und blondierten Rattenschwänzen. Wunderbar!

Eine Kreuzberger Institution hatte allerdings besonders zu leiden. Der Prisma Pavillon direkt am Anfang des Fraenkelufers, denn seine große Terrasse war jetzt seit fast einem halben Jahr geschlossen. Der Prisma Pavillon (sein Dach sieht aus wie ein Prisma, glaube ich) liegt genau gegenüber der Ankerklause und ist auf den ersten Blick nicht besonders hipp.

Aber da lässt sich vor allem der Zugezogene täuschen. Denn was aussieht wie ein türkisch geführter Schnell-Pizza-Imbiss, ist auch einer, aber eben ein ganz Besonderer.

Denn hier gibt es nicht nur die besten traditionellen kleinen Imbisspizzen (der Kenner isst hier immer nur die mit Gorgonzola!) der Stadt, sondern auch einen besonders günstigen Weißwein unbekannter Herkunft. Der so sauer ist, dass man drei Gläser braucht, um sich einzutrinken. Den Wein bestellt man eigentlich immer als Schorle. Das heißt, ein 0,2-Liter-Kelch wird randvoll mit Weißwein serviert und dazu gibt es eine kleine Flasche Wasser. Man muss erst abtrinken, um eine Schorle zu bekommen.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
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Und warum noch sollten sie den Prisma Pavillon besuchen? Wegen seines unvergleichlichen Flairs. Highlight ist hier, dass er regelmäßig abends von einer kleinen Gruppe BSR-Straßenkehrern – dem neuen stolzen Adel der Hauptstadt – in ihrer orangenen Arbeitskleidung aufgesucht wird. Die stellen dann ihre Müllgreifer ab, geben der Wirtin auf französische Art zwei Küsschen auf die Wange, bestellen Pizza und sauren Wein und lassen den Abend hier mit den anderen auch sehr kontaktfreudigen Stammgästen aus der Umgebung ganz entspannt ausklingen.

Wenn die Sonne untergegangen ist, streichen die ersten Ratten selbstbewusster am Ufer entlang. Dadurch braucht man sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Man bestellt einfach noch ein Glas Wein und eine weitere Gorgonzola-Pizza als Nachthupferl und bleibt noch ein bisschen sitzen. Wo kann Berlin schöner sein?

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Prisma Pavillon, Kohlfurter Str. 46, 10999 Berlin, täglich 12 bis 3 Uhr.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.