Berlin - Liebe Leserinnen und Leser, in der vergangenen Woche hat unser Cover zu einem Interview mit Jan Josef Liefers und der Aktion „allesdichtmachen“ für kontroverse Reaktionen gesorgt. Einige Leserinnen und Leser fanden den Titel „Plötzlich Staatsfeind“ überzogen. Auch in den sozialen Netzwerken äußerten Menschen ihre Kritik, andere ihre Zustimmung und Begeisterung. 

Die Redaktion der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung hat um den richtigen Titel gerungen, zur Auswahl standen noch andere, klarer als Ironie sich exponierende Titel wie „Können diese Augen leugnen?“ oder „Plötzlich Staatsfeind?“ (also mit einem Fragezeichen). Die Mehrheit der Redaktion hat sich bewusst für die pointierte Lösung entschieden. Wir stehen dazu.

Jede Woche machen wir neue Erfahrungen und erkennen, wie angespannt die Stimmung ist. Die Corona-Maßnahmen polarisieren. Ein großer Teil der Gesellschaft steht hinter dem Lockdown, ein wachsender Teil wiederum stellt ihn infrage und fordert schnelle Lockerungen. Wie kann man zwischen den beiden Polen journalistisch vermitteln? Das ist eine schwierige Frage, der sich die deutsche Publizistik stellen muss.

In meinem Leitartikel von vergangener Woche (BLZ vom 30.4.2021) habe ich Teile der Berichterstattung des Tagesspiegel und des WDR kritisiert. Sicherlich könnte man einen ähnlichen Vorwurf der Berliner Zeitung machen. Der Tagesspiegel hat unser Cover und unseren Titel explizit an den Pranger gestellt, daher habe ich am Donnerstag die Chefredaktion des Tagesspiegel dazu eingeladen, die Differenzen und unterschiedlichen Perspektiven im Rahmen eines Live-Gesprächs auszudiskutieren. Stellvertretend für Teile der Gesellschaft, die sich nicht mehr miteinander unterhalten. Die Einladung wurde von der Chefredaktion leider ausgeschlagen, aber sie steht weiterhin. Herzliche Grüße Ihr Tomasz Kurianowicz, Editor in Chief – tomasz.kurianowicz@berliner-zeitung.de

Stimmen der Leserinnen und Leser

Zum Cover der Ausgabe vom 30. April: Lieber Herr Liefers, ich möchte mich bei Ihnen und den anderen Mitmachern an der genannten Aktion „#allesdichtmachen“ bedanken. Jedes einzelne Wort in Ihrem Interview kann ich unterschreiben! Ich bin Rentnerin, in der DDR sozialisiert. Schon in der Oberschule hatte ich wegen meiner Zweifel an der gelebten Praxis des Sozialismus Schwierigkeiten. Es macht mir große Angst, wenn ich die Reaktionen in einigen „Leitmedien“ auf die Aktion lese und der Vergleich mit der DDR ist leider nicht aus der Luft gegriffen. Auf welche Art und Weise man seine Fragen und Zweifel auch anmeldet, man hat nie den „richtigen Klassenstandpunkt“! Ihnen und Ihren Freunden wünsche ich weiterhin viel Kraft und Mut! Herzliche Grüße, R. Broszat, Berlin

Zum Cover der Ausgabe vom 30. April: 53 SchauspielerInnen halten der heuchlerischen „freien und offenen“ Gesellschaft der alternativlosen Politik und alternativlosen Meinungen den Spiegel vor und bekommen die alternativlose Reaktion zu spüren. Die hässliche Fratze, die sich nicht im Spiegel anschauen möchte, schlägt zurück. Mit freundlichen Grüßen, J. Böhmert

Zum Cover der Ausgabe vom 30. April: Was für ein perfide übertriebener, grauenhafter, blödsinniger Titel! Was soll das denn sagen? Ist Liefers jetzt etwa zum „Staatsfeind“ erklärt worden, von irgendwem? Erklärt er sich durch sein Video etwa selbst zum „Staatsfeind“? Weder noch! Die ganze Angelegenheit wird noch stilisiert, reißerisch hochgepusht, als wären wir nicht in einer Demokratie oder als würde Liefers mit seinem Dissenz gleich die Demokratie gefährden. Warum diese Formulierung? Bitte eine Erklärung. E. Kügelgen, Berlin

Zum Cover der Ausgabe vom 30. April:  Sehr geehrte Redaktion, man mag zu der „Kunstaktion“ #allesdichtmachen stehen, wie man will, aber die Titelüberschrift, die Sie der Wochenendausgabe vom 30.4. gegeben haben („Plötzlich Staatsfeind“) schlägt dem Fass den Boden aus. Niemand hat in diesem Land Herrn Liefers zum Staatsfeind erklärt! Die Aktion, die inzwischen fast nur noch mit ihm identifiziert wird, ist zu Recht umstritten, da ihre Botschaft unklar und missverständlich ist. Mit freundlichem Gruß, C. Pienkny, Berlin

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.