Berlin - Drei Monate vor der Bundestagswahl macht der wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium ein Fass auf, das die Große Koalition schon vor der Corona-Krise ganz nach hinten gepackt hatte. Um „schockartig steigende Finanzierungsprobleme in der Gesetzlichen Rentenversicherung“ in den Griff zu kriegen, müsse das Eintrittsalter ab 2042 auf 68 Jahre angehoben werden.

Binnen Tagesfrist waren die politischen Bataillone aller Fraktionen formiert. Dass sich daraus mitten im Wahlkampf ein Wettbewerb um die besten Lösungen zur nachhaltigen Sicherung der Altersversorgung entspinnt, darf indes getrost ausgeschlossen werden. Stattdessen wirft die jüngste Diskussion ein Schlaglicht auf das jahrzehntelange Versagen schwarz-gelber, rot-grüner und schwarz-roter Regierungen in der Rentenpolitik. Seit den 70er-Jahren warnen Wissenschaftler vor der demografischen Zeitbombe in der umlagefinanzierten Rente – immer weniger Erwerbstätigen stehen immer mehr Rentner gegenüber. Trotz dieser eindeutigen Diagnose wurde die Rente wahlweise gesundgebetet, kosmetischen Operationen unterzogen oder mit Prothesen wie der Riester-Rente ausstaffiert, an der zuallererst mal die Versicherungskonzerne verdienten.

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Aber anders als zu Zeiten Norbert Blüms lassen die Rentner von morgen und übermorgen sich nicht mehr mit Durchhalteparolen abspeisen. Immer mehr Menschen, die in der glücklichen Lage sind, nicht ihr gesamtes Einkommen für das Auskommen zu brauchen, ergreifen selbst die Initiative und sorgen privat vor. Und zwar nicht mit teuren Lebensversicherungen, sondern mit kostengünstigen ETF-Sparplänen auf Aktien. Die können zwar kurzfristig heftig schwanken, aber die breite Streuung auf oftmals Tausende Unternehmen aus aller Welt sorgt auf lange Sicht für eine gewinnbringende Teilhabe am Wachstum der Wirtschaft – ohne die übrigens auch die umlagefinanzierte Rente nicht funktioniert.

Schon vor 55 Jahren hat der Gewerkschaftsführer und spätere SPD-Minister Georg Leber „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“ als „vordringliche Aufgabe unserer Zeit“ beschrieben. Heute dagegen kokettieren die vom Steuerbürger mit üppigen Altersruhegeldern alimentierten Minister Olaf Scholz und Peter Altmaier nonchalant damit, dass sie ihr eigenes Geld auf dem Sparbuch verschimmeln lassen.

Dazu die verfassungsrechtlich fragwürdige Aufdröselung der Verlustverrechnung, der Solidaritätszuschlag auf Kapitalerträge, die Pläne für eine nur auf Aktien (und eben nicht auf die Derivate-Zockereien der Großbanken) erhobene Finanztransaktionsteuer sowie nicht zuletzt die kümmerlichen Sparerfreibeträge, die obendrein seit zwölf Jahren nicht an die Inflation angepasst wurden: Vorsorge-Sparer kriegen alle erdenklichen Knüppel zwischen die Beine geworfen – statt dass die private Investment-Kultur gefördert und sich parallel darum gekümmert würde, dass diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer nicht selbst vorsorgen können, nach einem langen Arbeitsleben eine würdige Rente erhalten. Aber, wie gesagt: In drei Monaten ist Bundestagswahl.

Christian W. Röhl ist Publizist und Investor. Unter @CWRoehl ist er auch auf Twitter aktiv.

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