Berlin - Man hat es schon mehrfach gehört: Finnland ist das glücklichste Land der Welt. So heißt es in dem im März veröffentlichten World Happiness Report, der einmal im Jahr erscheint und das weltweite Glück bewertet. Finnland hat dieses Jahr erneut den ersten Platz im globalen Glücksranking belegt, zum vierten Mal in Folge. 

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
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Frank Martela, Philosoph und Forscher im Bereich „Glücksempfinden und Wohlergehen“ an der finnischen Aalto-Universität, ist von dem Ergebnis wenig überrascht. Für ihn wurzelt der Erfolg seines Landes in strukturellen und kulturellen Faktoren. „Die Qualität der demokratischen Institutionen spielt für das Glücksempfinden eine große Rolle: Das heißt, es muss in einem Land freie Wahlen, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und ökonomische Freiheit geben“, sagt er der Berliner Zeitung am Wochenende. 

Das starke Vertrauen, das die Finnen in sich und in ihre staatlichen Institutionen haben, sei entscheidend für ihr Glücksempfinden, so Martela. Dieses Vertrauen führe zu dem Umstand, dass Finnen eher bereit seien, Steuern zu bezahlen. Besonders wichtig sei auch ein funktionierendes Sozialmodell. „Die Bürger Nordeuropas haben gute Arbeitslosen- und Rentenmodelle. Das wirkt sich alles aufs Glücksempfinden aus.“ Deshalb stünden Finnland und seine skandinavischen Nachbarländer auf der Glücksliste so weit oben, auch die Schweiz und Kanada nehmen vordere Plätze ein. 

Deutschland liegt auf Platz 13

Wie aber berechnet man so ein Ranking? Der World Happiness Report (WHR) erscheint seit 2012 jedes Jahr, nur 2014 ist er ausgefallen. Verfasst wird die Studie von führenden Akademikern, beauftragt wird sie vom Netzwerk der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung. Der Bericht besteht aus Analysen, die jüngste Trends im Bereich des Wohlbefindens untersuchen – die Corona-Pandemie ist ein wiederkehrendes Thema in der aktuellen Ausgabe. 

Das Glücksranking basiert auf weltweiten Umfragen, die vom Meinungsforschungsinstitut Gallup durchgeführt werden. 1000 Menschen werden jährlich in teilnehmenden Ländern befragt, sie müssen die Qualität ihres Lebens auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten (10 ist der bestmögliche Wert). Forscher schätzen anhand von Quellen der Weltbank und der WHO ein, inwieweit Faktoren wie das Bruttoinlandsprodukt, die Lebenserwartung und Korruption im jeweiligen Land die Glückswahrnehmung beeinflussen. Für den neuesten Bericht wurden Umfragen aus den Jahren 2018 bis 2020 kombiniert, um den Durchschnittswert herauszuarbeiten. Mit einer Punktzahl von 7,8 besetzt Finnland nun den ersten Platz, Deutschland wiederum liegt mit 7,15 Punkten auf Platz 13.

Ob eine so subjektive Vorstellung wie das Glück überhaupt objektiv zu messen ist, wird oft bezweifelt. Zu Unrecht: „Die Glücksforschung ist zu einer robusten Wissenschaft geworden“, sagt Carol Graham, Senior Fellow beim Brookings Institution in Washington, D.C., und leitende Wissenschaftlerin bei Gallup. Sie spricht lieber von Wohlergehen als von Glück, weil der Begriff umfassender und nuancierter ist. Glücksforscher hätten profunde Methoden entwickelt, um subjektive Stimmungen messen zu können, sagt die Wissenschaftlerin. „Diese Methoden sind genauso verlässlich wie die Messung von Einkommensdaten.“

Das unglücklichste Land der Welt

Am anderen Ende der Glückskala, also auf dem letzten Platz, liegt Afghanistan mit 2,5 Punkten. Bei der Berechnung der „unglücklichsten“ Länder herrscht ebenfalls Kontinuität. Das Land nahm schon im Bericht von 2020 den letzten Platz ein, 2019 den drittletzten. Für Carol Graham ist das wenig überraschend. Es sei klar, dass Länder mit hohem Armutsniveau auf die unteren Plätze fallen. Für sie ist die Glücksskala erst dann wirklich interessant, wenn große Veränderungen in der Rangordnung zu beobachten seien. Etwa, wenn die USA um fast zehn Plätze auf den 16. Platz fallen, obwohl die Vereinigten Staaten noch immer zu den reichsten Ländern der Welt gehören. Der materielle Wohlstand in Ländern wie Finnland oder den USA sei aber nicht der einzige Faktor, der bestimmt, was glücklich macht.

Das Potenzial des World Happiness Report für praktische Ableitungen liege sowieso nicht im Glücksranking, sondern in den beiliegenden akademischen Analysen, sagt Graham. „Wir wissen bereits intuitiv, dass es einkommensunabhängige Dimensionen gibt, die für Menschen wichtig sind und für ein gutes Leben sorgen“, fügt sie hinzu. „Studien zum Wohlergehen haben für die Politik durchaus einen Informationswert.“ Als Beispiel nennt sie die Ergebnisse zum Thema Wohlergehen bei Arbeitern und Angestellten während der Pandemie. Forschungen hätten gezeigt, dass ein hohes subjektives Wohlergehen mit erhöhter Produktivität und Gesundheit verbunden sei.

Für Finnland bietet der Titel des Glückschampions der Welt auch einen Werbeeffekt. Auf der Website von „Rent A Finn“, einer Initiative der finnischen Tourismusbehörde, lernt man von Einheimischen die Eigenarten der finnischen Lebensweise kennen. Es werden sechs Schritte gezeigt, mit denen man „so glücklich wie ein Finne werden“ kann. Darunter: ein Saunabesuch, das Sammeln von Wildbeeren im Wald, der Blick aufs Polarlicht. Alles Marketing-Kram, so der finnische Philosoph Frank Martela.

Es gibt Länder, die messen ihr Glück

Was können Länder aber aktiv tun, um glücklicher zu werden? „Entscheidend ist der Zustand der staatlichen Institutionen“, so Martela. „Ein wichtiger Schritt ist etwa die Bekämpfung von Korruption.“ Ein Antibeispiel wäre hier Russland, wo Korruption besonders stark ausgeprägt sei. Hier sei das Vertrauen in den Staat besonders gering, sagt der Wissenschaftler. Daher liege Russland im Mittelfeld der Rangliste und verfüge über einen bescheidenen Punktestand von 5,47.

Die Glücksforschung hat festgestellt, dass die führenden Determinanten des Glücks bei allen Menschen relativ gleich sind – trotz kultureller Unterschiede. Regierungen haben sogar angefangen, das Wohlergehen ihrer Bevölkerung zum Ziel ihrer Politik zu machen. Das südasiatische Königreich Bhutan erhebt seit 2008 sein Brutto-National-Glück. Neuseeland führte 2019 zum ersten Mal ein „Wellbeing Budget“ ein. Es soll garantieren, dass die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Wirtschaftspolitik des Landes berücksichtigt werden, bevor wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Carol Graham befürwortet den neuseeländischen Ansatz und findet ihn produktiver als den bhutanischen: „Die bhutanische Strategie war im Wesentlichen eine von oben nach unten gerichtete. Ein gut gemeinter Ansatz in einem sehr armen Entwicklungsland. In Neuseeland werden hingegen robuste Metriken des Wohlbefindens verwendet, um Kosten und Nutzen vieler politischer Haushaltsentscheidungen zu bewerten. Das finde ich sinnvoll.“ 

Manche Länder gelten einfach als besser gelaunt als andere, so Graham. Wer schon einmal in Helsinki war, wäre vielleicht überrascht, dass hinter der etwas verstockten Art der Finnen das höchste Glück der Welt steckt. Was ist also das Geheimnis des Landes? Finnen sind einfach in der Summe weniger unglücklich als andere Menschen, so Frank Martela. „Es ist nicht so, dass es in Finnland mehr Menschen gibt, die eine glatte 10 geben, wenn sie ihr Glücksniveau auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten. Es gibt schlicht weniger Menschen in Finnland als anderswo, die ihr Leben mit einer 1, 2 oder 3 bewerten“, sagt der Philosoph. Die Finnen seien also nicht glücklicher als andere – sie sind einfach weniger unglücklich. Ein Glück, das pendelt, zwischen Melancholie und Euphorie.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.