Berlin - Unweit der Ecke, wo die Eberswalder Straße auf die Schönhauser Allee trifft – dort, wo Prenzlauer Berg nur selten zur Ruhe kommt –, befindet sich einer der schönsten Zeitschriftenläden der Stadt mit dem seltsamen Namen Rosa Wolf. 

Auf knapp 65 Quadratmetern kann man all das kaufen, wovon schon seit Jahren behauptet wird, dass es ein auslaufendes Geschäftsmodell sei. Oder noch schlimmer, es sei schon längst tot. Die Rede ist von Gedrucktem auf Papier. Von Magazinen, Zeitschriften, Portfolios. Dass Print noch quicklebendig ist, belegt „Rosa Wolf“, der Zeitschriften-Shop von Domenico Gutknecht. Und zwar ziemlich überzeugend, mit einer opulenten Auswahl von über 500 Einzeltiteln, vorrangig in englischer Sprache. Während sich am Bahnhofskiosk die Boulevard- und Ratgebermagazine, Crime-Heftchen und Illustrierten stapeln, gibt es bei Rosa Wolf ein liebevoll kuratiertes Print-Programm aus der ganzen Welt. Darunter Zeitschriften wie Aperture aus New York, Fucking Young aus Spanien, Text-Sammlungen und Portfolios zur Kunst aus Berlin und anderen Städten, Lunchlady aus Australien, AnOther Magazine oder Suitcase aus London.

Ein Shop aus Leidenschaft

Im Jahr 2017 hat der gebürtige Bayer seinen einen Laden eröffnet. Der Name „Rosa Wolf“ ist eine Hommage an die eigenen Eltern, Annerose und Wolfgang. Zuvor arbeitete der 33-Jährige ein paar Jahren als Journalist in London. Zuerst für eine Nachrichtenagentur, dann für diverse Marketingagenturen. Doch eigentlich wollte er schon immer sein eigener Boss sein und die Leidenschaft für Magazine zu seinem Beruf machen: „Ich habe schon immer gerne Zeitschriften gelesen. Schon als Jugendlicher“, erzählt Gutknecht. „Und als ich in London gelebt habe, entdeckte ich unglaublich viel Spannendes. Dort wird das Schmökern sehr zelebriert. Irgendwann habe ich mir gedacht: Wieso nicht selbst davon leben und etwas machen, wofür ich wirklich eine Leidenschaft empfinde?“

Zu Beginn war da noch die Idee, ein Café und den Zeitschriftenladen zu verbinden, doch schnell stellte sich heraus, dass die meisten Kunden wegen der Magazine in die Eberswalder Straße kamen.  Also blieb vom Café nur der Ladentresen der Berliner Tischlerei dieholzkoepfe übrig.

2020 dann, nach drei anstrengenden, aber auch erfolgreichen Jahren, lief schließlich der Mietvertrag  aus. Trotz Corona wurde die Miete um ein Vielfaches erhöht, zu viel für Gutknecht. Vielleicht zum Glück, denn der neue Laden, in dem Rosa Wolf seit Mai letzten Jahres beheimatet ist, macht was her: überall Stuck, strahlend weiße Wände, eine Handvoll Zimmerpflanzen, Spiegel und minimalistische Regale mit Magazinen – die mit ihren oftmals sehr anspruchsvoll gestalteten Titelbildern für sich selbst stehen, so Gutknecht. Und der Raum ist großzügig. „Von Anfang an war es mir wichtig, dass meine Kunden einfach Platz haben. Und jetzt zu Corona erweist es sich als großes Glück, denn man kann ausreichend Abstand halten“, so Gutknecht.

Der veränderte Kiez in Prenzlauer Berg

Etwas irritierend ist die ausufernde Stuckverzierung auf den ersten Blick schon, doch der Hintergrund ist einfach: Der Eigentümer der Immobilie ist hauptberuflich Stuckateurmeister und einigte sich mit Gutknecht darauf, seine Arbeiten weiterhin im Ladenlokal zeigen zu können. Die Kombination aus Stuck und Gedrucktem funktioniert so gut, dass viele Kunden in den Laden kommen, nur um ein Foto zu machen. Ein netter Nebeneffekt, der den Shop mittlerweile auch auf den Social-Media-Plattformen international bekannt gemacht hat. Und manchmal anstrengend, wenn sich Schlangen aufgrund der Einlassbeschränkungen vor dem Laden bilden und die Leute, ohne etwas zu kaufen, wieder gehen.

Überhaupt hat sich in den vergangenen Jahren hier im Kiez viel verändert. „2017 zogen mit mir gleichzeitig die Bäckerei ,Zeit für Brot‘ und das ,Café Haferkater‘ ein. Ansonsten gab es hier viel Leerstand und alteingesessenen Einzelhandel. Heute hingegen ist die Straße sehr lebendig. Da gibt es beispielsweise das koreanische Restaurant ‚Kochu Karu‘ oder erzgebirgische Küche im ‚Schust‘, das französische Bistro ‚Les Valseuses‘, aber auch einen riesigen Brettspieleladen, ein Bestattungsunternehmen, ein Fachgeschäft für Luftballons und die Galerie ‚Mazzoli ‘mit zeitgenössischer Kunst", so Gutknecht.

Den Vorwurf, Gutknecht treibe mit seinem recht hippen Laden auch die Gentrifizierung voran, hört er öfter von Kunden, die sich viel lieber einen Tante-Emma- anstelle eines Zeitschriften-Shops gewünscht hätten. Die Nachbarschaft wusste zu Beginn nicht viel mit Gutknechts Ideen anzufangen. Doch seit Corona ist der Zusammenhalt ein stärkerer. „Als der erste Lockdown verkündet wurde, standen wir Einzelhändler alle ratlos auf der Straße herum und wussten nicht genau, wie es weitergehen soll. Wir haben uns dann gegenseitig viel mehr geholfen, als es davor der Fall gewesen ist“, so Gutknecht weiter. Natürlich gebe es auch Leute, die mal im Laden vorbeischauen und anmerken, dass es völlig absurd sei, Magazine für 30 Euro oder mehr zu verkaufen. Doch gerade in Berlin, so Gutknecht, sei es doch toll, dass jeder alles finden kann. „Und in Prenzlauer Berg und in Mitte gibt es eben auch das Klientel, die für den vermeintlichen Luxus von Gedrucktem Geld ausgeben“, sagt er.

Was man unbedingt kaufen und lesen sollte

Und welche Magazine sollte man denn nun kaufen bei Rosa Wolf? Die Antwort: Natürlich alle. Doch wenn es nach Gutknecht geht, auf jeden Fall das Berliner Modemagazin 032c, weil man sich darauf verlassen kann, dass es immer gut ist. Und weil es nicht grundlos eines der meistverkauften Modezeitschriften weltweit ist. Außerdem das Interieur-Magazin apartamento und natürlich fremdsprachige Ausgaben der Vogue, die sind gut zu sammeln. Und natürlich auch den New Yorker oder das Time Magazine. Urbane Klassiker eben, die weltweit als stilbildend gelten.

Am beliebtesten sind aber die Magazine, in denen der visuelle Aspekt überwiegt. Sie sind sozusagen Statussymbole auf dem eigenen Vitra-Beistelltischchen. Trotzdem, man entdeckt hier auch Lesestoff, den man in Berlin sonst fast nirgendwo findet: Beispielsweise das amerikanische Magazin elska, das sich männlicher Fotografie und Kultur widmet, oder die Gay Times, das führende Männermagazin für schwule und bisexuelle Männer aus Großbritannien.

Überraschenderweise sind die Hefte auch ein gutes Investment. „Oft bin ich selbst überrascht, was manche Menschen für alte Vogue-Magazine oder Ausgaben der i-D ausgeben“, so Gutknecht lachend. Ein gutes Beispiel ist die April-Ausgabe der italienischen Vogue vom letzten  Jahr, deren Titelcover einfach weiß war. „Ich glaube, ich habe noch nie so oft ein Heft nachbestellen müssen. Mittlerweile findet man die Ausgabe auf eBay für 40 Euro. Ich bin gespannt, was man dafür in 20 Jahren bezahlt oder bekommt. Auch wenn ich selbst mein Exemplar niemals verkaufen würde“, sagt Gutknecht.

Rosa Wolf, Eberswalder Straße 33, Öffnungszeiten: https://www.rosa-wolf.com

Nice to have: Welches Magazin sollte man sich kaufen?

Courier Magazine / Preis 7,50 bis 9,50 Euro

Shoreditch, Hackney und Bethnal Green: Praktisch in jedem Café im dauerhaft angesagten Osten Londons, wo die Kreativen der britischen Metropole sich treffen und arbeiten, liegt das Courier Magazine zum Lesen für die Gäste. Die Themen: Geschichten aus der modernen Geschäftswelt, Start-up-Kultur und das in Frage stellen konventioneller Vorstellungen. Zum Beispiel davon, wie Unternehmen geführt werden sollten. Was sich trocken anhört, ist seit Jahren eins der Lieblingsmagazine des Autors. Nicht zuletzt, weil die Artikel zum Hinterfragen animieren. Sich selbst und die eigene Arbeit.

Mittlerweile erscheint das englischsprachige Magazin, das es seit 2003 gibt und das weltweit über 80.000 Leser hat, alle zwei Monate mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Sei es nun die Frage, wie man ein eigenes Start-up gründet, ein Hotel eröffnet oder eine Kosmetikmarke kreiert. Andere Ausgaben widmen sich ausschließlich Gründerinnen, wieder andere Themenschwerpunkten wie Design, Mode, Marketing oder Ernährung.

Wie kann man sich das genau vorstellen?

Ein tolles Beispiel für eine typische Courier-Geschichte ist beispielsweise das Porträt über ein Paar amerikanischer Ureinwohner, das in Portland, Oregon, lebt. Die beiden arbeiten tagsüber als Ärzte, nachts jedoch, und an den Wochenenden, betreiben sie „Ginew“, die einzige Premium-Denim-Marke, die sich in Besitz von Ureinwohnern befindet. Ganz aktuell erschienen ist die neueste Courier-Ausgabe mit dem Titel „How To Make It“. Besonders lesenswert darin sind folgende Geschichten: „What it takes to build a successful hot sauce brand”, „Investing in brands with a purpose” und „Behind the scenes at Sydney´s latest pasta spot”. Die ganze Welt in einem Heft, sozusagen. 

Ein weiterer großer Unterschied zwischen Courier und anderen Wirtschaftsmagazinen ist, dass die Geschichten nicht aus glorifizierten Pressemitteilungen bestehen, sondern authentisch und unabhängig sind. Authentisch vor allem deswegen, weil die Rede von Menschen ist, die sich aus eigener Kraft heraus an ihrer Selbstverwirklichung versuchen. 

Daniel Giacopelli, der für Courier als Autor arbeitet, hat im Interview über seine Arbeit Folgendes gesagt: „Die Realität ist, dass Tech-Start-ups zwar interessant sind und wir ständig über sie berichten, aber sie sind nicht ‚besonders‘. Sie sind nur eine andere Art von Kleinunternehmen. Ein KI-gesteuertes Fintech-Start-up unterscheidet sich nicht grundlegend von der Reinigung um die Ecke; das wird uns nur durch die Art und Weise, wie wir es kontextualisieren, vorgegaukelt. Wir bei Courier halten den Besitzer einer Off-License nicht für weniger wert als Elon Musk.“ Klingt lesenswert? Ganz sicher: Besser kann man sein Geld für Gedrucktes kaum ausgeben.