Berlin - Heute, morgen – fast egal, Hauptsache, es ist Frieden! Während das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland am 8. Mai mit dem Tag der Befreiung gefeiert wird, gedenkt man des Ereignisses in Russland erst am Tag darauf. Der Grund: Die Unterzeichnung der Verträge zog sich bis nach Mitternacht hin – und da war es in der Hauptstadt Russlands wegen der Zeitverschiebung schon eine Stunde später. Deswegen findet auch die gigantische Parade in Moskau um den Roten Platz erst am 9. Mai statt.

Rot, das ist in Russland keine unwichtige Farbe. Schon die Sprache verdeutlicht das. Das russische Wort „krasnyj“ bedeutet eben nicht nur „Rot“, genauso lässt es sich als „gut“ und „schön“ übersetzen. Wenn die Parade-Panzer am Sonntag über den Roten Platz rollen, dann fahren sie also eigentlich über den „schönen Platz“. Die russische Flagge zeigt neben dem weißen und dem blauen auch einen roten Streifen. Die hölzernen Matrjoschkas tragen Kopftuch und Mäntelchen in Rot, auf dem Tisch steht für die Familie gern mal roter Borschtsch. Und Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch hat nicht bloß im Jahr 1915 sein berühmtes „Rotes Quadrat“ gemalt: Auf einem bekannten Selbstporträt trägt der Hauptvertreter der russischen Avantgarde: ein rotes Käppchen, selbstverständlich.

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Der Rote Platz in Moskau. Eigentlich müsste es "schöner Platz" heißen, denn das russische Wort für die Farbe rot bedeutet auch schön. Besonders rot ist der Platz ja nicht. Links das illuminierte Kaufhaus GUM, rechts der Kreml. 

Was dem Maler gut zu Gesicht steht, sieht jedoch lange nicht an allen so attraktiv aus. Modisch betrachtet ist Rot eine ambivalente Angelegenheit. Die Farbe ist eine Diva, die maximale Aufmerksamkeit einfordert: „Sieh! Mich! An!“, schreit sie ihren Betrachterinnen und Betrachtern entgegen und wird deshalb in der Frauenmode lieber sparsam, bei den Männern oft erst gar nicht eingesetzt. Ein waschechter Avantgardist war Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch also auch in dieser Hinsicht.

Modisches Rot ist wie eine ausgestreckte Zunge

Rot ist eine Statement-Farbe, laut und aggressiv, nichts für nervöse Geister. Rot muss man wirklich wollen und vor allen Dingen wirklich tragen können. Denn der Warn- und Signalfarbton hat neben seiner vibrierenden Vitalität die eher ungute Eigenschaft, gehörig aufzutragen. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum nicht wenige Designerinnen und Designer lieber einen großen Bogen um die Farbe machen.

Einer allerdings – ein Italiener und kein Russe, wohlgemerkt – hat sich der Farbe so sehr verschrieben, dass ein eigener Ton nach ihm benannt wurde: das Valentino-Rot. Die Farbe Valentino Garavanis ist ein vielschichtiger Ton, so tiefgehend, beinahe blutfarben, dass er interessanterweise eher beruhigt denn aufregt. Was klingt wie eine stilistische Nebensächlichkeit, ist aber eine hohe Kunst, die den Meister vom bloßen Modemacher unterscheidet.

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Nicht russisch, aber Rotkäppchen: Katy Perry 2019 in einem roten Kleid von Dolce & Gabbana und roten Louboutins auf dem roten Teppich bei einer Gala in Los Angeles.

Ebenbürtig im Hinblick auf die Verwendung von Rot ist Valentino sicherlich der Franzose Christian Louboutin. Seine waghalsigen Heels sind nicht nur äußerst populär, gerade bei Russinnen – sie sind durch einen fantastischen Marketingtrick auch unverwechselbar. Alle Sohlen Louboutins sind knallrot, seine Schuhe erkennt man sofort, etwa wenn die Trägerin ihre Beine übereinanderschlägt oder wenn sie eilig durch die Stadt stöckelt, quer über den guten, schönen Roten Platz vielleicht. Ein netter Nebeneffekt: Ein bisschen erinnern die roten Sohlen an die herausgestreckte Zunge der Rolling Stones – die wahrscheinlich eleganteste Art, beim Abgang „Du kannst mich mal“ zu sagen. Etwa wenn die Verabredung die Rechnung für den Kaviar partout nicht übernehmen will.

Die Frau im roten Pulli hält man besser bei Laune

Überhaupt kann die Farbe Rot beim Rendezvous recht praktisch sein, wie ein Blick in die Farbpsychologie verrät. Erst recht, wenn Rot nicht bloß an den Sohlen getragen wird. Das Porträt einer jungen Frau setzten die Psychologen Andrew J. Elliot und Daniela Niesta von der University of Rochester vor einigen Jahren zwei männlichen Vergleichsgruppen vor. Die schulterlangen braunen Haare und der neutrale Gesichtsausdruck blieben dieselben, nur die Pulloverfarbe ließen Elliot und Niesta je Männerrunde digital abändern. Und siehe da: Bei einem Date mit der Frau im roten Pulli waren deutlich mehr Herren bereit, die gesamten 100 Dollar aus ihrem imaginären Portemonnaie auf den Restauranttisch zu legen – die Frau im blauen Oberteil hingegen wollten viele Probanden mit zehn Dollar abservieren.

Bemerkenswert ist das, weil Rot eben nicht nur anziehend und attraktiv wirkt, wie die Wissenschaftler mit ihrem Versuch beweisen wollten – und wie Louboutin und Valentino schon seit Jahren wissen. Rot wirkt zumindest manchmal alarmierend, ja sogar abschreckend. In einem rotgestrichenen Zimmer schläft es sich angeblich schlecht, so sagt man jedenfalls. Angeboren ist diese Wahrnehmung aber nur bedingt. Zwar setzt sich auch die Hirnforschung mit den Sinneseindrücken auseinander, die entstehen, wenn verschiedenfarbige Lichter auf die Netzhaut fallen, und die Biologie hält von der giftigen roten Beere bis zum lockenden roten Primatengeschlechtsteil viele Beispiele für die Wirkungsweise der Signalfarbe bereit. Die naturgegebene Farbwahrnehmung aber wird erwiesenermaßen durch kulturhistorische Traditionen und Erfahrungen moduliert. Und die sind in Bezug auf Rot sehr breit aufgestellt.

Neben den Russen begeistern sich auch die Inder besonders für diese Farbe, auf dem Subkontinent ist sie mit zahlreichen Bedeutungen belegt. In Südafrika steht sie indes für Trauer, in China wird sie ebenfalls zur Beerdigung getragen – komplexerweise aber auch zur traditionellen Hochzeit. Die Emotionen liegen in diesem Ton also direkt beieinander. Eine schwierige, weil vielschichtige Farbe. Wem das zu abenteuerlich ist, der wählt besser doch den blauen Pulli – und zahlt den Kaviar einfach selbst.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.