Berlin - Berlin wartet auf das Ende des Lockdowns, erste Aufbruchsstimmung liegt in der Luft. Derweil beginnt bei der Berliner Zeitung am Wochenende eine neue Kolumnenreihe: „Herzberg & Mischke“. Die Autorin Ruth Herzberg und der Journalist Thilo Mischke blicken im Wechsel auf das urbane Leben (in und jenseits von) Berlin mit einem persönlichen, humorvollen Zugang. Den Auftakt macht Ruth Herzberg, 1975 in Ost-Berlin geboren. Sie arbeitet als Schriftstellerin und ist Bewohnerin von Prenzlauer Berg. Zuletzt ist ihr Roman erschienen „Wie man mit einem Mann unglücklich wird“, Mikrotext, Berlin 2021, 176 S., 14,99 Euro.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Diese Woche im Blatt: 
Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

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„Heute Abend cornern vorm Hackbarth’s? Wir sind ab 19 Uhr da.“ Stand in der Nachricht eines Freundes. Das Wort „cornern“ leitet sich von corner, Englisch für Straßenecke, ab und es bedeutet, sich draußen zu treffen und zu trinken, anstatt drinnen, in einer Bar beispielsweise. Das Hackbarth’s wiederum ist eine Bar in der Auguststraße, die aber derzeit noch geschlossen ist und die bis vor kurzem aufgrund pandemiebedingter Umsatzeinbußen sogar von der endgültigen Schließung bedroht war.

Ich spende nie für irgendwas, versuche weder Hungersnöte noch Hochwasserkatastrophen mit meinem Obolus zu lindern. Was kann mein kleiner Beitrag schon gegen die unfassbare Größe dieser weit entfernten Dramen ausrichten? Aber das Hackbarth’s ist in der Nähe, dachte ich und spendete, als online dazu aufgerufen wurde.

Ich drücke lang und fest zu beim Umarmen

Das Hackbarth’s war schließlich mal beinahe so etwas wie mein zweites Wohnzimmer, das heißt, ich habe schon in den 90er-Jahren in seinem Umkreis gecornert. Es ist ein kühler Abend. Die anderen frieren schon, mir ist noch warm vom Beeilen, als ich eintreffe. Ich habe den Nachmittag mit Hexenschuss im Bett verbracht und bin deswegen zu spät dran. Sie sitzen auf der Bank am Rande des kleinen Parks, gegenüber vom Hackbarth’s.

Wir haben uns lange nicht gesehen. Wir haben während der Pandemie keine Schicksalsgemeinschaft gebildet, unsere kleinen Kreise überschnitten sich nicht. Aber jetzt kann man eine Begegnung wagen. Die anderen sind schließlich schon geimpft und trauen sich daher sogar, mich zu umarmen. Weil Berührungen seit der Pandemie ja automatisch mit Übertragung assoziiert werden, frage ich mich währenddessen, ob ich dadurch auch immunisiert werden könnte? Also ob eine Impfung ebenso ansteckend wie das Virus ist? Deswegen drücke ich lang und fest zu, beim Umarmen.

Den Klimawandel gibt es auch immer noch

Man schenkt mir Crémant in einen Pappbecher ein und dann geht’s auch für mich los, das Cornern. Also das Trinken, Rauchen, Reden. Ich solle mich unbedingt auch bald impfen lassen, es sei so beruhigend, sich nicht mehr anstecken zu können oder ansteckend zu sein und man verspüre auch null Nebenwirkungen, wird gesagt und: Es sei wohl zu kühl heute Abend, sonst sei der Park immer voller Menschen in weißen Turnschuhen. Die Temperatur hänge sicher mit dem Klimawandel zusammen: Der Golfstrom verlangsamt sich, auf der Nordhalbkugel wird es immer kälter.

Ach ja, der Klimawandel, den gibt es ja auch immer noch, seufze ich, da hilft auch keine Impfung gegen. Wenig später schießt einer ein Selfie von uns vieren ohne Viren. Wir sehen auf dem Bild zerrupft aus, wie Hühner, die mit knapper Not dem Fuchs entkommen sind, oder, noch schlimmer, welche aus Käfighaltung.

Ist die Krise schon vorbei?

Aber die Stimmung ist gut, der Alkohol schlägt an. Wir können stolz auf uns sein, weil wir die Krise so gut überstanden haben, sagt eines von uns federlosen Hühnern mit Rührung in der Stimme und hebt den Becher. Wir stoßen klanglos darauf an. Pappbecher sind keine Gläser. In diesem Moment macht sich mein Hexenschuss bemerkbar.

Also ist die Krise wirklich vorbei? Und habe ich sie gut überstanden, oder geht es mir schlecht und ich bin sogar noch mittendrin? Aber ich bin hier, ich lebe, ich trinke, ich lache und neulich kam die Mail: Meine Spende hat geholfen, das Hackbarth’s ist gerettet und wird bald wieder öffnen. Vielleicht ist es so: Mal hat man die Krise besser überstanden, mal schlechter. Mal ist sie vorbei, mal steckt man mittendrin. Es hängt mit den aktuellen Temperaturen zusammen, mit dem Hexenschuss und wie fest man einander umarmt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.