Safe Abortion Day: Wie ein Lichtenberger Projekt Frauen zu Hause hilft

Tag der sicheren Abtreibung: Frauen in Deutschland haben oft erschwerten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Ein Projekt aus Lichtenberg will das ändern.

Gegendemonstration gegen den „Marsch für das Leben“: Berlin, September 2021.
Gegendemonstration gegen den „Marsch für das Leben“: Berlin, September 2021.dpa/Paul Zinken

Berlin-Berlinerinnen (und Berliner) haben wahrlich kein Überangebot an Abtreibungskliniken. Von 1100 registrierten gynäkologischen Praxen bieten offiziell knapp 140 Schwangerschaftsabbrüche an. Dennoch: Selbst mit diesen niedrig wirkenden Zahlen nimmt die Hauptstadt bei der medizinischen Grundversorgung für ungewollt Schwangere – und ihre Partner – einen Sonderstatus in Deutschland ein. Ungefähr jede siebte Praxis, die ihren Patientinnen Schwangerschaftsabbrüche anbietet, liegt in Berlin. Obwohl nur jede 20. Frau Berlinerin ist. Abtreibung ist in Deutschland noch immer eine Straftat, sie gehört – das machen die Zahlen deutlich – nicht zum Alltag bei Frauenärzten und Hausärztinnen. Dazu kommt, dass viele Ärztinnen und Ärzte sich weigern, Abbrüche in ihren Praxen durchzuführen. Der Staat gibt ihnen recht; die sogenannte „Gewissensklausel“ ermöglicht medizinischem Personal, nicht notwendige Abtreibungen aus Gewissensgründen nicht durchzuführen.

Erfahrungsgemäß verschwinden pro Quartal eine Handvoll Ärztinnen und Ärzte, die Abtreibungen anbieten, meist gehen sie in Rente, dazu fehlt der Nachwuchs – auch, weil Abtreibungen im Medizinstudium kaum eine Rolle spielen. Seit Beginn des Jahrtausends sind auch deshalb mehr als ein Drittel aller Arztpraxen und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, geschlossen worden. Obwohl auch die Zahl der Abtreibungen seit Jahren sinkt, schließen zu viele Praxen zu schnell. Die Versorgungssituation für ungewollt Schwangere verschlechtert sich zunehmend.

Das Familienplanungszentrum Balance in Lichtenberg startete zu Beginn des Jahres gemeinsam mit Doctor’s for Choice, einem deutschlandweiten Netzwerk von Medizinstudentinnen und Ärzten, auch deshalb das Modellprojekt des telemedizinisch begleiteten Schwangerschaftsabbruchs mit Medikamenten. Für ungewollt Schwangere sollten Wege verkürzt, Versorgungslücken geschlossen werden.

Besonders in Flächenländern oder katholisch geprägten Landstrichen sind diese für Betroffene ein Problem. In Rheinland-Pfalz, etwas größer als Berlin, gibt es keine fünf Kliniken, an die sich ungewollt Schwangere wenden können. In ganz München gibt es vier Praxen, die offiziell auf der Liste der Bundesärztekammer eingetragen sind. Hier können sich Ärztinnen und Ärzte freiwillig eintragen lassen, um Betroffenen die Suche zu erleichtern. Denn auf ihren eigenen Onlineseiten dürfen sie nicht über Abtreibung informieren – oder „werben“, wie es der Gesetzgeber nennt.

Seit 2019 regelt das Strafgesetzbuch das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche. Konkret verboten wird die „Werbung für den Schwangerschaftsabbruch“ mit dem Paragrafen 219a, neben aktiver Abbruchswerbung untersagt das Gesetz aber auch fast jegliche Art der Information. Ärztinnen und Ärzte, die Abtreibungen durchführen, dürfen auf ihrer Homepage zwar genau das sagen, alles andere ist ihnen aber verboten. Informationen über Methoden gibt es dagegen nur bei Stellen, die selbst keine Abtreibungen durchführen. Umwege, diese zu finden, sich dort anzumelden, kosten Betroffene in ausgedünnten Landstrichen – oder München – oft unnötig Zeit, die sie bei fortschreitender Schwangerschaft nicht immer haben.

Das Projekt aus Berlin versucht genau hier anzusetzen, viele Schwangere kommen aus Nordbayern. Ein Zeichen, das sie gerade dort kaum rechtzeitig Hilfe finden. In einem ersten Videogespräch mit einer Ärztin wird der Ablauf besprochen, anschließend müssen die Betroffenen Dokumente – unter anderen ein Ultraschallbild – nach Berlin schicken. Die Kontrolle der Bilder habe mit der rechtlichen Situation in Deutschland zu tun, erklärt Jana Maeffert, eine der teilnehmenden Ärztinnen beim Projekt: „In Deutschland gibt es die ganz klare Vorgabe, dass ein Schwangerschaftsabbruch ab 14 Wochen nicht mehr straffrei ist. Das darf uns natürlich nicht passieren, dass wir einer Frau Medikamente schicken, und die ist schon darüber.“ Gleichzeitig kontrolliere man so, dass keine Eileiterschwangerschaft vorliege.

Ist alles ok, werden die Medikamente verschickt und während eines zweiten Videoanrufs wird die erste Tablette eingenommen. Durch eine zweite Einnahme zwei Tage später wird die Blutung, und somit der Abbruch, ausgelöst und zehn Tage danach kommt es in einem letzten Videogespräch zur Nachbesprechung. Es ist also möglich, bereits eine Woche nach allererster Kontaktaufnahme erfolgreich abgetrieben zu haben.

Die Idee zum Projekt lieferte schon der erste Lockdown, erzählt Maeffert im Videogespräch, wie passend. Man überlegte im Familienplanungszentrum, wie man Betroffenen niedrigschwellig helfen könne. Gleichzeitig startete Großbritannien im April flächenübergreifend mit dem telemedizinischen Abbruch – das gab zusätzlichen Ansporn. Dennoch, die Regeln in Großbritannien sind weniger restriktiv, die Umsetzung der Telemedizin problemloser. Man beobachtete also erst einmal.

Anfang dieses Jahres wischten die Ergebnisse einer britischen Studie dann letzte Zweifel weg: Von 50.000 untersuchten Abtreibungen wurden 60 Prozent telemedizinisch durchgeführt. Grundsätzlich warteten ungewollt Schwangere, die sich für einen telemedizinischen Abbruch entschieden, vier Tage weniger; der Abbruch konnte zu einem früheren Schwangerschaftszeitpunkt durchgeführt werden und war im Vergleich zur traditionellen Medikamentenmethode genauso sicher und zuverlässig. In Berlin entschied man sich also dafür.

Für das geplante Projekt könnte das also heißen, dass die medizinische Versorgung von Frauen verbessert wird, bei gleichzeitig hohen Standards. Es geht den Ärztinnen auch um konkrete Hilfestellungen für Frauen aus unterversorgten Regionen Deutschlands. Niemand solle denken: „Oh Gott, ich finde niemanden. Ich muss jetzt weiter schwanger bleiben“, erzählt Maeffert. Machen sie Kolleginnen und Kollegen wütend, die keine Abtreibungen anbieten? „Ja, es kann nicht wahr sein, dass die diese Notsituationen einfach nicht sehen.“ Als Berlinerin könne man sich die Not, die Stigmatisierung, das Tabu in anderen Regionen der Republik oftmals gar nicht vorstellen. Ein Blick auf die Liste der Bundesärztekammer genügt aber, um das Leben in der Hauptstadt noch ein bisschen mehr wertzuschätzen.

Mehr Informationen zum telemedizinischen Abbruch zu Hause finden Sie hier.

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