Uckermark/Berlin - Eines der ungeschriebenen Gesetze der Natur ist: Der Boden darf niemals unbedeckt sein. Über offenen, freien Boden gehen Wasser und Nährstoffe verloren, Sonne und Wind trocknen ihn aus, Erosion ist die Folge. Deshalb lagern in jedem Quadratzentimeter Boden unzählige Samen, die sich in Stellung gebracht haben, um aufzugehen und den Boden blitzschnell zu schließen, sobald sie Licht und Feuchtigkeit erreicht. Der Gärtner nennt sie dann Unkräuter.

Hat man dies einmal verstanden – und wirklich verinnerlicht –, spart man sich Arbeit und Zeit. Zumindest, wenn man weiß, wie mit diesem Gesetz richtig umzugehen ist. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Vor allem nicht an jenen Stellen, wo Stauden wachsen, die erst später im Jahr zu ihrer vollen Größe auflaufen, und sicherlich auch nicht an all den Problemstandorten, an denen sonst nichts wächst. Zum Beispiel im trockenen Schatten, unter Bäumen oder an der Hauswand. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die meisten Fragen, die mich erreichen, in diese Richtung gehen.

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Die Echte Schlüsselblume mag es auch trocken.

„Was pflanze ich da nur?“, ist der Hilferuf, der am besten durch Pflanzen mit Bodendecker-Qualitäten beantwortet wird, wie immergrüne Elfenblumen, Storchenschnabel oder sommergrüne Waldastern. Auch wenn es sich hier (in Zeiten, in denen sogar der Komposthaufen einen gewissen Glamour hat) um ein eher trockenes Gartengebiet handelt, ist die Beschäftigung mit den Bodendeckern doch sehr dankbar. Und wenn mit dem Thema richtig umgeht, ist es sogar mit überraschend schönen Gartenmomenten verbunden.

Ich persönlich unterscheide die Pflanzen mit bodendeckenden Qualitäten grob in zwei Gruppen: die, die den Boden zeitweise abdecken, und die, die den Boden dauerhaft schließen. Erstere sind besonders für Staudenbeete geeignet, in denen sich im Jahresverlauf ja verschiedene Pflanzen abwechseln sollen. Nicht nur, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten blühen – sie spielen nach der Blüte auch eine untergeordnete Rolle, weil sie sich etwas einziehen oder von der nächsten Generation Stauden buchstäblich in den Schatten gestellt werden, da diese sie überragen.

Klassiker für Freiflächen zwischen den Stauden: Primeln

Gerade in diesen Tagen kann man sehr schön die Lücken sehen, die nach dem Rückschnitt zwischen den Stauden entstehen und die es schleunigst mit Pflanzen zu schließen gilt. Zu ihnen gehören etwa alle Zwiebelpflanzen und andere Geophyten. Das beste Beispiel dafür sind Märzenbecher und Schneeglöckchen: Jetzt nach der Blüte haben sie eine außerordentliche Blattmasse gebildet, die die umliegenden Pflanzen in Schach hält. Selbst der Giersch hat bei mir im Garten keine Chance, wo seine Konkurrenten am Gehölzrand wuchern. In den kommenden Wochen werden sie sich einziehen und die jetzige Generation Giersch, die erfolgreich unterdrückt wurde, wird sich den ganzen Sommer nicht mehr davon erholen.

Stauden wie Pfingstrosen, Weidenröschen oder Fingerhut, die eher in die Höhe wachsen, lassen sich von der momentanen Blattmasse der Zwiebelpflanzen nicht beindrucken und schieben ungerührt ihre Triebe durch. Auch Tulpen, Zierlauch, Narzissen und die ganze Riege weiterer Zwiebelpflanzen erfüllen die gleiche Aufgabe. Die meisten von ihnen ziehen ihre Blätter später komplett ein und geben so den Platz frei.

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Ragen wie kleine Periskope aus dem Gras: Die Hohe Schlüsselblume blüht schwefelgelb.

Ein Klassiker für die Lücken zwischen den Stauden sind die Primeln. Vor zwei Jahren habe ich ein neues Beet angelegt und in jede noch so kleine Lücke die schwefelgelb blühende Hohe Schlüsselblume (Primula elatior) gesetzt, an trockneren Standorten ihre Schwester, die Echte Schlüsselblume (Primula veris). Dort blühen sie seit Wochen und werden sich anschließend gerne von höheren Stauden überwuchern lassen und in deren Schatten „übersommern“. Ich kann gar nicht beschreiben, wie fröhlich diese Primeln den Frühlingsgarten stimmen, besonders in Kombination mit blauen Traubenhyazinthen (Muscari) und weißen Narzissen (Narcissus).

Schwierige und schattige Standorte, wie etwa unter Bäumen, bepflanzt man eher teppichartig als lückenfüllend. Damit es nicht langweilig wird, sollten die Flächen mit einer einzigen Pflanzenart aber nicht allzu groß sein. Lieber verschiedene Pflanzen mit unterschiedlicher Textur, Farbe oder Höhe nebeneinandersetzen. Um die Großzügigkeit nicht zu verlieren, sollten die Flächen nicht zu klein sein. Es kommt immer auf den genauen Standort an, ein Patentrezept gibt es nicht.

Bergenien und Kleines Immergrün legen sich wie Kissen um die Gehölze

Direkt an unserem Haus haben wir drei alte, riesige Linden, zwischen denen sich ein schöner Schattenplatz mit Feuerstelle und Liegestühlen befindet. Zu Füßen einer der Linden habe ich eine Zaubernuss (Hamamelis) und einen immergrünen Duftschneeball (Viburnum farreri) gepflanzt, beides Sträucher, die sich auch unter ausgewachsenen Bäumen wohlfühlen. Unterpflanzt sind sie mit einer Kombination aus Bergenien, Kleinem Immergrün (Vinca minor) und Balkan-Storchschnabeln (Geranium macrorrhizum). Wie weiche Kissen legen sie sich um die Beine der Gehölze.

Alle drei Arten sind immergrün, sodass sie dem Auge den ganzen Winter hindurch Trost spenden, wenn es sonst nur mehr auf nackte Stämme und Äste fällt. Auf unserem Grundstück mit seinem sehr hohen Baumbestand am Waldesrand ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Die ganze Zeit auf graubraunes Holz zu blicken, das kann in einem so langen Winter wie diesem demoralisierend wirken.

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Ihr Name verweist auf die Farbe: die anmutige Warley-Elfenblume „Orangekönigin“.

Deshalb versuche ich, den Boden wirklich überall mit immergrünen Pflanzen bedeckt zu halten. Sehr bewährt haben sich auch die Elfenblumen, die wuchernden Sorten natürlich. Allen voran die Schwarzmeer-Elfenblume (Epimedium pinnatum ssp. colchicum) mit goldgelben Blüten sowie die wintergrüne Elfenblumen-Sorte „Sulphureum “ (Epimedium x versicolor „Sulphureum“) mit schwefelgelben Blüten und bronzefarbenem Winterlaub. Nicht zu vergessen die bezaubernde Warley-Elfenblume „Orangekönigin“ (Epimedium x warleyense „Orangekönigin“), deren Farbe sich leicht aus dem hübschen Namen ableiten lässt. Daraus nicht hervor geht die herrliche Wirkung, die ihre mehrfarbigen, wie lasierten Blüten im Garten verbreiten.

Eine weitere, ganz hervorragende immergrüne Staude für trockenen Schatten ist die Rotblättrige Wolfsmilch „Purpurea“ (Euphorbia amygdaloides „Purpurea“), überhaupt eine meiner Favoritinnen im Garten. Wenn gar nichts geht, dann ist sie meine Rettung, denn sie bringt Farbe und Substanz selbst in den tiefsten Schatten. Aus fast schwarzen Blättern erheben sich knallrote Stängel mit zitronengelben Blüten – nicht quietschbunt, keine Sorge, sondern geschmackvoll subtil.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.