Meine Eltern kamen nicht nach Bulgarien. Bulgarien war kein Land für sie, sagte meine Mutter am Telefon, nachdem ich sie eingeladen hatte, mit uns Weihnachten zu feiern. Als ich nachfragte, welches Land denn für sie infrage käme, reichte sie den Hörer an meinen Vater weiter, wortlos. Ich saß im Lehrerzimmer der amerikanischen Schule in Sofia, wo ich dreimal die Woche Deutsch unterrichtete. Es war früher Nachmittag, ich sah auf die verschneiten Gipfel des Witoschagebirges und wartete darauf, wie mein Vater in Frohnau langsam zum Telefonapparat schlurfte. Sie telefonierten nur auf dem Festnetz, aus Sicherheitsgründen, wie sie sagten. Sie riefen auch nie hier in Sofia an, sie wollten angerufen werden. Mein Vater erklärte mir dann, dass die Letalitätsrate in Bulgarien dreimal so hoch sei wie die in Deutschland. Sie wären allerdings auch nicht gekommen, wenn sie nur halb so hoch gewesen wäre, die Letalitätsrate. Ich dachte kurz darüber nach, ihm zu erzählen, dass man ganz in der Nähe Ski fahren konnte, ließ es aber sein. Auch der bulgarische Schnee wäre unakzeptabel gewesen, zu nass sicher. Bulgarien war kein Land für sie. Das war die Haltung.

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