Berlin - Alle reden vom Urlaub. Aber „Urlaub“ – was soll das denn eigentlich heißen? Ur-Laub: Sind damit die Blätter all der Herbste gemeint, unter denen die Sommer unserer Kindheit begraben liegen, als wir noch ahnungslos genug waren, um glücklich zu sein? Oder gar die Blätter des nächsten Herbstes, der jetzt noch weit entfernt scheint, da wir gerade erst die acht Februare der Pandemie überwunden haben? Oh, doch: Er wird unweigerlich kommen, so wie, wenn man über die Autobahn fährt, irgendwann bestimmt eine Tankstelle kommt, wo in den Vitrinen die Baguettes welken und einmal austreten 70 Cent kostet.

Der Herbst lauert immer und überall, Ihr Narren: Das sagen uns die Wollpullover, die hinten im Kleiderschrank ihrem neuerlichen Auftritt entgegendösen, das sagt uns der Erkältungstee, der im Küchenregal wartet, bis wir ihn uns wieder einflößen müssen, hustend, niesend, krepierend, das sagt uns jeder Schlaumeier, der ab der Sonnenwende herumposaunt, ab jetzt würden „die Tage wieder kürzer“.

Ist ja gut, Mann, wir wissen es selber: Die Erdachse steht schräg, das bewirkt den Wechsel der Jahreszeiten. Auch dieser Herbst wird also hereinbrechen, gegen unseren Willen. Er wird die schönste Zeit des Jahres wieder mal beenden wie das Ordnungsamt eine illegale Fete. Und mit ihm fallen die Blätter, das Laub, das Ur-Laub, das ja jetzt schon zu fallen beginnt, mitten in die Urlaubszeit und -stimmung hinein, wenn wir nur daran denken. Es gehört zum „Absolutismus der Wirklichkeit“ (Hans Blumenberg), dass kein Sommer ewig dauern kann. Ach!

Die Seele baumelt wie ein Meisenknödel im Wind

Wäre das tatsächlich der Ursprung des seltsamen Wortes „Urlaub“, stünden die Dinge nicht gut. In Wahrheit stehen sie sogar noch schlechter. Denn „Urlaub“ kommt vom Althochdeutschen „urloup“ – „Erlaubnis“.

Das muss man sich mal reinziehen: Jemand (der äußere oder innere Chef, wenn man so will) erteilt einem in all seiner majestätischen Großmut die „Erlaubnis“, zwei, drei Wochen frei zu sein von der sublimen Leibeigenschaft des späten Kapitalismus, indem er seinen Klaus-Dieter unter einen Antrag setzt.

Danke, Boss, ich küsse deine Augen: Endlich keine Angst vor der Abmahnung haben, weil man 30 Sekunden zu spät dran ist. Nicht den Druck von oben nach unten weitergeben. Aufatmen. Durchatmen. Überhaupt mal atmen – und bloß weiteratmen. Die Seele baumeln lassen, als wäre sie nurmehr ein Meisenknödel im Wind. Ist das herrlich, Kinder! IST DAS HERRLICH, HAB ICH GESAGT! Dieser Urlaub muss schön werden! ER MUSS! Und wer ihn sabotiert, der kriegt kein Eis. DAS HAST DU JETZT DAVON, DASS DU UNS HIER DIE STIMMUNG VERMIEST, SEBASTIAN! JETZT REISS DICH MAL ZUSAMMEN!

Schließlich hat man sich das ganze Jahr abgerackert, um sich endlich mal nicht abrackern zu müssen. Und nur der kleine Keramikseehund, den man sich letztes Jahr als Talisman gegen die Beschissenheit der Dinge von der Nordsee mitgebracht hat und der geduldig unter dem künstlichen Licht der Schreibtischlampe ausharrt, bis das Leben wieder glücklich sein darf, hat einen in den zurückliegenden acht Februaren davor bewahrt, über den Excel-Tabellen zusammenzubrechen und sich selbst umgehend ins Nichts zu faxen.

Wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier, Annegret!

Ich saß einmal auf der Promenade einer Urlaubsinsel, es war der Tag vor der Rückreise. Ich blickte, mit den Abschiedstränen kämpfend, auf das offene Meer, über dem der Herbst schon seine Truppen zusammenzog. Dieser Tyrann plante seinen Rückeroberungsangriff vom Norden her – darüber ließ ich mich vom kitschigen Abendhimmel nicht hinwegtäuschen. Da kamen zwei Damen auf ihren Leihfahrrädern angerollt. „Schön“, sagte die eine zur anderen, „dass wir das noch mitgenommen haben.“ Das ist wahre Effizienz, dachte ich, das ist Erholung bis zur letzten Sekunde, das ist Professionalität sogar im Urlaub. Mit der gleichen Einstellung haben sie sich wahrscheinlich jeden Morgen am Frühstücksbüffet den Teller mit Fleischsalat, Analogkäse und Weintrauben vollgeladen. SCHÖN, DASS WIR DAS NOCH MITGENOMMEN HABEN!

Mit der Erlaubnis geht eben auch ein Befehl einher: Hol das Maximum raus! Regenerier dich gefälligst, Freundchen! Lad den Akku auf! In deinem Arbeitsvertrag steht schließlich, dass du eine „Gesunderhaltungspflicht“ hast. PFLICHT! HÖRST DU? Dein Körper und dein Geist sind Humankapital, geh pfleglich damit um – und lass sie ordentlich baumeln.

Also wird der Urlaub absolviert, wie es sich gehört. Wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier, Annegret! Zieh die Partnerlook-Regenjacke an, wir gehen jetzt so lange wandern, bis es sich gelohnt hat. Was? Es regnet, sagst du? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung! WIR SIND DOCH NICHT AUS ZUCKER!

FFFFFFFT, sagt der aufblasbare Plastikdelfin

Und so geht er dieser Tage wieder los, der große Auszug aus der Stadt. Wir werden zu Molekülen der sogenannten Reisewelle, zu Mitverursachern des Staus, auf den wir alle schimpfen. Koffer werden aus den Kellern gezerrt und für jede Wetterlage gepackt, bis die Scharniere brechen. Liebling, weißt du noch, der eine Urlaub? Was haben wir gefroren! Nimm lieber auch die Schneehosen für die Kinder mit! Das Auto wird in letzter Minute zur Inspektion gepeitscht, damit es ja nicht in Hannover-Langenhagen liegen bleibt, das Sonnenmilcharchiv auf noch Haltbares durchforstet, der aufblasbare Plastikdelfin macht „FFFFFT“ und wird von trauernden Kindern mit Heftpflastern verarztet. Plauzen werden vor dem Spiegel eingezogen, Plauzen, die man doch längst loswerden wollte, um nicht schon wieder bei jedem Schritt zum Badestrand von den Schwabbelbewegungen des eigenen Körperfetts aus dem Tritt gebracht zu werden – aber jetzt ist es zu spät, verdammt, der Urlaub ist unaufschiebbar, denn sonst erlischt die kostbare Erlaubnis.

Hektisch wird die Wohnung aufgeräumt und geputzt, was sollen denn sonst die lieben Nachbarn denken, die die Blumen gießen, von deren Blüte man nichts haben wird, weil man ja in den Urlaub fahren muss. LOS JETZT, WIR SIND SCHON VIEL ZU SPÄT DRAN!

Und wenn man noch ein letztes Mal durch diese Wohnung geht, um nachzusehen, ob der Herd auch wirklich ausgeschaltet ist, durch die stillen Räume, in die das Licht eines Sommermorgens fällt und die mit einem Mal so friedlich daliegen, denkt man sich: Wie schade, dass ich hier nie lebe, sondern immer nur wohne, eingeklemmt zwischen zwei Arbeitstagen. Dass ich hier immer nur Erkältungstee saufe, abwasche, abtrockne, Socken sortiere, Schulbrote schmiere und vor dem Fernseher einpenne. All die wunderbaren Bücher im Regal, die zwar eine ganz schmucke, Bildung vortäuschende Kulisse für die Videokonferenz abgeben, aber die ich niemals lesen werde. All die interessanten Menschen, die ich nie hierher einlade, weil ja „immer was ist“ – Elternsprechtag, Steuererklärung, irgendeine Hänselei des Schicksals. All die Fragen, die ich mir hier pausenlos stelle, aber niemals beantworte, so etwa: Will ich mich wirklich nur von Urlaub zu Urlaub hangeln? Will ich immer nur der sein, der ich eigentlich bin, wenn ich die „Erlaubnis“ dazu habe? Und im Rest des Jahres komme ich einfach nicht dazu?

Doch schon zeigt das Navigationssystem, diese Stechuhr des Urlaubs, eine dramatische Verspätung an, und schon ist man so ausgelaugt von den Vorbereitungen, dass keine noch so penibel geplante Erholung es je wird kompensieren können. Trübsinnig zieht man die Tür hinter sich zu und denkt: Wann und warum ist das Zuhausebleiben eigentlich so in Verruf geraten? Wer hat den abfälligen Begriff „Urlaub auf Balkonien“ erfunden, wenn es doch so verlockend erscheint, jetzt in die Wohnung zurückzugehen, sich auf die kühlen Laken zu werfen und 24 Stunden zu pennen?

Thermoskannenkaffee und „Sunshine Reggae“

Der Wunsch erreicht seinen Höhepunkt, wenn man bei Reisekilometer 5, noch auf der Stadtautobahn, im zähfließenden Verkehr steckt und sich keinen Jota weiter in Richtung Ziel bewegen will, während aus dem Radio „Sunshine Reggae“ dudelt und man schon den dritten Becher Thermoskannenkaffee in sich hineinschüttet.

Deshalb hier mein Rat an alle: Geben Sie doch dieses Jahr Ihrem Impuls nach, einfach umzudrehen. Seien Sie vernünftig! Brechen Sie den Urlaub ab, bevor es zu spät ist. Fahren Sie besser gar nicht erst los. Bleiben Sie zu Hause. Machen Sie Ferien in dem Leben, das sie sonst immer verpassen. Seien Sie faul. Lesen Sie endlich die Bücher aus der Videokonferenzdekoration, oder lassen Sie es bleiben. Laden Sie Freunde ein, damit sie auch wirklich zu Freunden werden und nicht nur „Freunde“ bleiben. Gehen Sie in das kleine Restaurant um die Ecke, von dem Sie schon seit Jahren sagen, das sehe so nett aus, da müsse man mal hingehen. Gehen Sie spazieren, ohne Ziel und ohne Erlebnisdruck. Erlauben Sie sich eine schöne Zeit, statt sie sich erlauben zu lassen. Genießen Sie die Stille und die Leere einer Stadt, die die Gestressten allesamt verlassen haben. Sie hat so lange auf Sie gewartet, lassen Sie sie jetzt nicht im Stich.

Das klappt natürlich nur, wenn möglichst viele von Ihnen meinen Rat nicht befolgen. Hören Sie also nicht auf mich. Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub. Erholen Sie sich optimal! Und beeilen Sie sich lieber: Die Tage werden wieder kürzer.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.