Edward Snowdens letztes Lebenszeichen war offensichtlich ironisch gemeint: „Ich hänge nicht an einem Seil, das jedes Mal, wenn ich twittere, ein bisschen schneller brennt, von der Decke über einem Fass mit Säure, ihr besorgten Trolls.“ Das postete der Whistleblower und NSA-Verräter am 27. Februar auf Twitter. Seine vielen Kritiker hatten gewitzelt, dass mit dem Einmarsch der Russen in der Ukraine auch Snowden unter die russischen Räder geraten sei.
Seine Erklärung für das plötzliche Schweigen: „Ich habe einfach jegliches Vertrauen verloren, dass es weiterhin nützlich ist, meine Gedanken zu diesem speziellen Thema zu verbreiten, weil meine Vorhersagen falsch waren.“ Doch sind auch keine Solidaritätsbekundungen mit den Ukrainern zu finden. Seitdem ist der Ex-Geheimdienstler verstummt.
I'm not suspended from the ceiling above a barrel of acid by a rope that burns a little faster every time I tweet, you concern-trolling ghouls. I've just lost any confidence I had that sharing my thinking on this particular topic continues to be useful, because I called it wrong.
— Edward Snowden (@Snowden) February 27, 2022
Mit „diesem speziellen Thema“ meinte Snowden die Ukraine-Krise, die am 24. Februar zum Ukrainekrieg wurde. Zuvor hatte der amerikanische Ex-Spion immer wieder behauptet, dass die Ankündigungen der amerikanischen Regierung, Putin würde das Nachbarland in Kürze überfallen, gelogen waren.
„Jetzt, da die versprochene Invasion ausgeblieben ist, könnten wir vielleicht noch einmal einen Blick auf die Geschichte werfen ...“, schrieb er mit triumphierender Ironie, jedoch offensichtlich verfrüht am 16. Februar 2022.
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Mittlerweile hat Snowden seit mehr als einem Monat gar nichts mehr geschrieben, geteilt oder geliked. Zwar erschien Mitte März im Rahmen einer Kryptowährung-Konferenz noch ein Video-Interview mit ihm zu den Gefahren von Bitcoin und Co. – doch dieses Gespräch war bereits am 27. Februar aufgezeichnet worden, dem Tag seines letzten Tweets. Der letzte Eintrag auf Snowdens persönlichem Blog stammt aus dem November.
Das ist ungewöhnlich. Normalerweise äußert sich Snowden, dem auf Twitter mehr als 5,2 Millionen Menschen folgen, regelmäßig zu allen möglichen Themen, vor allem zu Fragen der Cybersicherheit, amerikanischer Außenpolitik und Bürgerrechten. Dabei vertritt Snowden eine äußerst konsequente, teils kompromisslose Haltung zu freier Meinungsäußerung und freier Presse.
Snowden sorgt sich viel um die kanadische Meinungsfreiheit
Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die Staaten des Westens. Viele seiner Tweets in den Wochen vor Beginn der Funkstille drehten sich um das Vorgehen der kanadischen Behörden gegen Lastwagenfahrer, die die staatliche Impfpflicht ablehnten und mit ihren Lkws die Hauptstadt Ottawa blockierten. Der kanadische Premier Justin Trudeau rief daraufhin den Notstand aus und fror die Gelder von Unterstützern ein.
Snowden fand das ungeheuerlich: „Regierungen, die sich das Recht herausnehmen, die Bankkonten von Menschen einzufrieren, weil sie eine Protestbewegung niederschlagen wollen, sind tyrannisch und obszön. Wenn sie dagegen sind, dass China oder Russland so etwas tun, müssen sie auch dagegen sein, dass Kanada das macht.“
Womöglich hat der Überfall Russlands auf die Ukraine auch Snowdens Weltbild ins Wanken gebracht und ihn sprachlos gemacht. Seine Moskauer Gastgeber zu verteidigen, wird ihm in Zukunft jedenfalls schwerfallen.

